Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

Hirt und Herde
zwischen Romantik und Seelennahrung

Liebe Gemeinde,

das Bild vom Schäfer und seinen Schafen ist eines der häufigsten Bilder in der Bibel. Drei Beispiele haben wir gerade gehört. Den 23. Psalm, der uns sagt: Gott ist mein Hirte. Die Worte aus dem Propheten Ezechiel, der über die falschen Hirten klagt. Und der Gottes Ankündigung weitersagt: Ich fordere meine Schafe zurück und werde sie selber weiden. Und wir haben die Worte aus dem Johannesevangelium gehört, wo Jesus sagt: Ich bin der gute Hirte. Für meine Herde gebe ich sogar mein Leben.

Ich bin der gute Hirten. Ich sorge für meine Herde. Wenn ich diese Worte höre, dann sehe ich vor meinem inneren Auge die Zicker Berge. Ich sehe eine Herde rauwolliger Pommernschafe über die Hügel ziehen. Und ich sehe den Hirten, der auf einen Stock gestützt die Herde begleitet. Ein beschauliches romantisches Bild entsteht da vor meinen Augen, auch wenn ich natürlich weiß, dass es das auch in den Zicker Bergen kaum noch gibt, weil hier zumeist nur noch gekoppelt wird.

Ich bin der gute Hirten. Ich sorge für meine Herde. Zugleich macht sich bei mir bei diesen Worten aber auch ein ungutes Gefühl breit. Denn von Pastoren sagt man ja, sie seien die Hirten der Gemeinde und hüten ihre Schäfchen. Aber ich verstehe mich gar nicht als Hirte, der Schafe hütet. Und dies auch deshalb, weil ich mich selber ungern als Schaf ansehen lassen würde, das man erst dahin treiben muss, wo es hingehört.

Der Hirte und die Schafe: Bei mir entstehen da ein romantisches Bild und zugleich ein ungutes Gefühl. Und wenn es ihnen da ähnlich gehen sollte, kann ich das gut verstehen. Nüchtern betrachtet müssen wir allerdings feststellen: Wenn die Bibel vom Hirten und von den Schafen spricht, dann geht es weder um Romantik noch um Dummheit. Es geht vielmehr und knallharte Fakten und um – man höre staune – wirtschaftliche Klugheit.

Denn der Grund, warum der Hirte mit seinen Schafen so oft in der Bibel Erwähnung findet, ist zunächst mal wirtschaftlicher Natur: Schafe waren damals nämlich der Hauptwirtschaftszweig, vergleichbar der Autoindustrie heute. Gute Hirten bedeuteten: Viele Schafe. Und viele Schafe bedeuteten Wohlstand. Schlechte Hirten dagegen bedeuteten wenige Schafe. Und das bedeutete Armut.

Etwas salopp formuliert könnte man deshalb sagen: Ein guter Schäfer damals, das ist so ähnlich wie ein guter Firmenmanager heute. Und die Herde ist vergleichbar mit der Belegschaft. Agiert der Manager mit Weitsicht dann geht es ihm und der Belegschaft gut. Denkt er dagegen nur an sich, dann leidet die Belegschaft darunter und am Ende ist das ganze Unternehmen gefährdet.

Beim Hirte und seinen Schafen geht es also weder um Romantik noch um Dummheit. Es geht vielmehr um tragfähige Lebensgrundlagen. Und die brauchen sowohl eine fleißige Belegschaft, also eine gute Herde, als auch ein kluges Management, also einen guten Hirten. Und deshalb wird in der Bibel das Bild vom Hirten und den Schafen so oft gebraucht.

Die Worte Ezechiels könnte man deshalb auch sofort den schlechten Managern heute ins Stammbuch schreiben: Wehe den Hirten, die nur sich selbst weiden; Wehe den Managern, die nur an sich selber denken. Und welche das sind und wie viele das sind, das erfahren wir ja sehr regelmäßig durch die Medien.

