Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)
Sonnensteine
(zur Konfirmation 2026)
Liebe Gemeinde, vor allem aber liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,
Wie haben es die Wikinger geschafft, über das Nordmeer bis nach Neufundland zu navigieren? Wie sind sie bis Grönland und bis Amerika gekommen, ohne sich in den Weiten des Atlantiks zu verlieren? - Dass sie das geschafft haben, schon weit vor Kolumbus, darüber ist man sich in der Wissenschaft weitgehen einig. Aber wie ohne Magnetkompass, ohne Seekarten und ohne GPS?
Diese Frage beschäftigt Historiker und Naturwissenschaftler schon ziemlich lange. Und eine mögliche Antwort auf diese Frage hat der ungarische Physikprofessor Gabor Horvath gefunden und vor einigen Jahren im Fachmagazin Royal Society Open Science vorgestellt. Sie lautet: Sonnensteine. Die Wikinger hatten Sonnensteine.
Was sind Sonnensteine? – Sonnensteine sind Kristalle, die etwas können, was unser menschliches Auge nicht kann: Sie können die Polarisierung des Lichts sichtbar machen. Wenn das Sonnenlicht unsere Erdatmosphäre erreicht, dann wir es nämlich in einer bestimmten Richtung ausgerichtet, es wird polarisiert. Unser Auge kann diese Ausrichtung nicht sehen, sonst sähe der Himmel für uns nicht einheitlich blau aus, sondern er wäre gestreift.
Diese Kristalle aber können uns diese Polarisierung des Lichts zeigen, und zwar dadurch, dass sich die verschiedenen Seiten des Kristalls, je nach ihrer Ausrichtung zum Licht, unterschiedlich verfärben. Dieser ‚Sonnenkompass‘ funktioniert sogar bei Nebel oder bedecktem Himmel. Und auch wenn letzte Beweise noch fehlen: Es ist durchaus möglich, dass die Wikinger solche Steine kannten und als nautisches Navigationsinstrument genutzt haben.
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, nun weiß ich natürlich nicht, wohin euch die Reise des Lebens mal führen wird. Und selbst wenn sie euch übers Meer führen sollte, werdet ihr nicht auf Sonnensteine angewiesen sein; heute gibt es andere Möglichkeiten, die eigene Position und die Richtung zu bestimmen.
Sonnensteine im direkten Sinne braucht ihr also nicht. Aber ich denke, Sonnensteine im übertragenen Sinn, die werdet ihr wohl brauchen. Schon in den sonnigen Zeiten eures Lebens wird es wichtig sein, die eigene Richtung gut zu bestimmen, um auch wirklich ans Ziel zu kommen. Und wenn es in eurem Leben mal trübe oder stürmisch wird, dann wird das sogar noch wichtiger sein, damit ihr mit eurem Leben Kurs haltet und nicht Schiffbruch erleidet.
Die Kirche und der christliche Glauben sollen letztlich also nichts anderes sein, als Sonnensteine für euer Leben. Als Christen glauben wir nämlich, dass die Begleitung Gottes im Grunde immer und überall da ist, so, wie das Licht der Sonne. Wie durch die Sonne alle Lebenskraft und alle Energie auf unserer Erde kommt, so kann uns der Glaube immer wieder die nötige Kraft und Energie fürs Leben geben. Wenn wir uns denn darauf zu verlassen wagen.
Ihr sagt heute als Konfirmanden: Ja, das wollen wir. Dieses Licht soll uns leuchten. Ein Zeichen für dieses Licht sind eure Taufkerzen, die wir jetzt nach und nach nochmal anzünden werden. Ich werde ein paar Worte zu euren Konfirmationssprüchen sagen. Und mit diesem Spruch werdet ihr dann nachher nicht nur gesegnet, sondern ihr bekommt ihn auch noch mal auf einem Stein handfest in die Hand. Denn dieser Spruch soll, wenn möglich eurer ‚Sonnenstein‘ für den Weg eures Lebens werden.
