Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

Jesusvision
(Offenbarung des Johannes 1, 9-18)


Liebe Gemeinde,

Visionen begleiten uns heute in diesem Gottesdienst, Visionen von Jesus Christus. Jakobus und Johannes sehen Jesus zwischen Mose und Elija. Vor ihren Augen tritt er zwischen die großen Vorväter Israels. Und sie hören die Zusage Gottes: Dies ist mein Sohn; an ihm habe ich Gefallen gefunden. Schon dies ist ein gewaltiges Bild.

Noch größer und gewaltiger ist das, was der Seher Johannes schaut. Zwischen sieben goldenen Leuchtern steht eine Lichtgestalt in einem strahlend weißen Gewand, mit goldenem Band um die Brust, mit Augen wie Feuerflammen und Füßen wie glühende Bronze, mit sieben Sternen in der Hand und einem scharfen zweischneidigen Schwert im Mund. Seine Stimme ist wie ein Trompetenstoß und wie Wassermassen, so gewaltig, dass Johannes bewusstlos zusammenbricht. Die Lichtgestalt aber berührt und beruhigt ihn: Hab keine Angst. Ich bin das A und O, der Anfang und das Ende. Und ich halte sogar die Schlüssel des Totenreichs in der Hand.

Epiphanias heißt, das uns ein Licht aufgeht, wer Jesus ist. Und deshalb begleiten uns diese Christusvisionen heute am letzten Sonntag der Epiphaniaszeit. Die Frage ist nur: Was haben diese beiden so eindrücklichen Visionen von Jesus mit uns heute zu tun? Was haben sie uns heute am 2. Februar des Jahres 2020 zu sagen?

Auf der Suche nach einer Antwort auf diese Frage bin ich an zwei Zeitungsartikeln der letzten Woche hängen geblieben. Der erste Artikel ist dieser hier, aus der Kirchenzeitung vom 26. Januar. „260 Millionen Christen weltweit werden verfolgt“ so berichtet das christliche Hilfswerk „Open Doors“. In Nordkorea, Afghanistan, Somalia, aber auch in Russland, in der Türkei oder in Algerien. Im letzten Jahr hat sich die Situation der christlichen Gemeinden in vielen Staaten des mittleren Ostens und Nordafrikas verschlechtert. Und in einem zweiten Artikel mahnt die Islamwissenschaftlerin Renate Kortheuer-Schüring die Kirchen eindringlich, dieses Problem nicht zu verschweigen, sondern endlich ernst zu nehmen und die Stimme für verfolgte und vertriebene Christen zu erheben.

Was dieser Artikel beschreibt, das berührt sich direkt mit den Worten des Sehers Johannes auf Patmos. Denn die Menschen, denen Johannes seine Vision schildert, die erleben genau dies: Bedrängnis und Verfolgung um ihres Glaubens Willen. Nicht zusammenkommen können. Keine Gottesdienste feiern können. Verlacht und verfolgt, vertrieben und misshandelt oder sogar getötet zu werden, das war das Schicksal der Christen, für die Johannes damals seine Vision niederschriebt. Und das ist auch das Schicksal vieler Christen heute.

Und darin zeigt sich nun, was die große Vision des Johannes von ihrem Ursprung her ist: Sie ist das mächtige Trostwort für die Ohnmächtigen, der Fluchtpunkt für die Verfolgten, die Hoffnung, die selbst die Totgeweihten noch trösten kann. Denn je größer die Not ist, desto größer müssen auch die Bilder der Hoffnung sein – um der Not widerstehen zu können. Und die Lichtgestalt, die Johannes schaut, die hat diese Größe. Sie ist der Anfang und das Ende. Sie ist Feuer und Flamme. Ihr Schwert ist scharf und zweischneidig. Und sie hält sogar die Schlüssel des Totenreiches in der Hand; sie ist der Herr über Leben und Tod.

Hoffnung braucht Bilder, die Trost geben und tragen. Auffällig ist, dass die Bilder des Johannes dem Jesu, der da als Kind in der Krippe gekommen, der als Wanderprediger durch Land gezogen und als Ketzer gestorben ist im Grunde so gar nicht entsprechen. Sogar das Schwert, vor dem Jesus selbst warnt - Stecke Schwert in die Scheide; wer zum Schwert greift, wir durch das Schwert umkommen. -, selbst dieses führt die Lichtgestalt des Johannes im Munde.