Bevor wir nun aber alle mit dem Finger auf die schlechten Wirtschaftshirten von heute zeigen und uns vielleicht sehr schnell einig sind: Auch sie gehören – wie Ezechiel in Gottes Namen sagt - entmachtet und am besten durch Gott selbst ersetzt, bevor wir so weit gehen, sollten wir uns klar machen: Diese sehr nüchterne, wirtschaftliche Betrachtungsweise ist nur der erste Schritt. Denn die Bibel spricht ja nicht von den Hirten und schon gar nicht von Jesus als dem guten Hirten, um damit zu sagen: Jesus wäre eigentlich der bessere Wirtschaftsminister.

Die Bibel spricht von Gott und Jesus als guten Hirten, weil sie deutlich machen will: Genauso, wie wir gute Wirtschaftshirten brauchen, damit es uns körperlich gut geht, genauso brauchen wir auch gute Glaubenshirten, damit es uns seelisch gut geht. Denn wir brauchen nicht nur Nahrung für den Leib, sondern genauso auch Nahrung für die Seele.

Um diese Nahrung, diese Weide geht es, wenn Gott sagt Ich bin der gute Hirte. Und spätestens hier können wir nun nicht mehr mit dem Finger auf andere zeigen. Denn die Fragen, vor die uns diese Bibeltexte als Christen heute stellen, lauten dann: 1. Leben wir aus den Kraftquellen des Glaubens? Vertrauen wir den guten Weiden Gottes? Nutzen wir sie? Und 2. Geben wir als Christen diese Seelennahrung auch weiter? Helfen wir denen weiter, die heute auf der Suche nach Nahrung für ihre Seelen sind?

Und das ist die Stelle, an der ich nun doch ein Hirte, und zwar ein guter Hirte sein möchte. Ich möchte Quellen öffnen, Nahrungsquellen für die Seele. Zum Beispiel im Erwachsenenseminar, zu dem wir uns gerade im letzten Vierteljahr wieder regelmäßig getroffen haben. Ich möchte, das für die Teilnehmer spürbar wird: Die Tradition, in der wir stehen, kann eine Quelle der Kraft sein. Das Wort der Bibel kann eine Quelle der Kraft sein. Und auch das Gebet und die Meditation können eine Quelle der Kraft sein, um nur einige Beispiele zu nennen.

Oder ich denke an die Beerdigungen der letzten Woche: Nein, natürlich kann auch ich das Leid und den Schmerz des Abschieds nicht weg machen. Aber ich will meinen Teil dafür tun, dass wir angesichts des Todes nicht verstummen sondern der Glaube, die Hoffnung und die Liebe uns bewahren und weiter tragen. Damit wir den Weg unseres Lebens weitergehen können. Sicher mit traurigem, aber dann auch mit tapferem Herzen.

In dieser Hinsicht will ich schon ein guter Hirte unserer Gemeinde sein. Gerade dabei merke ich aber auch: Das gelingt nur, wenn ich auch selber aus den Quellen dieser Kraft lebe, es zu mindestens immer wieder versuche. Nur wenn ich mich selber von Gottes Nähe berühren lasse, kann ich auch andere berühren.

Ich glaube, die Leute merken sehr genau, ob ich nur Worte mache, oder ob das tatsächlich etwas mit mir zu tun hat. Und in diesem Sinne möchte ich dann auch gerne ein Schaf in der Herde Gottes sein, das selber den guten Weiden Gottes vertraut, sich zu ihnen führen lässt und von ihnen lebt. Weil mir sonst selber die Kraftquellen des Glaubens fehlen und ich einfach kein glaubwürdiger Hirte sein kann.

Der Hirte und die Schafe:  - Nein es geht nicht um Romantik oder Dummheit. Es geht um Klugheit und Seelennahrung. Ich glaube, wir haben diese Worte richtig verstanden, wenn wir selber aus diesen Quellen leben und anderen helfen, diese Quellen zu entdecken.

In diesem Sinne hoffe ich, dass wir alle gut geführte Schafe sind, denen es nicht nur leiblich sondern auch seelisch gut geht. Ich hoffe, dass wir alle auch gute Hirten sind, Hirten, die anderen den Zugang zum Heil der Seele öffnen. Und damit das gelingt, deshalb wünsche ich uns allen als Schafen einen guten Hirten, und als Hirten eine gute Hand. Weil es um das Seelenheil geht, für uns und für andere. Und dieses Heil brauchen wir, auch heute.

 Amen

 

15. April 2018, Pastor Olav Metz