Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

Zum Erntedankfest 2019
(Psalm 8, Lukas 12,15-21, Römer 8,14-21)

Liebe Gemeinde,

es gibt Worte, die man eigentlich nur in historischen Zeiten in den Mund nehmen kann. Eines dieser Worte kennen sie sicherlich alle: Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute ein Apfelbäumchen pflanzen. Martin Luther hat das vor 500 Jahren gesagt. Er hat es gesagt, als die Welt in den großen Wandel der Reformation geriet mit tiefgreifenden Folgen in allen Lebensbereichen, eben in historischen Zeiten.

An historische Zeiten habe ich mich auch erinnert, als ich letzte Woche in Leipzig war. 30 Jahren ist es inzwischen her, dass wir dort zum Friedensgebet in die Nikolaikirche gegangen sind und danach auf die Straße. Wir haben um das Risiko gewusst; es hätte auch anders ausgehen können. Aber wir haben gespürt: Dies ist ein historischer Moment. Jetzt gilt es Flagge zu zeigen, wenn wir uns selbst und unseren Kindern zukünftig noch offen in die Augen sehen wollen. So haben wir vor 30 Jahren im Angesicht der Gefahr unser Apfelbäumchen gepflanzt und es hat Früchte getragen auch wenn – das wissen wir alle – danach nicht alles gut geworden ist.

Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute ein Apfelbäumchen pflanzen. - Nein, ich bin kein Prophet. Aber wenn ich die Zeichen der Zeit richtig deute, dann gehen auch wir heute in solche historischen Zeiten hinein, in Zeiten, die fundamentale Veränderungen mit sich bringen werden und die gerade deshalb unsere Hoffnung und unseren Einsatz, eben unser Äpfelbäumchen brauchen.

Den Grund für diese Vermutung kennen sie alle: Die Temperatur steigen - schneller als erwartet. Der Grundwasserspiegel fällt und erholt sich auch über Winter nicht. Wetterextreme nehmen zu. Die Artendiversität nimmt ab. Und weite Teile der Schöpfung ächzen unter den Belastungen, zu denen wir Menschen offenbar einen erheblichen Teil beigetragen haben.

Davon muss ich reden, heute, zum Erntedankfest, weil es bei diesem Fest genau darum geht: Um unser Verhältnis zur Natur. Denn wir als Christen sehen in dieser Natur die Schöpfung Gottes. Sie kommt – so glauben wir – aus Gottes Hand. Und was das konkret bedeutet, dem möchte ich an Hand der Bibeltexte nachgehen, die wir in diesem Gottesdienst gehört haben.

Am Anfang stand der 8. Psalm, den wir im Wechsel gelesen. Dieser Psalm bestimmt unsere Position als Menschen in Gottes Schöpfung und er tut dies in doppelter Weise: Unter der Weite des Universums sind wir eigentlich ein Nichts, ein Staubkorn im All. Zugleich sind wir aber wenig niedriger als Gott, sind Herrscher über Pflanzen und Tiere, weil Gott alles unter unsere Füße gelegt hat.

Hier aber ist im Laufe der Jahrhunderte offenbar etwas erheblich schief gelaufen. Denn ‚unter die Füße gelegt‘ bedeutet zwar, die Natur zu beherrschen. Es bedeutet aber nicht, sie mit Füßen zu treten oder gar zu zertreten. Genau das geschieht aber.

Wir haben offenbar vergessen, dass auch die Natur ein Geschöpf Gottes ist, und nicht nur ein Materialpool, den wir bis zur Erschöpfung ausbeuten dürfen! Wir haben vergessen, dass herrschen auch bedeutet, für das Beherrschte Verantwortung zu übernehmen. – Auch die Natur ist ein Bruder, dessen Hüter wir sein sollen. Und wir haben über allem Herrschen vergessen, uns selbst zu beherrschen. - Wir haben die Beherrschung, die Selbstbeherrschung verloren.

Immer mehr haben wollen, sich mit Geld oder hohen Mauern absichern und das für Lebenssicherheit halten. So hat es der reiche Kornbauer gemacht und ich glaube, wir sind ihm da in vielen Dingen ähnlich. Und so wäre ein erster wichtiger Schritt, dass wir demütig werden und erkennen: Wir sind und bleiben ein Staubkorn im All. Und wenn sich unsere Herrschaftsformen nicht ändern, wenn wir nicht lernen verantwortlich zu herrschen und uns selbst zu beherrschen, dann wird dieses Narrenspiel uns das Leben kosten.

Und damit komme ich jetzt zu Paulus und seinen Worten aus dem Römerbrief. Paulus beschreibt uns Menschen nicht in erster Linie als Herrscher der Welt, sondern als Kinder und Erben Gottes und Jesu Christi. Damit weist auch er deutlich auf unsere Verantwortung hin: Wir sind die verantwortlichen Erben der Schöpfung Gottes. Wir sind auch die Verantwortlichen Erben seiner Botschaft der Liebe. Und diese Liebe schließt die Schöpfung ausdrücklich mit ein. Die wartet nämlich sehnsüchtig darauf, dass genau dies offenbar wird: Unsere Bestimmung als verantwortliche Erben Gottes in dieser Welt, als Menschen, die liebevoll mit sich selbst und seiner Schöpfung umgehen. Darauf wartet die Welt.

Paulus verheißt, dass wir dahin finden werden, heraus aus der Knechtschaft und hin zur Freiheit der Kinder Gottes. Und für mich ist das die Freiheit, zu der Christus uns befreit.

Es ist die Freiheit, sich nicht mehr rücksichts- und gnadenlos durchzusetzen sondern sich selbst zu beherrsche. Es ist die Freiheit zur Demut (wer sind wir denn angesichts dieses Universums?). Es ist die Freiheit, nicht nur mich und unsere menschlichen Interessen zu sehen, sondern auch die der Mitgeschöpfe. Und es ist die Freiheit, dann das Nötige zu tun und ein Apfelbäumchen zu pflanzen, gegen alle düsteren Prognosen.

Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute ein Apfelbäumchen pflanzen. - Wir taufen heute Jan Robert Miething. Wenn wir unser Apfelbäumchen pflanzen, dann sollten wir es besonders für ihn und für alle Kinder tun. Denn sie sind es, an die wir das Erbe der Schöpfung ja weitergeben werden. Und die werden uns fragen – und fragen uns jetzt schon -, was wir damit gemacht haben.

Gerade diese Taufe ist aber auch das Zeichen dafür, dass Gott uns dies zutraut. Er selbst ist es, der uns Mut macht, in christlicher Freiheit und Verantwortung unseren Weg zu gehen. Und er verspricht uns, auf diesem Weg an unserer Seite zu sein und zu bleiben.

Genau das steckt in dem Taufspruch von Jan Robert. Er steht im Buch Josua und lautet: Ich habe dir geboten: Sei mutig und stark. Fürchte dich also nicht und habe keine Angst, denn Gott ist mit dir bei allem, was du unternimmst. (Josua 1, 9) - Ich wünsche Jan Robert, dass er diese Nähe und Begleitung Gottes spürt, sein Leben lang, und dass er dann seinen Weg geht in Freiheit und in Verantwortung.

Und das ist auch mein Wunsch für uns alle, damit wir nicht nur heute, sondern auch in einem, in 10 und in 100 Jahren Erntedankfest feiern können. Deshalb müssen wir heute unser Apfelbäumchen pflanzen. Darauf warten unsere Kinder. Darauf wartet die ganze Schöpfung. Und darauf wartet Gott.

Amen

 

6. Oktober 2019, Pastor Olav Metz