Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

Was für ein Vertrauen
(2. Könige 18, 19)

Liebe Gemeinde,

Was für ein Vertrauen – das ist die Losung, unter der der Kirchentag steht, der heute in Dortmund zu Ende geht. Und die passt nicht nur zum Kirchentag sondern auch zu unserem Gottesdienst heute hier in Baabe zum Gartenfest. Denn jeder, der gärtnert, weiß: Ohne Vertrauen geht es nicht. Wir können als Gärtnerinnen und Gärtner viel machen. Wir können und müssen unseren Teil tun. Aber es liegt dennoch nicht alles in unserer Hand. Wachsen muss es von allein. Und sich darauf zu verlassen, dass die Saat aufgeht und gute Früchte bringt, dass die Sonne scheint und der nötige Regen fällt, das ist eine Sache des Vertrauens.

Was für ein Vertrauen – wenn man diesen Satz im Blick auf die Gärtnerei sagt, dann gehört hinter diesen Satz also ein großes Ausrufezeichen. Denn ohne Vertrauen geht es im Garten nicht. Und genauso kann man diesen Satz natürlich auch im Blick auf den Glauben verstehen. Denn glauben heißt nichts anderes als vertrauen zu haben, Gottvertrauen, Vertrauen zu anderen und Selbstvertrauen. Und wenn ich Menschen begegne, die dieses Vertrauen haben, dann sage ich zuweilen auch: Was für ein Vertrauen! Und mache ein großes Ausrufezeichen dahinter.

Umso interessanter finde ich, dass hinter diesem Satz, der im Alten Testament im 2. Buch der Könige 18, 19 steht, ursprünglich kein Ausrufezeichen steht. Der Satz endet dort vielmehr mit einem großen Fragezeichen. Und um das zu verstehen, schauen wir jetzt mal kurz 2.720 Jahre zurück, in das Jahr 701 vor Christus.

In Jerusalem herrscht damals der König Hiskia. Er ist ein guter König, der sich für sein Land und sein Volk einsetzt. Aber er ist in einer schwierigen Lage: Sein Königreich liegt zwischen den konkurrierenden Großmächten Assyrien und Ägypten. Dieser Konflikt droht ihm und den Israeliten zum Verhängnis zu werden. Das Heer der Assyrer marschiert unter dem Oberbefehlshaber Rabschake auf Jerusalem zu um die Stadt zu erobern und die Israeliten der assyrischen Herrschaft zu unterwerfen. Die Angreifer sind den Verteidigern sowohl zahlenmäßig als auch waffentechnisch weit überlegen. Die Stadt wird belagert; alle Ein- und Ausgänge sind blockiert. Und die Situation der Belagerten ist im Grunde hoffnungslos.

König Hiskia gibt aber nicht auf. Er tut, was möglich ist, um die Stadt zu verteidigen. Er verstärkt die Befestigungen. Er ermutigt seine Leute. Und er betet. Das bleibt auch Rabschake, dem Befehlshaber der Angreifer, nicht verborgen. Er zitiert deshalb eine Gesandtschaft der Belagerten zu sich. Und über die lässt er Hiskia fragen: Was für ein Vertrauen hast du? Worauf verlässt du dich? Meinst du, bloße Worte genügen? Verläßt du dich auf die Ägypter, deine Verbündeten? - Das sind unsichere Kantonisten! Oder verlässt du dich auf euren Gott? – Lächerlich! Gerade der hat mich beauftragt, euch zu vernichten!

Was für ein Vertrauen… Das ist ursprünglich also nicht etwa ein pathetischer oder bewundernder Satz, sondern vielmehr eine skeptischem, eine zweifelnde Frage. Und gerade diese Zweifel begegnet mir auch heute.

Was für ein Vertrauen habt ihr? Worauf verlasst ihr Euch? Diese Frage stellen heute zum Beispiel Greta Thunberg und die ‚fridays-for-future‘-Bewegung den Politikern und uns allen als Gesellschaft. Verlassen wir uns darauf, dass es schon irgendwie weitergehen wird? Dass es schon nicht so schlimm kommen wird? Verlassen wir uns darauf, dass wir uns schon irgendwie durchwurschteln können? Viele junge Menschen – und nicht nur sie – sagen mir ganz offen, dass sie dieses Vertrauen verloren haben.

Was für ein Vertrauen habt ihr? Das ist die Frage, vor die uns auch die Flüchtlinge stellen, die nach Europa kommen. Sind wir Europäer da solidarisch? Sind wir Verbündete, die einander helfen? Oder lassen wir die, die in der ersten Reihe stehen, im Stich, die Spanier, die Italiener, die Griechen, die Malteser? - Viele Menschen in diesen Ländern zeigen uns leider, dass sie das Vertrauen in ein europäisches Miteinander längst verloren haben.

