Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

Welcher König kommt?
(Sacharja 9, 9-10)

Liebe Gemeinde,

wissen Sie, was 333 vor Christus geschehen ist? – Falls nicht, kann ich helfen: Früher gab es für Geschichtszahlen nämlich Eselsbrücke, also Sprüche mit denen man sich die Sachen merken konnte. Und der Spruch für 333 vor Christus lautet: 3 3 3 – bei Issos Keilerei.

Was diese Eselsbrücke humorig als Keilerei beschreibt, war in Wirklichkeit eine blutige Schlacht zwischen dem persischen Heer unter König Artarxerxes III (das war die damaligen Großmacht im Nahen und mittleren Osten) und dem jungen Griechenkönig Alexander dem Großen, der den Persern diese Rolle streitig machte.

Diese Schlacht ging zu Gunsten der Griechen aus und das hatte auch für das kleine Israel Folgen. Eingekeilt zwischen den Großmächten war für Israel immer überlebenswichtig, sich mit dem Richtigen zu verbünden. Viele Jahre hatte man es deshalb mit den Persern gehalten und war damit ganz gut gefahren. Jetzt aber schien sich das Blatt zu wenden. Und nun?

Hielt man es weiter mit den Persern, dann würden die Griechen, wenn sie bis nach Israel vordrangen, das Land als feindliches Gebiet behandeln, was schlimmen Folgen haben würde. ein guter Grund, es fortan mit Alexander zu halten. Dann drohte allerdings die Katastrophe, wenn die Perser am Ende doch die Oberhand behalten sollten.

Wer ist unser Herrscher und wer soll es zukünftig sein? Das war die Frage, die damals in Israel hitzig diskutiert wurde und die Gemüter erregte. Und das hat nun direkt mit uns heute zu tun, denn die Worte unseres Predigttextes aus dem Propheten Sacharja sind nach allem, was wir wissen, genau in dieser Situation gesprochen worden.

Diese Worte überraschen in zweifache Weise. Zum einen überraschen sie, weil sie mit einem Freudenruf beginnen. Freue dich, Tochter Zion! Freue dich Israel! – Ich bin mir sicher, nach Freude wird den wenigsten Israeliten in dieser unsicheren Situation zumute gewesen sein.

Und der Grund für dieser Freude ist die zweite Überraschung: Dein König kommt!, sagt Sacharja. Augenscheinlich handelt es sich da aber weder um Artarxerxes (der käme nämlich in einem Streitwagen) noch um Alexander (der käme hoch zu Ross). Der, der da kommt, kommt aber auf einem Esel. Und das ist in etwa so, als wenn heute ein Feldherr bei der Parade seiner Truppen nicht mit dem Panzer, sondern mit dem Fahrrad vorfahren würde.

Nein, der König, den Sacharja den Israeliten verheißt, ist offenbar nicht der starke Mann, der die Dinge mit Macht regelt. Eigentlich ist er nicht einmal ein Helfer und Befreier, wie die Lutherübersetzung formuliert. Folgt man dem hebräischen Urtext, dann kommt da vielmehr jemand, dem geholfen worden ist, der selber befreit worden ist. Und der solidarisiert sich nicht (nur) mit den Armen, sondern er ist selber einer von Ihnen.

Wer ist wirklich euer Herrscher? – Sacharja sagt dem Volk Israel: Euer König ist nicht einer der starken Männer wie Artarxerxes oder Alexander. Euer König ist vielmehr ein Eselreiter, der arm dran ist, dem selber geholfen werden muss und der selber erst befreit werden muss.

