Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

Wie Gott heilt
(Jesaja 35, 3-10 / Lukas 7, 18-22)

Macht die erschlafften Hände wieder stark und die wankenden Knie wieder fest. Und sagt zu den Verzagten, den Herzensverscheuchten: Habt Mut. Fürchtet euch nicht.
(Jesaja 35, 3-4)

Liebe Gemeinde,

kräftige Hände, feste Schritte, ein tapferes Herz: Ja, das könnten wir wohl so manches Mal gut brauchen. Die Aufgaben werden immer mehr, gefühlt jedenfalls. Und was die Kraft und die Grenzen der Kraft angeht, da muss ich Ihnen gewiss nichts erzählen.

Letzte Woche zum Beispiel, da habe ich einem Geburtstagskind gratuliert. Und als ich gefragt habe, wie es denn so geht, da hat er gesagt: Irgendwie habe ich den ganzen Tag zu tun aber ich schaffe eigentlich nichts. Und alles fällt mir unendlich schwer. Mir fehlt einfach die Kraft.

Neben den Grenzen der Kraft im Alltäglichen denke ich aber auch an die grundsätzliche Grenze des Lebens, den Tod: Gerade gestern waren wir wieder auf See um von einem lieben Menschen Abschied zu nehmen. – Und in solchen Augenblicken ist deutlich zu spüren: Auch der Tod macht die Hände müde, die Schritte schwer und das Herz traurig.

Macht die erschlafften Hände wieder stark und die wankenden Knie wieder fest. Und sagt zu den Verzagten, den Herzensverscheuchten: Habt Mut. Fürchtet euch nicht. Ja, das könnten wir wohl so manches Mal gut brauchen. Die Frage ist nur: Wie macht man das? Denn die Aufforderung zu Stärke und Festigkeit ist ja gut und schön. Aber sie wird nur helfen, wenn sie in mir einen guten Grund hat.

Und damit komme ich jetzt auf Jesaja. Denn der hat einen guten Grund. Und dieser Grund ist: Gott, so sagt er, kommt auf euch zu! Er selber kommt und befreit euch! Er wird das Blatt wenden. Und er wird die Situation umkrempeln, insbesondere die Situation der Schwachen und Kraftlosen. Und dann, dann wird es geschehen: Blinde sehen wieder und Taube hören. Lahme laufen und Stumme reden und aus Wüsten werden blühende Landschaften. Dann wird endlich Frieden sein. Und die vom Herrn befreiten kehren zurück nach Zion.

All das, so sagt Jesaja, wird seinem Volk Israel geschehen. Zugleich gilt diese Vision von einer geheilten Welt nun aber auch uns heute. Denn auch wir warten ja auf Gott. Wir warten darauf, dass er in Jesus auch zu uns heute kommt. Damit stellt sich nun aber auch die Frage: Gibt es das heute tatsächlich? Gibt es Heil und Heilungen auch heute in unserer Welt, die wir als Zeichen seines Kommens verstehen können? Oder ist das alles nur eine schöne Vision, die sich – wenn überhaupt - erst dermal einst am Ende der Zeiten erfüllt, aber nicht heute und hier?

Diese Frage hat mich beschäftigt. Meine Antwort: Ich sehe drei Wege, drei Wege, auf denen Gott diese Vision von einer geheilten Welt auch heute Wirklichkeit werden lässt. Einen kleinen Weg, einen mittleren Weg und einen großen Weg. Und diese drei Wege möchte ich Ihnen jetzt vorstellen.

Der erste, der kleine Weg ist die Heilung durch Genesung. In den letzten 1½ Jahren habe ich in der eigenen Familie erlebt, wie es ist, wenn man plötzlich mit einer schweren Erkrankung konfrontiert ist. Da gibt es dann viele Untersuchungen und viele Behandlungen. Und ich bin froh und glücklich in einem Land zu leben, in dem solche Behandlungen überhaupt möglich sind und von den Krankenklassen auch noch bezahlt werden.

Trotz alledem ist mir in dieser Zeit aber auch sehr deutlich bewusst geworden: Dass Heilung tatsächlich gelingt, ist dennoch nicht ausgemachte Sache. Dass Menschen nach schwerer Krankheit genesen, das ist für mich heute mehr denn je immer auch ein Wunder. Und ich bin berührt, dieses Wunder im letzten Jahr erlebt zu haben.

Gewiss, es wird weiterhin Vorsorge und gute ärztliche Begleitung brauchen. Erneute Erkrankungen sind natürlich nie ausgeschlossen. Und mir ist auch bewusst, dass manche Menschen dieses Wunder der Heilung leider nicht erleben. Dieses Wunder der Heilung ist deshalb für mich auch ‚nur‘ der kleine Weg Gottes zu einer geheilten Welt. Aber für mich ist dies kein Grund, dieses Wunder deshalb gering zu achten. Denn unendliche viele Menschen sehnen sich nach ihm. Und Jesus selbst hat vielen Menschen zu diesem wunder verholfen; er hat sie geheilt.

