Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

treu bleiben
(Mt 2, 1-12)

Liebe Gemeinde,

Übermorgen ist Epiphanias, der Tag der Heiligen Drei Könige. Sternendeuter aus dem Osten folgen damals einem Stern und finden so zum Kind in der Krippe. Seitdem ist der Stern ein Symbol für Jesus und das, was er ausstrahlt. Denn in seinem Licht kann mir die Welt und mein Leben in einem anderen Licht erscheinen. Und das klingt auch im Wort ‚Epiphanias‘ an, denn Epiphanias ist das Fest der Erscheinung.

Was aber heißt das für mich und meinen Alltag heute? Was bedeutet das am Beginn dieses neuen Jahres? – Ich möchte auf diese konkrete Frage mit der kleinen Karte antworten, die sie am Eingang bekommen haben. Und mit der Geschichte, die ich mit dieser Karte verbinde.

Am Anfang war da nur dieser Satz: Der Mensch, der das Unmögliche durchquert, tut dies nicht aus Heldenmut, sondern weil es keinen anderen Weg gibt, sich treu zu bleiben. Dieser Satz ist mir im November begegnet, als wir als Rügener PastorInnen zum Pfarrkonvent in der Lausitz waren. Wir waren da u.a. in Cottbus im Zentrum für Dialog und Wandel. Wir haben uns erzählen lassen, was die Kirche in dieser Region des Umbruchs auf dem Weg des Wandels zu leisten versucht. Und da fiel in einem Vortrag dieser Satz der französischen Philosophin Corine Pelluchon: Der Mensch, der das Unmögliche durchquert, tut dies nicht aus Heldenmut, sondern weil es keinen anderen Weg gibt, sich treu zu bleiben.

Das war der Anfang, der bei mir zunächst gar nichts mit Epiphanias und den Weisen und dem neuen Jahr zu tun hatte. Aber dann fand ich das kleine Bild, von den Weisen und dem Stern, ein Zufallsfund im Internet, wie das heute so passiert. Dieses Bild wurde für mich zum Bindeglied zwischen den Worten von Corine Pelluchon und den Weisen von damals und mir und unserem Drei-Königs-Segen heute. Und von dieser Verbindung will ich ihnen mit meiner Predigt kurz erzählen.

Die erste Verbindung von den Weisen damals zu mir heute ist, dass diese Leute damals nicht die Augen verschlossen, sondern hingeschaut haben. Mainstream war das offenbar damals auch nicht; denn die waren wirklich nur eine Handvoll. Aber das hat sie nicht davon abgehalten, die Zeichen ihrer Zeit, die Zeichen von Himmel und Erde zu sehen und zu deuten.

Ich denke, genau das ist auch meine und deine Aufgabe heute, und vielleicht gerade jetzt am Beginn dieses neuen Jahres. Auch unsere Zeit gibt uns Zeichen, Zeichen einer sich verändernden Natur z.B. (die ‚Sterne‘ von heute), Zeichen einer sich verändernden Politik und Gesellschaft (die Könige und das Volk heute).

Auch heute braucht es Menschen, die mit klarem Blick auf die Zeichen unserer Zeit schauen und die sie mit Nüchternheit und mit Weisheit zu deuten wagen. Wir brauchen Menschen, die dies tut, auch wenn das nicht nur Zustimmung findet. - Einer von diesen möchte ich sein. Und dies am besten nicht allein, sondern mit möglichst vielen anderen Weisen heute.

Die Zeichen deutet, das ist die erste Verbindung dieser Weisen von damals zu mir heute. Die zweite Verbindung ist der Weg, den sie gehen. Dieser Weg war damals eine Zumutung: Aus dem Osten, durch die Wüste, in ein fremdes Land, an einem bösartigen König vorbei bis hin zu einem Kind in einem Futtertrog! Nüchtern betrachtet war die Möglichkeit, auf diesem Weg zu scheitern, von Anfang weit größer als die Aussicht auf Erfolg.

