Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

Wider die Spaltungstendenzen
(1. Korinther 1, 4-9)

Liebe Gemeinde,

Wir wollen Gott danken. Er hat uns reich gemacht an Worten und an Erkenntnis durch die Botschaft von Jesus Christus. In seine Gemeinschaft sind wir berufen. Das ist der Grund auf dem wir sicher stehen bis zum Schluss. - Das ist kurz gefasst die Botschaft unseres heutigen Predigttextes und die klingt zunächst mal gut christlich und wenig spektakulär. Wie brisant und wie aktuell diese Worte eigentlich sind, das zeigt sich erst bei näherem Hinsehen. Und für diesen Blick aus der Nähe lade ich sie zunächst mal auf eine Zeitreise ein.

Wir schreiben das Jahr 50 nach Christus. Der Apostel Paulus ist auf seiner zweiten Missionsreise unterwegs, die ihn quer durch das Gebiet der heutigen Türkei und Griechenlands führt. Das Christentum über alle geographischen, ethnischen und konfessionellen Grenzen hinweg bis an die Enden der Welt zu tragen, das ist sein Anliegen.

Mit Paulus und dieser Reise erreicht der christliche Glaube zum ersten Mal europäischen Boden. Er gründet erste christliche Gemeinden im Gebiet des heutigen Griechenlands und eine dieser Gemeinde entsteht in Korinth. Drei Jahre später bekommt Paulus von dieser Gemeinde einen Brief. Und der enthält mehr schlechte als gute Nachrichten, denn offenbar gibt es inzwischen erhebliche Probleme in der Gemeinde:

Einige Leute halten sich für etwas Besseres und schauen auf die herab, die weniger angesehen sind; ein typischer Fall von geistlichem Hochmut. Es gibt Streit, wie das Abendmahl richtig zu feiern ist. Und es gibt sittliche Missstände; ein Fall von Inzucht wird ausdrücklich genannt. Diese Streitereien entzweien die Gemeinde; es gibt Spaltungstendenzen. Und hinzu kommt, dass die Gemeindeglieder es nicht schaffen, ihre Streitereien unter sich klären, sondern damit vor heidnische Gerichte ziehen.

Der Brief aus Korinth, in dem Paulus über all das unterrichtet wird, ist leider nicht erhalten. Aber wir wissen von all dem, weil Paulus auf diesen Brief aus Korinth antwortet. Dieser Antwortbrief, das ist der 1. Korintherbrief wie wir ihr bis heute in der Bibel finden. Und unser Predigttext ist der Beginn dieses Briefes.

Nun schreiben wir heute das Jahr 2019. Der Brief des Paulus ist inzwischen knapp 2.000 Jahre alt und die Sorgen der Korinther von damals müssen uns heute nicht mehr beschäftigen, denn die sind längst Geschichte. Nicht Geschichte sind aber die Fragen unserer Zeit. Und wenn ich auf die schaue, dann lohnt es wohl doch, diesen alten Text genauer zu lesen. Denn gerade Abgrenzungen und Spaltungstendenzen nehmen in unserer Zeit wieder erheblich zu.

Ich beobachte sie in unserer Kirche, zum Beispiel zwischen Evangelikalen und Liberalen, zwischen Fundamentalisten und Exegetikern. Ich beobachte sie zwischen den christlichen Konfessionen, zwischen Katholiken und Evangelen, zwischen Landeskirchlern und Freikirchlern zwischen griechisch Orthodoxen und russisch-Orthodoxen. Und ich beobachte sie zwischen den Religionen, zwischen Juden und Christen und Muslimen, zwischen Hinduisten und Buddisten und Sixh.

Spaltungstendenzen gibt es aber auch in unserem Land: Zwischen den verschieden politischen Parteien, zwischen den Eliten und den ‚normalen‘ Leuten und auch zwischen den Generationen. Ich beobachte sie in anderen Ländern; man denke nur an die Polarisierung der Gesellschaft in den Vereinigen Staaten oder die Brexit-Debatten im britischen Unterhaus. Und ich beobachte sie in unserer Welt als Spaltungen zwischen Arm und Reich, zwischen Gewinnern und Verlierern der Globalisierung und zunehmend auch wieder zwischen Amerika und Russland; gerade letzte Woche ist der INF-Vertrag, der seit 40 Jahren die atomare Mittelstreckenbewaffnung begrenzt, aufgekündigt worden.

Spaltungen in unserer Kirche, zwischen den Religionen und überhaupt in unserer Welt, die nehmen nach meinem Eindruck deutlich zu. Das macht die Worte des Paulus für mich aktuell, weil er an Menschen geschrieben hat, die damals mit Abgrenzungen zu kämpfen hatte. Ich lese die Worte des Paulus also als Anregung, wie wir heute mit diesen Problemen umgehen könnten. Und wenn ich diesen Text so lese, dann fallen mir drei Dinge auf.