Der zweite, der mittlere Weg ist die Heilung durch Seelenstärke. Hier denke ich an einen Menschen, der seit vielen Jahren mit einer tückischen Krankheit lebt: Mit MS – Multipler Sklerose. Nerven sterben nach und nach ab. Immer mehr Körperfunktionen fallen aus. Und dieser Prozess ist nicht umkehrbar. Er kann nur verlangsamt werden, führt aber irgendwann unweigerlich zum Tod.

Wie lebt man mit einer solchen Krankheit? – Es gibt viele Menschen, die die Last solcher oder ähnlicher Krankheiten nicht zu tragen vermögen. Sie geben auf, geben sich auf. Es gibt aber auch Menschen, die ihr Leben so annehmen. Mit tapferem Herzen gestalten sie es, trotz der ständig wachsenden Schwierigkeiten und Einschränkungen. Und manche von ihnen gehen so aufrecht und sicheren Schrittes durchs Leben, auch wenn sie sich - äußerlich betrachtet - nur noch im Rollstuhl fortbewegen können.

Diese Menschen leben aus einer großen inneren Kraft. Sie haben Seelenstärke. Ich denke, diese Seelenstärke ist der zweite Weg, auf dem Gott Heil und Heilung in die Welt bringt. Und ich möchte behaupten: Körperliche Heilung ist ein Wunder. Aber solche seelische Heilung, solche seelische Gesundheit, die ist ein noch größeres Wunder. Weil sie diesen Menschen Freiheit gibt, die Freiheit, aus den Nöten und Begrenztheiten ihres Lebens und dieser Welt ein Stück herauszutreten. Und das ist wahrlich ein Wunder.

Natürlich wird damit das Leid nicht aus der Welt geschafft. Deshalb ist dies auch ‚nur‘ der mittlere Weg. Aber er trägt bereits den Schimmer einer neuen Welt in unser Leben hinein. Und um die Fülle dieser neuen Welt geht es auf dem dritten, dem großen Weg Gottes zum Heil und zur Heilung.

Der dritte Weg, das ist die Hoffnung auf die Fülle dieser neuen Welt. Und so seltsam es klingen mag: Das ist es auch, was wir jetzt im Advent erwarten. Denn wir warten darauf, das Christus kommt, genauer noch: Dass er wiederkommt. Seine Wiederkunft aber, die ist nach alter biblischer Vorstellung das Ende der Zeit und der Beginn dieser neuen Welt.

Das Ende der alten und der Anbruch einer neuen Welt, den hat es bis heute nicht gegeben. Das unsere Erde aber ein zerbrechliches Gebilde ist, das wird mir in einer Zeit des Wandels zum Beispiel beim Klima wieder sehr deutlich bewusst. Und persönlich wissen wir eigentlich alle darum, weil unsere Zeit begrenzt ist und wir alle einmal sterben müssen.

Ich denke, gerade dies ist ein guter Grund, auch heute an der Vision des Jesaja von einer neuen, einer geheilten Welt festzuhalten. Es ist ein guter Grund an Gott als dem guten Grund dieser Hoffnung festzuhalten. Denn diese Hoffnung hat Jesaja und das Volk Israel damals getragen. Sie hat durch Jesus einen Namen und neue Nahrung bekommen. Und sie kann uns tragen, wenn wir an Grenzen des Lebens stoßen. Weil diese Hoffnung nicht an den Grenzen des Lebens endet.

Jesaja sagt: Macht die erschlafften Hände wieder stark und die wankenden Knie wieder fest. Und sagt zu den Verzagten, den Herzensverscheuchten: Habt Mut. Fürchtet euch nicht. Weil: Gott selber kommt und befreit euch! Und wenn ihr darauf vertraut, dann werdet auch ihr erleben: Blinde sehen und Taube hören. Lahme laufen und Stumme reden. Aus Wüsten werden blühende Landschaften und auf dem Heiligen Weg gibt es keine Ungeheuer mehr. Und die vom Herrn befreiten kehren zurück nach Zion.

Ich sehe drei Wege, auf denen Gott diese Vision von der geheilten Welt Wirklichkeit werden lässt. Er heilt durch Genesung. Er heilt durch Seelenstärke. Und er heilt durch die Hoffnung auf eine neue Welt. Diese Heilungswege Gottes sind begehbar, auch heute. Und ich wünsche ihnen, dass einer dieser Wege auch ihr Weg ist, gerade jetzt im Advent.

Amen

 

2. Advent - 9. Dezember 2018, Pastor Olav Metz