Was ist zu sagen zu euren Sprüchen? Nun, ich möchte mit Ida beginnen. Der Spruch, den du dir ausgesucht hast, der steht im Römerbrief und lautet: Alle, die sich von Gottes Geist leiten lassen, sind Gottes Kinder. (Römer 8, 14) - Was bedeutet es, sich vom Geist Gottes leiten zu lassen? - Liebe Ida, wessen Geistes Kind du bist, das entscheidet sich genau an dieser Frage: Worauf vertraue ich? Worauf verlasse ich mich?
Vielleicht erinnerst du dich: In einem unserer Kurse hatten wir ein kleines Spiel gemacht mit drei Messern, drei Bechern und einem Glas. Entscheidend waren dabei die drei Messer. Und die Quintessenz dieses Spieles war: Wenn es dir gelingt, mit Selbstvertrauen, mit Vertrauen zu anderen und mit Gottvertrauen deinen Weg zu gehen, dann hast du eine stabile Lebensgrundlage. Und du kannst in der Freiheit leben, zu der Christus dich und jeden von uns befreit.
Liebe Ida, wenn dir das gelingt, dann bist du wirklich seines Geistes Kind. Und dass dir das gelingt, das wünsche ich dir von ganzem Herzen.
Als zweites komme ich jetzt zu Moritz. Dein Spruch aus dem Buch Josua lautet: Sei mutig und stark! Fürchte dich nicht und habe keine Angst, denn der Herr, dein Gott, ist mit dir. (Josua 1, 9)
Lieber Moritz, ja, Gottvertrauen, also das Vertrauen auf Gottes Begleitung, ist wichtig. Aber das soll jetzt nicht etwa dein Selbstvertrauen ersetzen, sondern es soll dich stark machen, stark und mutig, das zu tun, was du selber tun kannst. Dass deshalb nicht immer alles glatt geht, das weißt du und das wissen wir alle. Entscheidend aber ist, sich dann nicht zu verkriechen, sondern sich immer wieder neu raus zu wagen und auf den Weg zu machen. So war es bei Josua damals, dem dein Spruch vor 3.000 Jahren ursprünglich mal gesagt worden ist. Und ich wünsche dir, dass auch dir das gelingt, damit die Reise deines Lebens ein spannender und schöner Weg wird.
Ja, und was man mit einer soliden Verbindung von Gottvertrauen und Selbstvertrauen machen kann, das finde ich im Konfirmationsspruch von Milena. Der steht nämlich im Römerbrief, und lautet: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. (Römer 12, 21)
Liebe Milena, du weißt es und wir alle wissen es: Das Leben ist kein Ponnyhof. Ja, es gibt viel Gutes und Schönes und das können und sollen wir genießen und uns daran freuen. Aber das alles gut ist oder gut bleibt, das gibt es in keinem Leben.
Erwachsenwerden heißt, dem nüchtern ins Auge zu sehen. Und es heißt auch, sich zu entscheiden: Wie gehe ich damit um? Ich kenne Leute, die versuchen, das zu ignorieren. Sie tun so, als ob es die Probleme nicht gäbe. Ich kenne auch Leute, die sagen: dafür bin ich nicht verantwortlich, da müssen sich andere kümmern. Und ich kenne auch Menschen, die angesichts der Schwierigkeiten in ihrem Leben resignieren.
Liebe Milena, mit deinem Konfirmationsspruch entscheidest du dich, die Schwierigkeiten des Lebens nicht zu ignorieren oder vor ihm zu resignieren, sondern ihnen etwas entgegenzusetzen, um sie zu überwinden. Ich sage ganz deutlich: Menschen mit dieser Haltung, die sind leider nicht so reichlich, wie unsere Gesellschaft und unsere Welt sie eigentlich bräuchte. Aber umso mehr freue ich mich, dass du zu diesen Menschen gehören willst, dass du genau das auch jetzt schon tust – z.B. in der Jugendfeuerwehr. Und mit deiner Konfirmation heute wünsche ich dir für diesen Weg Gottes Segen.
