Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

...das nennt man Vertrauen
(Jeremia 29, 1.4-7.10-14)

Liebe Gemeinde,
ich möchte meine Predigt mit einer Frage beginnen. Sie lautet: Hat jemand zufällig eine Idee, von wem der folgende Satz stammen könnte:

Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich verstanden, dass ich immer und bei jeder Gelegenheit zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin und dass alles, was geschieht, richtig ist - von da an konnte ich ruhig sein. Heute weiß ich: Das nennt man VERTRAUEN.

Habt ihr, haben sie eine Idee? - Nun, diese Worte stammen von dem Stummfilmstar Charlie Chaplin. Und ich denke, das Ungewöhnliche dieser Worte ist deutlich herauszuhören: …dass ich immer und bei jeder Gelegenheit zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin und dass alles, was geschieht, richtig ist…

Es ist alles gut, wie es ist: Das ganze Leben so zu sehen, so zu allem Ja zu sagen, das nennt man Totalannahme des Lebens. Das bedeutet nicht, die Hände in den Schoss zu legen und alles über sich ergehen zu lassen. Aber es bedeutet, allen Dingen des Lebens – auch den schwierigen – positiv gegenüberzutreten und sie anzunehmen, wie sie nun mal sind. Und das, so Chaplin, das nennt man Vertrauen.

Und damit bin auch schon direkt bei unserem Predigttext aus dem Propheten Jeremia, denn die Situation so anzunehmen, wie sie gerade ist, genau darum geht es auch ihm. Und das wird deutlich, wenn wir jetzt mal kurz auf den historischen Hintergrund dieser Worte schauen.

Vor etwa 2.500 Jahren, genau im Jahre 598 v. Ch. wird die Stadt Jerusalem nach einer schweren militärischen Niederlage der Israeliten von den Babyloniern völlig zerstört. Auch der Tempel wird zerstört. Das Land wird von den Siegern annektiert. Und nicht wenige der Israeliten werden nach Babylon verschleppt - in die Hauptstadt des Feindes…

Da sitzen sie, nun als Zwangsdeportierte fern der Heimat, Sie weinen und klagen über den Verlust ihrer Heimat und ihres Tempels. Und das kann man sogar bis heute im Psalm137 nachlesen: An den Wasser Babylons saßen wir und weinten.

An diese traurigen und mutlosen Menschen in Babylon sind die Worte unseres Predigttextes gerichtet. Denn dieser Text ist ein Brief, den der Prophet Jeremia diesen Menschen schreibt. Allerdings: Was er schreibt, das sind bei Lichte besehen drei gewaltige Zumutungen für die Menschen dort im Exil.

Die erste Zumutung lautet: Suchet der Stadt Bestes und betet, betet für sie zum Herrn. Das muss man sich mal vorstellen: Die Zwangsdeportierten Israeliten sollen ihren Gott um Segen bitten für die Stadt, in die sie verschleppt worden sind und für die Menschen, die den Tempel ihres Gottes in Jerusalem zerstört haben! Ich bin sicher: Den Deportierten war wohl eher danach zu Mute, dieser Stadt und ihren Bewohnern zu verfluchen, als für ihr Heil zu beten. Jeremia aber sagt: Suchet das Beste dieser Stadt und betet für sie zu Gott. Und man hört darin unwillkürlich Jesu Worte aus dem Evangelium: Betet für die, die euch verfolgen. (Mt 5, 44)

Jeremias Begründung für diese Zumutung: Im Wohl dieser Stadt liegt euer wohl. Aber auch das ist eine Zumutung, denn auch das werden die Deportierten sicherlich genau umgekehrt gesehen haben: Wenn‘s Babylon gut geht, ist es schlecht für uns. Wenn‘s Babylon schlecht geht, kann das nur gut für uns sein. Jeremia aber sagt: Das Wohl und Weh dieser Stadt und euer Wohl und Weh sind kein Gegensatz, sondern gehören zusammen. Deshalb: Pflanzt und esst. Heiratet und bringt Kinder zur Welt. Lebt, und zieht euch nicht resigniert zurück. Denn das dient der Stadt und das dient zugleich euch.