Genau dies zeigt nun aber: Die Bilder der Hoffnung reden nicht von einem weltlichen Herrscher, der tatsächlich mit Macht und Gewalt agiert. Es geht vielmehr um den Christus, dessen Kraft der Liebe über alle weltliche Macht und damit auch über alle Not und alle Drangsale des Lebens hinausgeht. Und in diesem Sinne sollte wir auch heute die Visionen des Johannes sehen: Nicht als weltliche, politische oder gar militärische Übermacht, sondern als Kraft der Liebe, die all jene tragen kann, die unter Anfeindung und Verfolgung, unter Not und Tod leiden. Dieses Licht der Liebe sollte uns aufgehen.

Und damit komme ich jetzt zum zweiten Zeitungsartikel, der mir bei den Worten des Johannes eingefallen ist. Auch er stammt aus der Kirchenzeitung und er steht unter der Überschrift „Beten für Trump“. Die Pastorin Paula White, die seit langem Trumps geistliche Beraterin ist, betet für ihn zusammen mit anderen evangelikalen Christen. Seit Trumps Machtantritt hat sie eine Stelle im Weißen Haus, das „Glaubensbüro“. Sie hat eine Bewegung für Trump gestartet und verkündet ihre Botschaft, das Trump Amerika Gutes tue, sich für den Glauben und die Gläubigen einsetze und man ihn deshalb wählen solle. Und sie betet nicht nur öffentlich für ihn, sondern ausdrücklich auch gegen seine politischen Gegner.

Auch diese Geschichte hat etwas mit unserem Predigttext zu tun. Sie zeigt nämlich, was passiert, wenn die Vision von Christus als Trost- und Lichtgestalt auf einen Menschen übertragen wird. Nichts anderes geschieht hier nämlich. Paula White verleiht dem Präsidenten Trump den Nimbus eines von Gott in besonderer Weise gesegneten Heilsbringers. Sie macht ihn zur Erlösergestalt.

Die Menschen aber, für die er dies tut, das sind nicht etwa die Verfolgten im Iran oder in Nordkorea. Es sind die Amerikaner, von denen er wiedergewählt werden möchte und denen er verspricht, dass er Amerika wieder groß machen wird. Sein Evangelium zielt auf den Wohlstand, und zwar den der Vereinigten Staaten. Und selbst dort meint er nicht etwa die Armen im Lande, sondern die Privilegierten und ihre Privilegien.

Und dafür greift er dann auch zum Schwert, und zwar nicht im bildlichen, sondern im wörtlichen Sinn. Er führt es gegen seine Gegner, z.B. gegen den iranischen General Soleimani. Er macht sich zum Herrn über Leben und Tod. Das aber geht zu weit und das kritisieren sogar evangelikale Christen in Amerika.

So sehr Christen in vielen Ländern unter Verfolgung leiden und so wichtig es ist, das sie Hoffnung und Hilfe erfahren, zu der auch wir unseren Teil tun sollten: Unsere Hilfe steht dennoch nicht im Namen von menschlichen Lichtgestalten, die sich mit christlichen Ritualen zu legitimieren versuchen und dann doch für ihre Interessen agieren. Unsere Hilfe steht vielmehr im Namen des Herren, der Himmel und Erde gemacht hat. Der ist es, den Johannes uns mit seinen großen Bildern der Hoffnung vor Augen stellt, damit wir uns an ihn halten und von ihm trösten und tragen lassen. Und der ist es auch, der mit uns in ganz weltlichen Gewand vom Berg der Verklärung wieder herabsteigt mitten hinein in den Alltag unseres Lebens.

Wenn sich aber Menschen anmaßen, die Größe, die Macht, das Licht und das Schwert dieses Bildes für sich in Anspruch zu nehmen, dann ist hier – ich sage es mal ganz drastisch – nicht mehr Christus am Werke. Weil das nichts mehr mit Jesus und seiner Botschaft und auch nicht mit den verfolgten und verzweifelten Menschen heute zu tun hat. Und ich denke, da können wir als Christen dann nur eines tun: Dem mutig widerstehen.

Amen

 

2. Februar 2020, Pastor Olav Metz