Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

Wasser des Lebens
(4. Mose 20, 1-11 / Markus 1, 4-13)

Liebe S., liebe Gemeinde,

Von allen Seiten umgibst du mich, so kann man wohl sagen, wenn man sich hier von diesem Platz aus umschaut: Denn in alle Richtungen ist es uns nahe, das Wasser. Vor uns sehen wir die Hagensche Wiek und den Ostteil des Greifswalder Boddens. Richtung Westen liegt ebenfalls der Greifswalder Bodden. Hinter uns (wenn auch von hier nicht zusehen) liegt die Having. Und Richtung Osten ist es nicht mehr weit bis zur Ostsee.

Von allen Seiten umgibt es uns – das Wasser. Und wer hier leben darf in einer so schönen Landschaft, wer hier Urlaub machen kann in einem so warmen und trockenen Sommer und wer, wie wir heute, hier Gottesdienst feiern kann, der kann sich glücklich schätzen: Denn es ist schon etwas Besonderes, so rundherum vom Wasser umgeben zu sein.

Wie es ist, wenn das Wasser knapp wird, das muss ich ihnen in diesem ‚Jahrhundertsommer‘ nicht erzählen: Bei uns bietet die See ja noch Möglichkeiten, sich zu erfrischen, und die Luft heizt sich nicht ganz so stark auf. Im Binnenland sieht das an vielen Stellen ganz anders aus. Und welch trauriges Bild sich dann bietet, das habe ich auf meiner Urlaubsradtour durch Mecklenburg-Vorpommern und entlang der Elbe selber sehen können: Notreifes Getreide. Braune Wiesen und erschöpfte Menschen. Und eine Elbe ohne Schifffahrt, durch die man an einigen Stellen zu Fuß von einer auf die andere Seite hätte laufen können.

Wie es ist, wenn das Wasser knapp wird, das hat auch das Volk Israel vor circa 3.000 Jahren auf seiner Wanderung durch die Wüste Sinai erleben müssen: Ohne Wasser in der Wüste, da kommt Todesangst auf. Und das verändert den Blick: Die Jahre der Knechtschaft in Ägypten erscheinen den Durstigen plötzlich gar nicht mehr so schrecklich; immerhin gab es da Trinkwasser. Der Unmut der Leute entlädt sich in einer handfesten Meuterei gegen die, die ihnen Vorausgehen und sie in die Freiheit führen wollen, gegen Mose und Aaron. Und da hilft dann nur noch ein Wunder Gottes und Mose schlägt mitten in der Wüste Wasser aus dem Felsen.

Gott sei Dank: So schlimm steht es bei uns nicht. Noch nicht. Aber dass Wasserknappheit auch vor modernen Gesellschaften nicht Halt macht, das muss zum Beispiel gerade die Millionenstadt Kapstadt in Südafrika erleben. Dort sind die Wasserreserven fast vollständig aufgebraucht und deshalb wird dort inzwischen bewusst und energisch gespart: Der Wasserdruck von Duschen wird zum Beispiel reduziert, Hotelbadewannen haben keine Stöpsel mehr, Pools bleiben leer und Rasenflächen dürfen nicht mehr bewässert werden.

Bei uns fließt das Wasser noch ungebremst. Für uns ist es selbstverständlich, dass wir davon beliebig viel zur Verfügung haben und es mit einem Griff zum Wasserhahn sozusagen selber aus der Wand schlagen können. Gerade wir müssen deshalb wohl erst wieder lernen, dass Wasser eine der größten und gar nicht selbstverständlichen Gaben Gottes ist. Denn Wasser ist auch heute und auch für uns die Quelle und der Grund allen Lebens. Wir sollten deshalb achtsam mit ihm umgehen. Und wir sollten dankbar sein, dass wir genug Wasser zum Leben haben.

Gerade weil das Wasser eine so elementare Bedeutung hat, gerade deshalb ist es nun aber noch weit mehr: Es ist nicht nur das wichtigste Lebensmittel, so wie die Wüstengeschichte aus dem Alten Testament es erzählt. Zugleich ist es auch ein Bild, ein Bild für das, was wir zum Leben unbedingt brauchen. Es ist ein Bild für Gott und unsere Verbindung zu ihm.

