Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)


Wer ist das Licht der Welt?
(Joh 8, 12 und Mt 5, 13-16)

Liebe Gemeinde,

heute, am 1. Advent 2021, zum Beginn eines neuen Kirchenjahres, nehmen wir ihn wieder feierlich in Gebrauch: Den Radleuchter hier in Groß Zicker. Im Jahre 1868 (also vor 153 Jahren) wurde er von 24 Mönchguter Lotsen gestiftet. Und es ist klar, dass ich in diesem schönen Moment natürlich etwas über das Licht sagen muss.

Was ist zu sagen? – Damit auch noch etwas Zeit für unsere Restauratorin Frau Zimmermann bleibt, will ich mich kurzfassen und werde mich auf einen Gedanken beschränken. Dieser Gedanke lautet: Beim Licht geht es nicht um ‚entweder – oder‘ sondern um ‚sowohl – als auch‘. Wie ich das meine, das will ich kurz erläutern, erstens physikalisch, zweites biblisch und drittens maritim. Und ich beginne mit der Physik.

Betrachtet man es physikalisch, dann ist das Licht bis heute eines der großen und bisher ungelösten Rätsel der Natur: Zum einen verhält sich das Licht nämlich wie eine elektromagnetische Welle. Sie werden sich vielleicht auch noch an die Experimente erinnern, die dazu im Physikunterricht gemacht wurden. Zum anderen ist das Licht aber offenbar ein Elementarteilchen, ein Photon und dann verhält ist sich ganz anders als eine Welle.

Welle und Teilchen, das ist nach der Newtonschen Physik eigentlich etwas Gegensätzliches; entweder Teilchen oder Welle. Beides zusammen geht nicht. Im Licht steckt aber offensichtlich beides. Wie das geht, das wissen wir bis heute nicht genau. Es gibt nur eine Theorie dazu, die Quantentheorie. Aber wie das wirklich funktioniert, das ist bis heute ein Rätsel.

Ich schließe daraus: Jeder Lichtfunke, den wir sehen, sagt uns: Hier gilt nicht ‚entweder – oder‘, sondern ‚sowohl - als auch‘. Mag sein, dass wir das nicht verstehen. Wir hätten die Dinge lieber gerne klar und auseinander sortiert. Aber so ist die Welt nicht gestrickt. Es gibt da einfach Dinge zwischen Himmel und Erde, die Grenzen überschreiten, die Grenzen unserer physikalischen Einteilung der Welt und damit zugleich die Grenzen unseres Denkens und unseres Vorstellungsvermögens. Und das Licht ist ein prima Beispiel dafür. Denn das Licht ist eben nicht ‚entweder – oder‘, sondern ‚sowohl – als auch‘.

Soviel zur Physik. Ich komme damit zur Bibel und zum Licht in der Bibel. Sie werden es gemerkt haben: Der Lesungstext war eine Verbindung von zwei Bibelworten, Johannes 8 und Matthäus 5. Beide Worte sagt Jesus. Aber mit seinen Worten sagt er zwei sehr widersprüchlich scheinende Dinge. Zum einen sagt er bei Johannes: Ich bin das Licht der Welt. Aber dann heißt es bei Matthäus genauso klar: Ihr seid das Licht der Welt.

Wie ist es denn nun? Er oder wir? – Nun, ich denke, es ist genauso wie beim Licht in der Physik. Auch hier gilt nicht ‚entweder – oder‘, sondern ‚sowohl - als auch‘. Natürlich schauen wir als Christen und als christliche Gemeinde auf Jesus. Natürlich ist er der Stern, der aufgeht und uns vorangeht, der uns leuchtet und uns den Weg weist. Und genau das feiern wir ja jetzt im Advent: Wir warten auf seine Ankunft, auf sein Licht, damit es uns leuchtet und uns begleitet, auch heute.

Genauso gilt nun aber auch: Dieses Licht kann die Welt nur erleuchten, wenn wir es weitergeben und in die Welt etwas ausstrahlen. Das können wir und das sollen wir. Und unsere Sache ist es ausdrücklich, uns da auch etwas zuzutrauen. Wir sollen unser Licht nicht unter den Scheffel stellen, sondern es auf einen Leuchter setzen, damit die anderen sehen, was wir tun und dann – Gott loben.

Und an dieser Stelle wird nochmal deutlich, dass es sogar zwischen Gott und uns Menschen kein ‚entweder – oder‘, sondern ein ‚sowohl - als auch‘ gibt. Denn wenn Gott gelobt werden wird, weil wir unser Licht leuchten lassen, dann ist Gottes Licht und unser Licht nicht voneinander zu trennen; sie gehören unauflöslich zusammen. Das ‚sowohl - als auch‘ gilt also sogar zwischen Gott und uns Menschen. Und in diesem Sinne wollen wir auch das Licht dieses Leuchters als ein Licht unseres Glaubens kräftig leuchten lassen.

Tja, und damit bin ich auch schon bei meinem dritten ‚sowohl - als auch‘, dem maritimen. Denn diesen Leuchter haben ja die Lotsen gestiftet. Und auch deren Lebenserfahrung heißt nicht ‚entweder – oder‘, sondern ein ‚sowohl - als auch‘.

Ein alter Mönchguter Fischer hat mal zu mir gesagt: „Wissen sie, Herr Pastor, ab Windstärke 8 gibt es keine Atheisten mehr.“ Warum? Weil spätestens da jeder spürt: Es liegt nicht alles in unserer Hand. Ja, wir können und sollen unseren Teil tun. Aber wir sind auch auf Gottes Begleitung und seinen Segen angewiesen.

Der Schriftsteller Gorch Fock hat diese Weisheit in einem Vers zusammengefasst, den sicherlich viele kennen werden und der auch auf dem Brunnen in Göhren seinen Platz gefunden hat. Er lautet: ‚Gottes sind Wogen und Wind. Aber Segel und Steuer sind euer, dass ihr den Hafen gewinnt.‘ Und diesem Spruch zu folgen ist – so finde ich – nicht nur auf See ein gutes Motto.

Nicht ‚entweder – oder‘, sondern ‚sowohl - als auch‘. Das ist die Botschaft des Lichts. Das ist die Botschaft der Bibel. Und das ist die Botschaft der Lotsen und ihres Leuchters, der jetzt wieder so wunderbar hier erstrahlt.

Von diesem Licht sollten wir uns leiten lassen, gerade jetzt im Advent, am Anfang eines neuen Kirchenjahres, und mitten in der vierten großen Welle der Corona-Pandemie: Schauen wir auf das Licht, das uns leuchtet, auf Jesus, auf die Liebe und die Werte, die er uns vorgelebt hat. Und lassen wir dann unser Licht erstrahlen wie dieser Leuchter, damit die Welt ein wenig heller und besser wird. Und damit auch andere sehen und spüren: Gott ist uns nahe, mitten in unserem Leben, mitten in unserem Alltag. Er kommt in die Welt als kleines Kind.

Gewiss, diese Dimensionen übersteigen zuweilen unseren Verstand und unsere Vorstellungskraft. Aber bei Gott ist es halt wie beim Licht: Da gibt es kein ‘entweder – oder‘, sondern ein ‚sowohl - als auch‘. Und ich hoffe sehr, dass uns dieser Leuchter an diese untrennbare Verbindung mit Gott immer wieder erinnert.

Amen

 

1. Advent 2021 - Pastor Olav Metz (Mönchgut)