Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)
Welchen Traum schuldest du dir?
(1. Mose 28, 10-19a / Lukas 19, 1-10)
Liebe Gemeinde, vor allem aber
liebe Goldene Konfirmandinnen und Konfirmanden,
50 Jahre ist das nun her, dass ihr hier auf Mönchgut oder in Sellin konfirmiert worden seid. Eingesegnet wurdet ihr, wie man so schön sagt. - Erinnert ihr euch noch, wie das damals war? Vierzehn wart ihr damals und auf dem Sprung ins Leben. Und ich bin mir sicher, auch bei euch werden in dieser Zeit die Jugendträume eine ganz besondere Rolle gespielt haben.
Mancher hat damals bestimmt von seinem Traumberuf geträumt und mancher sicherlich auch vom großen Geldverdienen. Manch andere hatte vielleicht den Traum, hier wegzukommen und in die große weite Welt hinauszuziehen - soweit das 1976 denn möglich war. Und manchen wird in diesem Alter bestimmt auch schon der Traum von der großen Liebe bewegt haben.
Erinnert ihr euch noch an diese Jugendträume? – Wenn ja, dann werdet ihr sicherlich auch Jakob verstehen. Denn auch Jakob, von dem wir in der ersten Lesung gehört haben, ist ungefähr in diesem Alter. Und auch er träumt.
Allerdings: sein Traum ist etwas anders. Jakob ist nämlich alles andere als ein Musterknabe. Gewiss, er ist ein helles Köpfchen; er hat schnell begriffen, wie der Hase läuft. Aber das hat er dann ziemlich dreist ausgenutzt. Und das gipfelt darin, dass er seinen Vater Isaak und seinen Bruder Esau einfach betrügt.
Nun kann es ja durchaus vorkommen, dass Jugendliche in dem Alter mal über die Stränge schlagen. Und vielleicht fühlt sich auch da mancher von euch an seine Jugendzeit erinnert, sofern ihr nicht doch alle Musterknaben und –mädchen gewesen sein solltet. Bei Jakob hat das allerdings drastische Folgen: Sein Bruder ist nämlich so wütend, dass er ihn umbringen will. Und Jakob bleibt nichts anderes übrig, als zu fliehen.
Deshalb ist Jakob auf der Flucht. Aber genau da hat er nun diesen Traum: Er sieht den Himmel offen. Und das ist in einer solchen Situation schon ein seltsamer Traum. Denn Träume in schwierigen Zeiten sind meist beklemmend, wenn man denn überhaupt Ruhe findet und sich nicht nur grübelnd im Bett herumwälzt.
Jakob aber schläft und träumt. Er träumt, dass ihm der Himmel offensteht. Er träumt dies, obwohl er eine schwierige Geschichte hinter sich und eine ungewisse Zukunft vor sich hat. Und das zeigt mir: Dieser Traum ist nicht mehr irgendein Jugendtraum. Dieser Traum ist mehr. Er ist ein Lebenstraum. Und ich denke, auch das wird dieser oder jener von euch bestimmt kennen.
Es gibt nämlich Momente, in denen plötzlich klar wird, worum es in meinem Leben eigentlich geht. Ob Träume oder Tagträume: plötzlich sehe ich, was wirklich wichtig ist, worauf es wirklich ankommt. Und damit komme ich jetzt zu Zachäus, dem Mann, von dem im Evangelium die Rede war. Denn der erlebt offenbar genau so einen Moment.
Anders als Jakob, steht Zachäus nicht mehr am Anfang seines Lebensweges, sondern ist schon eine gute Weile auf ihm unterwegs. Und von seinen Träumen haben sich im Laufe der Jahre bereits viele erfüllt. Er ist oberster Zollbeamter geworden. Er ist reich geworden, materiell fehlt es ihm an nichts. Beliebt es er zwar nicht, aber alles kann man eben nicht haben…
Bleibt nur die Frage: Warum steigt dieser Mann dann auf den Baum? Warum läuft er Jesus nach und will ihn unbedingt sehen? Und da habe ich jetzt eine Vermutung. Ich vermute, dass er tief in sich spürt: Trotz allem, was ich habe und erreicht habe, mir fehlt was. Mir fehlt etwas, das über den kleinen persönlichen und materiellen Horizont meines Lebens hinausreicht.