Von allen Seiten umgibst du mich, das können wir an diesem Ort vom Wasser sagen. Genau dies sagt die Bibel aber auch von Gott: Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. (Psalm 139, 5) Und genau deshalb hast du, S., dir diesen Vers aus dem 139. Psalm auch als Taufspruch ausgesucht: Weil du darauf vertraust, dass Gott dich begleitet und dir nahe ist, wo auch immer der Weg des Lebens dich hinführen mag.

Auch die Taufe hat natürlich etwas mit Wasser zu tun; ich taufe dich mit Wasser. Auch das hat natürlich eine Bedeutung. Und wie wir das deuten können, das können wir dem Bibeltext entnehmen, den wir als zweite Lesung gehört haben.

Da kommen Menschen zu Johannes dem Täufer an den Jordan, den zentralen Fluss Israels. Er ruft sie auf, ihr Leben zu ändern. Und als Zeichen dafür, dass sie alte Fehler bereuen und neu anfangen wollen, tauft er sie. Wie ein neuer Mensch, wie Neugeboren, so sollen sie von jetzt an leben.

Mich beeindruckt an dieser Geschichte, dass die Menschen damals die Größe hatten, sich eigene Fehler einzugestehen. Diese Tugend begegnet mir heute leider nicht sehr häufig. Heute sind meist andere Schuld: Die Umstände, die Regierung, die Leute, das Wetter… um nur einige Beispiele zu nennen. Und das ist schade, weil dadurch oft der Ausgangspunkt fehlt. Der Ausgangspunkt, von dem aus Menschen umkehren und tatsächlich neu anfangen können.

Und noch etwas beeindruckt mich an dieser Geschichte: Dies nämlich, dass sogar Jesus selbst diesen Neuanfang macht: Er selbst kommt zu Johannes und er lässt sich taufen. Das gibt ihm die Kraft, den folgenden Versuchungen zu widerstehen, die auch ihm übrigens in der Dürre der Wüste begegnen. Es gibt ihm die Kraft, seinen eigenen Weg zu gehen, auch durch das Leid hindurch. Und Gott ist es, der ausdrücklich Ja sagt, zu Jesus und zu seinem Weg.

Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. (Psalm 139, 5) So heißt es im Taufspruch von S.. In der Geschichte von der Taufe Jesu ist es die Taube das Zeichen für den Geist Gottes, der den Getauften begleitet soll. Dieser Geist soll auch dich, Svea, begleiten. Und mit dieser Geistesgabe möchte ich drei konkrete Wünsche für dich verbinden.

Als erstes wünsche ich dir, dass du den Mut hast, dich immer wieder kritisch zu hinterfragen: Ist mein Weg richtig, läuft wirklich alles gut? Und wenn du merken solltest, dass da was nicht stimmt, dann gestehe dir Fehler ein und kehren um. Das ist manchmal nicht leicht. Aber Taufe heißt, dass du die Freiheit dazu hast. Wenn du das wagst, dann lebt der Geist Gottes in dir.

Als zweites wünsche ich dir, dass du keine Angst hast vor den Durststrecken des Lebens. Schwierige Wege gibt es immer wieder. Selbst Jesus war davor nicht gefeit und auch dich wird der Geist Gottes davor nicht bewahren. Aber mit der Taufe sagt Gott: Ich gebe dir die Kraft, die Wüstenwanderungen deines Lebens zu bestehen. Und dass dir das gelingt, das ist deshalb mein zweiter Wunsch für dich, denn dann lebt der Geist Gottes in dir.

Alles Drittes und letztes wünsche ich dir, das dein Weg ein guter Weg wird: So gut, dass du selber ihn mit Freude gehen kannst. So gut, das viele andere Menschen an dir Freude haben. So gut, dass Gott auch zu dir immer wieder sagen kann: Du bist meine Tochter, ich habe dich lieb, an dir habe ich meine Freude. Denn gerade dort, wo diese Lebensfreude spürbar wird, da lebt der Geist Gottes in dir.

Liebe S., in diesem Sinne möchte ich dich heute taufen. Ich taufe nur mit Wasser so wie Johannes der Täufer damals. Ich vertraue aber darauf, dass du damit vom Heiligen Geist getauft bist. Der möge in dir sein und um dich sein, heute und alle Zeit. Und er möge in uns und um uns allen sein. Denn das soll nicht nur für S. gelten, sondern für uns alle: Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. (Psalm 139, 5)

Amen

 

 

 

12. August 2018, Pastor Olav Metz