Was für ein Vertrauen habt ihr? Vor dieser Frage stehen wir auch als Christen heute: Vertrauen wir darauf, dass Gott es schon irgendwie richten wird? Überlassen wir ihm das Feld? Oder trauen wir uns zu, auch selber etwas zu bewegen? – Mir begegnen viele nachdenkliche Christen, die dieses Vertrauensverhältnis zu Gott, zu den Menschen und zu sich selbst neu zu bestimmen versuchen.

Was für ein Vertrauen haben wir? Worauf verlassen wir uns? Ich denke, diese alte Frage ist berechtigt, weil es auch heute guten Grund zur Skepsis gegenüber blindem Vertrauen gibt. Umso wichtiger ist deshalb, nach guten Gründen für unser Vertrauen heute zu suchen. Und dazu geben mir die Bibeltexte dieses Gottesdienstes drei Hinweise.

Der erste Hinweis steckt in den Worten aus dem Hebräerbrief, die wir als erste Lesung gehört haben. Da heißt es nämlich: Trotz aller schlimmen und schwierigen Erfahrungen, die ihr gemacht habt und macht: Werft euer Vertrauen nicht weg. Habt Geduld. Denn wir gehören nicht zu denen, die Angst kriegen und dadurch ins Verderben rennen. Sondern wir gehören zu denen, die vertrauen und dadurch ewiges Leben gewinnen.

Vertrauen wegwerfen, das heißt, aufzugeben, sich von der Angst überwältigen zu lassen und zu resignieren. Glauben bedeutet dagegen, am Vertrauen auf das Leben und auf den Gott des Lebens festzuhalten, trotz aller Sorgen und Schwierigkeiten. Dieses Gottvertrauen mag manchmal naiv erscheinen. Aber nur durch so eine Vertrauen können wir in unserem imperfekten irdischen Leben die weitere göttliche Dimension des Lebens – das ewige Leben –entdecken. Wenn uns das gelingt, dann können wir die Grenzen des Lebens und der Welt verschieben. Und dann können sogar Wunder geschehen, also Dinge, die eigentlich undenkbar schienen. Das geht nur mit Gottvertrauen.

Was für ein Vertrauen haben wir? Worauf verlassen wir uns? Der zweite biblische Hinweis steckt im Gleichnis Jesu von den anvertrauten Talenten. Jesus sagt mit dieser Geschichte: Der Herr, der seinen Dienern sein Vermögen anvertraut, ist Gott. Und die Diener, das sind wir Menschen. Und das bedeutet: Vertrauen ist keine Einbahnstraße. Nicht nur wir Christen vertrauen Gott; Gott vertraut auch uns. Er vertraut uns Fähigkeiten und Gaben an, Talente eben, die wir nicht vergraben oder verstecken, sondern einsetzen sollen. Gott vertraut uns damit seine Welt an. Und er hofft darauf, dass wir sein Vertrauen nicht enttäuschen. - Ich kenne Menschen, für die dies der Grund ist, sich für unsere Umwelt, für das Klima oder gegen Plastikmüll engagieren: Aus Verantwortung vor Gott, der uns vertraut. Auch das ist Gott vertrauen.

Was für ein Vertrauen haben wir? Worauf verlassen wir uns? Den dritten und letzten Hinweis entnehme ich der alten Geschichte von König Hiskia. Hiskia tut, was ihm möglich ist. Er handelt und macht auch anderen dazu Mut. Er rechtfertigt das Vertrauen, das Gott in ihn setzt und das die Bewohner Jerusalems in ihn setzen. Und Hiskia betet. Das heißt, er vertraut Gott. Er wirft sein Vertrauen nicht weg. Dietrich Bonhoffer hat einmal gesagt sagt: In diesen beiden zeigt sich der Glauben: Im Beten und im Tun des Gerechten. Und ich glaube, das ist auch heute die Aufgabe der Stunde.

Die Bibel erzählt übrigens, dass es damals für König Hiskia und die Bewohner Jerusalems tatsächlich ein gutes Ende gegeben hat. Die Assyrer mussten abziehen und die Stadt war gerettet. Vertrauen kann retten: Das ist auch meine Hoffnung für uns heute. Und deshalb sollten wir am Vertrauen festhalten, für unsere Gärten, für unser Leben und für unsere Welt.

Amen

 

23. Juni 2019, Pastor Olav Metz