Zugegeben, eine solche Königsvorstellung ist verstörend, weil sie damals wie heute die gängigen Herrschaftsmuster auf den Kopf stellt. Und doch kommen wir an diesem seltsamen Königsbild nicht vorbei, weil sich Jesus genau mit diesem König identifiziert. Er reitet auf einem Esel in Jerusalem ein. Er durchlebt dort Schwachheit, Ohnmacht und Tod. Und diese Schwachheit ist nicht etwa ein göttlicher ‚Ausrutscher‘. Sie ist vielmehr Gottes Konzept für und mit uns Menschen. Und schon Paulus erfährt dies eindrücklich, als er sich auf sein Klagen über seine Schwachheit von Gott sagen lassen muss: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. (2. Kor 12, 9f)

Und damit komme ich zu uns heute am 1. Advent 2020: Welchen König erwarten wir? Und was erwarten wir von ihm in unserer Situation heute? Auch wir – so ist mein Eindruck - sind eingekeilt, politisch zwischen Russland und Amerika und zunehmend auch China. Global zwischen der Klimakrise, die uns alle betreffen wird, und unserem Lebensstil, den wir nicht aufgeben möchten. Gesundheitlich zwischen steigenden Infektionszahlen und lautstarken Querdenkern, zwischen den nötigen Coronaschutzmaßnahmen und der Sehnsucht nach der gewohnten Freiheit. Und im Herzen zwischen der Hoffnung, dass sich schon irgendwie Lösungen finden werden, und der Angst, dass alles noch schlimmer und unbeherrschbarer wird.

Welchen König erwarten wir? Und wie können wir ihn empfangen? Wenn ich mich an dem Jesus orientieren, der sich mit dem armen hilfsbedürftigen eselreitenden König Sacharjas identifiziert, dann heißt das für mich erstens: Wir sollten nicht weltliche Macht und königliche Gewalt, sondern menschliche Schwäche und kindliche Hilfsbedürftigkeit erwarten. Und ihn empfangen, im Herzen empfangen, das heißt: Wie er sollten wir uns eingestehen, dass wir selber schwach und hilfsbedürftig sind, dass wir nicht alles im Griff haben und uns manches schlimm zu entgleiten droht. Das sollten wir demütig anerkennen, so demütig wie Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem.

Zu dieser Demut gehört, dass wir unsere Probleme heute so annehmen, wie sie sind, und nicht anderen die Schuld an ihnen geben und sie zu Sündenböcken machen – es gibt da abstruse Theorien. Und zur Demut gehört auch, der autoritären Versuchung zu widerstehen, die nach dem starken Mann ruft, der es dann richten soll. Auch das greift ja gerade wieder um sich.

Mut zur Demut, das ist der erste Schritt, diesen anderen König Jesus zu empfangen. Das heißt nun allerdings nicht, nichts zu tun und den Dingen ihren traurigen Lauf zu lassen, im Gegenteil. Jesus ist trotzdem seinen Weg gegangen, gerade den schweren Weg nach Jerusalem. Deshalb bleibt es auch unser Auftrag, die Kraft einzusetzen, die in den Schwachen mächtig ist. Und das heißt auch, nicht in eine religiös-erbauliche Sphäre jenseits dieser Welt abzuheben, die unsere Welt aufgibt und ihrem Schicksal überlässt. Das Notwendige anzugehen, das ist der Weg, den Jesus uns vorausgegangen ist.

Bleibt am Ende nur die Frage ob das reicht, um sich zu freuen und zu jubeln über zerbrechende Kriegswaffen und einen weltumspannenden Frieden wie Sacharja ihn ja verheißt. Denn außer Frage steht, dass diese Friedenshoffnung auch unserer Wirklichkeit heute in dramatischer Weise widerspricht. Diese Vision des Sacharja mit der Jesus sich identifiziert hat, sie ist bis heute nicht Wirklichkeit.

Froh bin ich aber trotzdem, und zwar darüber, dass es diese Vision gibt, so froh wie Sacharja 333 vor Christus. Denn das ist für mich ein Zeichen, das sein Reich lebt, in uns und durch uns. Ich bin demütig genug zu wissen, wie begrenzt meine Möglichkeiten sind, diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen. Aber ich will es versuchen, mit der Kraft der Schwachen. Und ich will so unseren armen hilfsbedürftigen eselreitenden König empfangen und nachfolgen. Das ist Advent.

Amen

 

1. Advent 2020 - Pastor Olav Metz