Das erste ist: Paulus lehnt die Fülle unterschiedlicher Meinungen bis hin zu ihrer Gegensätzlichkeit nicht etwa ab, im Gegenteil: Er würdigt sie vielmehr als Reichtum und sagt: Gott hat euch an alle die ihr doch so verschieden seid reich gemacht: Reich an der Fähigkeit zu reden und reich an Erkenntnis, Deshalb fehlt euch keine der Gaben, die er in seiner Gnade schenkt.

Aus diesen Worten höre ich heraus: Vielfalt ist kein Makel, sondern ein Reichtum. Es gibt viele verschiedene Gaben, so wird Paulus später im Brief formulieren. Aber mit denen ist es wie mit dem menschlichen Körper. Auch der besteht aus Gliedern und Organen, die alle verschieden sind. Aber dennoch werden sie alle gebraucht und deshalb sind alle existentiell wichtig.

Die Vielfalt als Bereicherung der Gemeinschaft verstehen und nicht als Makel, ich denke das ist das erste, was wir auch heute dringend brauchen, in unserer Gemeinde und unserer Welt. Damit der andere mit der anderen Meinung für mich nicht zum Feind oder zum Deppen wird, auf den ich hochmütig herabschaue, sondern zu einem Partner, der mich und meine Sicht auf die Dinge ergänzen, relativieren und schärfen kann. Und wenn das gelänge, dann wäre das auch heute ein erster Schritt, Spaltungen zu überwinden.

Das heißt nun allerdings nicht, die eigene Meinung aufzugeben oder mit ihr hinterm Berg zu halten. Denn Paulus sagt auch: Gott hat der Botschaft von Christus bei euch einen festen Grund bereitet. Und er wird euch helfen, bis zum Schluss fest auf diesem Grund zu stehen.

Mit diesen Worten würdigt Paulus das Beharrungsvermögen. Er würdigt die Ausdauer, mit der Menschen ihre Meinung und ihren Glauben vertreten. Und das ist kein Widerspruch zum Reichtum der Vielfalt, im Gegenteil: Vielfalt kann nur gelingen, wenn es Verschiedenartigkeit gibt und wenn es Menschen gibt, die ihre je eigene Sicht der Dinge bewusst vertreten. Nur so können sich verschiedenen Gaben und Fähigkeiten und Sichtweisen tatsächlich gegenseitig ergänzen, relativieren und aneinander schärfen.

Sich in der Vielfalt der Gaben und Meinungen mit seinen Möglichkeiten und Gedanken selbstbewusst zu entfalten, das ist deshalb der zweite Schritt um Spaltungen zu vermeiden bzw. zu überwinden. Und ich denke, auch diesen Schritt können und sollen wir heute immer wieder wagen.

Als drittes verweist Paulus auf den Grund, auf dem alles steht: Jesu Christus und seine Botschaft. Damit sagt er: Es gibt in all dieser Unterschiedlichkeit etwas Verbindendes. Denn Jesus ist der Grund von allem und allen. Oder wie er später formulieren wird: Es gibt viele Gaben, aber nur einen Geist der das alles bewirkt. Und das ist der Geist der Liebe.

Ich entnehme dem: Die Vielfalt und manchmal sogar Gegensätzlichkeit von Gaben und Meinungen führt uns nicht von Gott weg, sondern zu ihm hin. Nicht in der Einfalt sondern in der Vielfalt offenbart sich uns der Gott des Lebens. Denn Gott ist die Liebe. Und die Liebe ist es, die alles glaubt, alles hofft, allem Stand hält, und so auch die Vielfalt des Lebens und der Meinungen zusammenhalten kann.

Diese Liebe ist nicht romantische Verklärtheit, sondern eine Haltung der Offenheit und der Zuwendung, des Wohlwollens und der Toleranz gegenüber der Welt und den anderen. Auf dieser Grundlage zusammen zu leben, das rät Paulus damals den Korinthern. Und ich glaube, dies ist auch ein guter Rat für uns, wenn wir miteinander in unserer Kirche, zwischen den Religionen und in der Welt leben und Spaltungen überwinden wollen.

Was wir heute brauchen, das sind nicht Nationalismen, kollektive Egoismen und geistiger Hochmut, sondern Gemeinschaft in versöhnter Verschiedenheit. In einer globalisierten Welt brauchen wir die dringender denn je. - Für mich ist das ein guter Grund, die Liebe Jesu auch heute in die Welt zu tragen über alle geographischen, ethnischen und konfessionellen Grenzen hinweg, genauso wie Paulus vor 2.000 Jahren.

Amen

 

3. Februar 2019, Pastor Olav Metz