Ich glaube, Zachäus will Jesus sehen, weil er ahnt, dass dieser Mann und seine Botschaft etwas mit diesem weiten Horizont für sein Leben zu tun haben. Und weil er ein kleiner Mann ist, bleibt ihm nur, im direkten und im bildlichen Sinne auf den Baum zu klettern. Um weiter zu sehen. Und um zu erkennen, was Jesus will, von mir und für mein Leben.
Vielleicht kennt dieser und jener von euch das ja auch: Eigentlich haben sich viele meiner Träume erfüllt: Mein Beruf. Mein Haus. Meine Familie. Mein Auto. Meine Kreuzfahrt. Und trotzdem beschleicht mich manchmal dieses Gefühl: das kann doch noch nicht alles gewesen sein. Und dieses Gefühl schleicht sich gerade dann ein, wenn äußerlich betrachtet eigentlich alles perfekt oder fast perfekt ist.
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Grundsätzlich ist nichts dagegen zu sagen, wenn Menschen mit ihrem Leben und ihrer persönlichen Situation zufrieden sind. Wenn diese Zufriedenheit aber daher rührt, dass mein Horizont nicht weiter als bis zu meinem Gartenzaun reicht, dann ist das zu wenig, weil unser Leben mehr sein kann und mehr sein soll.
Das kann doch jetzt nicht schon alles gewesen sein. Da fehlt doch noch was. Dieses Gefühl ist deshalb ganz oft ein Zeichen dafür, dass der Horizont meines Lebens zu eng geworden ist. Und da ist es egal, ob ich – wie Jakob – gerade erst am Anfang meines Weges stehe, oder ob ich mich – wie Zachäus – schon über Jahre hochgearbeitet habe. Es ist egal, ob mir – wie Zachäus – viel gelungen ist, oder ob bei mir – wie bei Jakob –richtig was danebengegangen ist.
Wichtig ist vielmehr, dass ich dann – wie Zachäus –wieder nach diesem weiten Horizont meines Lebens suche. Und wichtig ist, dass ich mich – wie Jakob – neu auf meine Träume besinne. Weil Träume das Tor zu neuer Weite, das Tor zum Himmel sein können.
Ich persönlich, ich habe – um mich selbst immer wieder mal daran erinnern - dieses Bild neben mein Bett zu hängen. Gemalt hat es der Maler Quint Buchholz. Unter dem Bild stehen nur fünf Worte: Welchen Traum schuldest Du Dir? Aber dieses Bild fragt mich so jeden Morgen neu: Hast du noch Träume, die über den Horizont deines gegenwärtigen alltäglichen Lebens hinausreichen?
Wenn ja, wunderbar. Dann versuche ich, sie zu leben. Und wenn nein, dann versuche ich, sie wieder zu entdecken, in meinen Träumen und in meinem Leben. Weil sie es sind, die mir den weiten Horizont deines Lebens zeigen. Und sie zu träumen und zu leben, das schulde ich mir und meinem Leben – weil es nur so gelingen kann.
Deshalb: Welchen Traum schuldest du dir? Und klar ist jetzt natürlich, dass diese Frage nur jeder für sich und ganz persönlich beantworten kann.
Bei Zachäus z.B., da war es offenbar der Traum von Gemeinschaft. Er bekommt Besuch, nicht im Chat und nicht virtuell, sondern Auge in Auge. Und er freut sich! Und es ist wohl auch der Traum von Gerechtigkeit. Denn dort, wo es ihm möglich ist, will er geschehenes Unrecht wieder gut machen.
Bei Jakob da ist es der Traum von Klärung und Versöhnung: Bis zu dessen Erfüllung wird es bei ihm noch viele Jahre brauchen, aber am Ende seines Weges wird er wieder heimkehren und sich aussöhnen. Und Jakob träumt vom Segen. Er träumt, dass sein Leben gesegnet ist, auch wenn es da Sachen gibt, die alles andere als gut gelaufen sind.
Und das ist mir am Ende gerade heute nochmal ganz besonders wichtig. Denn Segen heißt, dass Gott uns begleitet über die Höhen aber auch durch die Niederungen des Lebens. Deshalb seid ihr vor 50 Jahren eingesegnet worden. Und dieser Segen ist es, den ich euch heute auch wieder mit auf den Weg geben möchte.
Ich bin sicher, dieser Segen kann spürbar werden, wenn ihr alle, jeder für sich, immer wieder nach dem weiten Horizont eures Lebens Ausschau haltet. Und wen ihr euch immer wieder mal fragt: Welchen Traum schulde ich mir?
Amen
6. September 2026 - Pastor Olav Metz
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