Nun gehört es zur Rolle der Eltern und Lehrer und überhaupt der Erwachsenen, die Jugend zur Vorsicht und Achtsamkeit zu mahnen. Und natürlich wünschen ich mir als Pastor, als Vater und inzwischen sogar als Großvater, dass die Jüngeren meine Bedenken und ggf. auch Warnungen nicht in den Wind schlagen, sondern bitte auch ernst nehmen.
Mit etwas Abstand betrachtet muss ich aber auch sagen: Das ist meine Rolle. Eure Rolle als jüngere Menschen ist eine andere und damit komme ich jetzt zu dir, Karl. Dein Konfirmationsspruch steht im 1. Buch Mose und lautet: Haltet mich nicht auf, denn Gott hat seinen Segen zu meiner Reise gegeben. (1. Mose 24, 56)
Lieber Karl, wie es die Rolle der Alten ist, zur Vorsicht zu mahnen, so ist es die Rolle der Jugend, sich nicht aufhalten zu lassen. Allerdings nicht, weil die Erfahrungen der Älteren nichts Wert sind, sondern weil ihr andere und möglichst bessere Erfahrungen mit der Welt und dem Leben machen sollt. Zur Wahrheit gehört nämlich auch, dass ihr vieles besser machen müsst, als wir als ältere Generation es gemacht haben…
Deshalb, Karl, geh Deinen Weg in seinem Geist. Lass dich nicht aufhalten. Ich bin sicher, das ist es, was Gott für Dein Leben will. Und dein Weg wird gesegnet sein, wenn du das immer wieder wagst.
Fehlt jetzt am Schluss nur noch die Kerze von Johann: Und mit deinem Spruch sind wir jetzt auch am Ende, den der lautet: Der Himmel und die Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. (Lk 21, 33) Und mit diesen Worten schließt sich jetzt der Kreis.
Als Christen glauben wir ja, dass das Licht, das uns leuchtet, langlebiger ist als aller Wandel, den wir am Himmel und auf unserer Erde erleben. Wir glauben, dass es ewig ist und bleibt, d.h., dass wir von ihm begleitet sind und bleiben in unserer Zeit und bis in alle Ewigkeit.
Lieber Johann, dir wünsche ich, dass dieses Vertrauen dich tragen möge, im Leben und auch über alle Grenzen des Lebens hinweg. Damit für dich spürbar wird, dass der Glaube nicht leeres Gerede ist, sondern ein richtungsweisendes Licht mit einer grenzenlosen Ausstrahlung, das auch dich auf dem Weg deines Lebens immer wieder zu neuen Horizonten führt.
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Wie haben es die Wikinger geschafft, über das Nordmeer bis nach Neufundland zu navigieren? Wie sind sie bis Grönland und bis Amerika gekommen, ohne sich in den Weiten des Atlantiks zu verlieren? - Nun, sie hatten Steine, Sonnensteine, Kristalle, die es ihnen ermöglicht haben, dem Licht der Sonne zu folgen, auch wenn diese zuweilen nicht zu sehen war.
Liebe Konfirmanden, ich wünsche euch, dass die Kirche und der christliche Glauben für euch solche Sonnensteine des Lebens werden. Möge das Licht Gottes euch leuchten, so wie eure Taufkerze. Und möge euer Konfirmationsspruch für euch zum Sonnenstein werden, der euch die Richtung weist und sicher euren Weg gehen lässt.
In diesem Sinne möchte ich euch heute konfirmieren. Und dann bleibt behütet. Oder in der Sprache der Bibel
Amen
Sellin am 9. Mai 2026 - Pastor Olav Metz
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