Die dritte Zumutung, das ist die Sache mit Gott. Sucht mich!, so sagt Gott. Sucht mich auch dort in der Fremde! Denn: Wenn ihr von ganzem Herzen nach mir fragt, lasse ich mich von euch finden. Auch dort.
Aber auch das ist nochmal eine Zumutung. Denn der Ort, an dem die Israeliten bis dahin Gott gesucht haben, das war der Tempel in Jerusalem. Der aber wurde zerstört - durch genau diese Babylonier! Und nun sollen die Israeliten ihren Gott ausgerechnet hier in der gottlosen Stadt Babylon suchen?!

Suchet der Stadt Bestes, auch wenn es die Stadt eurer Feinde ist. Lebt an diesem Ort, denn in ihrem Wohl liegt euer Wohl. Und sucht Gott auch hier. Das ist es, was Jeremia den Verbannten in Babylon zumutet. - Bleibt jetzt nur die Frage, was diese Zumutungen mit uns heute zu tun haben. Und mit dieser Frage komme ich jetzt wieder auf Charlie Chaplin zurück:
Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich verstanden, dass ich immer und bei jeder Gelegenheit zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin und dass alles, was geschieht, richtig ist - von da an konnte ich ruhig sein. Heute weiß ich: Das nennt man VERTRAUEN.

Nein, wir leben nicht im Exil, sondern haben immer noch ein halbwegs sicheres Zuhause. Für unser Wohl ist in weiten Teilen gesorgt. Unsere Kirchen sind keine Ruinen, sondern in vergleichsweise gutem Zustand. Und wir müssen Gott auch nicht in der Fremde suchen. Aber: Bedrängnis und das Gefühl, am falschen Platz oder ‚im falschen Film‘ zu sein, das gibt es auch heute. Denn die scheinbar so selbstverständlichen Sicherheiten, in der wir viele Jahren gelebt haben, erweisen sich zunehmend als trügerisch.

Der Frieden ist nicht mehr selbstverständlich. Die Demokratie ist nicht mehr selbstverständlich. Das Klima ist nicht mehr selbstverständlich. Eine geordnete Zukunft ist nicht mehr selbstverständlich. Und ganz plötzlich kann alles ganz anders kommen, für uns als Gesellschaft aber auch für jeden persönlich. Das ist die Fremde, in die wir heute vertrieben werden. Und dann?
Nun, ich kann darüber klagen und mit meinem Schicksal hadern. Ich kann mir wünschen, dass alles möglichst bald wieder so wird, wie es mal war, genau wie die alten Israeliten damals. Oder ich kann mich in Scheinwelten flüchten, weg aus der Wirklichkeit.

Aber auch mir und jedem von uns sagt Jeremia ganz klar: Du bist hier am richtigen Ort! Gestalte dein Leben auch in dieser sich verändernden und oft so fremd und feindlich erscheinenden Welt! Weil in ihrem Wohl auch heute dein Wohl liegt.

Charlie Chaplin sagt: Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich verstanden, dass ich immer und bei jeder Gelegenheit zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin und dass alles, was geschieht, richtig ist - von da an konnte ich ruhig sein. Heute weiß ich: Das nennt man VERTRAUEN.

Totalannahme des Lebens auch in schwieriger Zeit, das war die Aufgabe der alten Israeliten damals in Babylon und das ist unsere Aufgabe heute. Lieben wir uns selbst und wagen wir uns an diese Aufgabe. Damit unser Leben heute gelingt. Und damit wir heute Gott begegnen. Dass das möglich ist, das ist Gottes Verheißung. Die gilt, nach wie vor. Und wenn wir ihr folgen, dann nennt man das - Vertrauen.

Amen

 

 

25. Oktober 2026 - Pastor Olav Metz

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