Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

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(24.12.2020 / 17.1.2021)
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Und führe uns nicht in Versuchung
(Mt 6, 13 / Mt 4, 1-11)

Liebe Gemeinde,

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. So sprechen wir in jedem Gottesdienst, wenn wir das Vaterunser beten. Eine Selbstverständlichkeit.

Das habe ich jedenfalls immer gedacht, bis 2017 Papst Franziskus daran rührte. Führe uns nicht in Versuchung, so hat er da gesagt, sei eine schlechte Übersetzung, weil nicht Gott den Menschen in Versuchung stürze: Ein Vater tut so etwas nicht; ein Vater hilft sofort wieder aufzustehen.

Seit dieser Äußerung des Papstes schwelt die Diskussion. Über die Übersetzung: Steht das wirklich so da? Und hat Jesus das wirklich so gesagt und gemeint? Über die Versuchung: Was sind Versuchungen eigentlich? Und was machen sie mit mir, mit uns? Und über Gott: Macht er die Versuchungen? Macht er das Böse? Und wenn ja, warum? Will er uns damit prüfen oder ins Straucheln bringen?

Diesen drei Fragen möchte ich nachgehen und ich beginne mit der ersten Frage, die auch am schnellsten zu beantworten ist. Ist die Übersetzung richtig? – Ja, die Übersetzung ist richtig. Im griechischen Neuen Testament steht genau dies so da. Wissen sollten wir dabei lediglich: Jesus hat kein Griechisch gesprochen, sondern Aramäisch. Der Übersetzung vom Griechischen ins Deutsche ging also schon die Übersetzung vom Aramäischen ins Griechische voraus. Über die können wir aber nichts sagen, weil wir die originalen Worte Jesu nicht kennen. Auch deshalb ist es aber naheliegend, bei den Worten zu bleiben, wie wir sie im Neuen Testament finden: Und führe uns nicht in Versuchung. Denn alles andere ist Spekulation.

Damit komme ich zur zweiten, schon etwas schwieriger zu beantwortenden Frage, der Frage, was Versuchungen eigentlich sind. Sind es die Süßigkeiten, die wir abends gerne nasche oder ist es der Alkohol? Ist es die Erotik oder der Sex? Sind es meine geheimen Wünsche und Sehnsüchte? Oder ist es einfach der Reiz des Verbotenen?

Wenn ich Jesus und das Vaterunser richtig verstehe, dann geht es ihm um mehr. Es geht um solche Dinge wie die, die ihm in der Wüste widerfahren sind und die auch uns widerfahren können: Zum Beispiel die Versuchung, nur auf die Nahrung, die leiblichen, die äußeren Dinge zu schauen. Dazu können Süßigkeiten und Alkohol gehören, aber auch noch ganz andere Dinge wie zum Beispiel teure Immobilien auf Mönchgut. Oder die Versuchung, sich im geistlichen oder emotionalen Überschwang hinabzustürzen und die Verantwortung für sich selber und sein Tun aufzugeben. Dazu kann der Sex gehören, aber auch hier gibt es noch viele andere Dinge, ich denke zum Beispiel an religiösen oder politischen Fanatismus. Oder die Versuchung der Macht, also die Versuchung, die Dinge im Griff haben und alles beherrschen zu wollen. Das gibt es natürlich im Großen, aber das gibt es genauso auch im Kleinen, in der Familien, im Beruf, im Alltag…

Perfide ist, dass für uns Menschen unendlich viele Dinge zu einer Versuchung werden können, die zunächst mal ganz harmlos sind. Eine Immobilie kann wunderbar sein, genauso wie ein Gummibärchen. Wenn wir aber nicht mehr genug davon bekommen können, wenn es immer mehr, immer größer, immer exklusiver sein muss, dann hat die Versuchung gesiegt. Denn dann beherrsche nicht mehr ich die Dinge, sondern die Dinge beherrschen mich. Wir erliegen der Versuchungen und werden unfrei, werden Sklaven der Dinge oder unserer Wünsche.

Das ist die Versuchung, der Jesus in der Wüste widersteht und der auch wir widerstehen sollen: Wir sollen die Dinge des Lebens und der Welt in aller Freiheit nutzen und dann auch wieder zur Seite legen können. (Und in Klammern sei gesagt: Deshalb ist das Fasten eine so segensreiche Erfindung. Weil wir beim Fasten merken, ob wir der Versuchung widerstehen können und über den Dingen stehen, oder ob sie uns beherrschen und unfrei machen.)

Und damit kommen ich jetzt zu der Frage nach Gott. Und da knüpfe ich nochmal bewusst bei den Worten von Papst Franziskus an: Ein Vater führt seine Kinder nicht in Versuchung. - Als Vater kann ich dies nur von ganzem Herzen bekräftigen. Auch ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, meine Kinder bewusst in Versuchungen zu führen und würde es auch weder bei ihnen noch bei meinen Enkelkindern tun.

Natürlich habe ich versucht, ihnen meine Werte zu vermitteln und ihnen vorzuleben, was mir wichtig ist. Und ich habe auch Stopp-Zeichen gesetzt, besonders, als sie noch kleiner waren. Je älter sie wurden, desto mehr habe ich aber bemüht, sie selber entscheiden zu lassen. So haben sie sicher manchen Fehler gemacht, sind auch an manchen Versuchungen gescheitert. Aber so haben sie gelernt, Verantwortung für sich und ihr Tun und Lassen zu übernehmen. Und ich glaube, nur so können wir Menschen lernen, in der Freiheit zu leben, in die wir alle gestellt sind.

Und damit komme ich jetzt wieder auf Gott zurück. Ich glaube, Gott macht das genauso: Er stellt uns keine Fallen um uns zu prüfen oder gar unser Scheitern zu provozieren. Aber er räumt die Versuchungen, die es in unserer Welt und in unserem Leben nun mal gibt, auch nicht aus dem Weg. Weil wir nur so lernen können, frei zu leben und uns frei zu entscheiden. So wie Jesus bei seinem Weg durch die Wüste. Und weil es diese Freiheit ist, die Gott für uns und unser Leben will.

Wieso gibt es Versuchungen? Weil ein Leben ohne sie eben nicht die große Freiheit wäre, sondern lediglich ein goldenes Gefängnis. Deshalb sind sie ein unverzichtbarer Teil der Welt Gottes, sie sind Teil seiner Schöpfung. Und deshalb ist es auch sein Geist, der Jesus in die Wüste führt, also mitten in die Versuchung hinein.

Wir aber sollen so frei sein, dass wir die Versuchung bestehen können. Und damit komme ich am Schluss nochmal auf das Vaterunser, denn da heißt es ja nicht nur Und führe uns nicht in Versuchung, sondern auch erlöse uns von dem Bösen.

Und das ist das Ziel, das wir selber immer wieder die Kraft und die Freiheit haben, uns vom Bösen zu lösen. Denn dann können uns alle Dinge der Welt und des Lebens zum Besten dienen. Und was für Jesus galt, das gilt dann womöglich auch für uns und die Engel des Himmels, die ihm dienten, die dienen dann auch uns.

Amen

 

28. Februar 2021 - Pastor Olav Metz