Aber gerade das berührt mich, weil mir mein Weg oft ähnlich erscheint: Die Probleme sind soo groß und ich bin soo klein. Um es mit Corine Pelluchon zu sagen: Auch ich bin nicht besonders mutig und werde es wohl auch nicht mehr werden. Auch ich bin kein Held. Und die Gefahr, zu scheitern, ist deshalb auch heute weit größer, als meine Erfolgsaussichten. Die Weisen damals aber gehen trotzdem. Und ihr Weg berührt mich, weil sie mir sagen: Geh du auch, geh trotzdem.

Tja, und wenn ich mich dann frage, warum ich das tun sollte, zeigt sich eine dritte Verbindung zwischen den Weisen damals und mir heute. Und auch diese Motivation kann man nicht besser ausdrücken, als Corine Pelluchon es getan hat: Sie mussten gehen, um sich selber treu zu bleiben. Das heißt: Treu den Zeichen. Treu ihrer Deutung der Zeichen. Und treu dem Auftrag, der sich für sie daraus ergab.

Und noch einmal sage ich: Auch das wünsche ich mir für meinen Weg. Nicht nur die Zeichen sehen und sie zu deuten wagen. Sondern dann auch dem Auftrag folgen, der sich für mich heute daraus ergibt. Denn auch ich möchte mir treu bleiben. Und das wird nur gehen, wenn ich - wie die Weisen damals - auch die unmöglichen Wege nicht scheue.

Die vierte und letzte Verbindung zwischen den Weisen damals und mir heute, ist der Stern. Der ist für uns als Christen natürlich ein Zeichen für Jesus Christus. Er ist der Leitstern, der über dem Horizont meines Lebens steht, mich über diesen hinausweist und ihn transzendiert.

Dieser Stern kommt bei Corine Pelluchon auf den ersten Blick nicht vor. Sie ist ja auch nicht Theologin, sondern Philosophin. Spannend finde ich aber, dass die Transzendenz auch in ihrer Philosophie eine große Rolle spielt. Auch für sie ist zentral, dass wir unseren kleinen persönlichen Horizont weiten, ihn transzendieren. Nicht nur „ich-hier-jetzt“ soll der Leitstern unseres Lebens sein, sondern alles Lebendige, über mein Leben hinaus, über uns Menschen hinaus und auch über uns und unsere Zeit hinaus. Transdeszendenz nennt sie das.

Natürlich ist das keine christliche Philosophie und ich will Frau Pelluchon auch nicht dafür vereinnahmen. Für mich aber kann ich sagen: Ihr Blick auf uns Menschen und unsere Welt berührt sich an vielen Stellen mit dem, was Jesus uns ans Herz legt und was ich als Christ für meinen Auftrag halte: Das Leben beschützen und erhalten, über uns Menschen und auch über uns heute hinaus. Weil alles Leben ein Teil seiner Schöpfung ist, für die ich mit gerade als Christ verantwortlich fühle.

Und damit schließt sich der Kreis zum Epiphaniasfest, denn Gott wird Mensch, um unser Leben zu transzendieren und es in den weiten Horizont des Lebens zu stellen, das weit über die Grenzen meiner Existenz hinausweist. Deshalb sollen wir heute den Weisen nachfolgen, trotz aller Schwierigkeiten und Unmöglichkeiten. Damit wir dem weiten Horizont treu bleiben, in den unser Leben gestellt ist. Oder christlich gesagt: Um dem Leitstern treu zu bleiben, der uns als Christen in Jesus Christus gesetzt ist und durch den uns die Welt und das Leben in einem neuen anderen Licht erscheinen kann.

Der Segen aber, den ich allen, die es möchten, heute auch gerne als Drei-Königs-Segen persönlich mit auf den Weg gebe, der ist die Zusicherung Gottes: du bist auf diesem Weg nicht allein. Ich begleite dich, so, wie die Weisen damals.

Ich hoffe, dieser Segen hilft uns, die unmögliche Wege heute zu durchqueren. Und ich hoffe, er hilft uns, treu zu bleiben, ihm und uns selbst. Damit dieses neue Jahr nicht irgendein Jahr wird, sondern ein Jahr des Herrn, ein anno domini 2026.

Amen

 

4. Januar 2026 - Pastor Olav Metz

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