Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)


...dann nimm dich in acht!
(5. Mose 8, 7-18)

Liebe Gemeinde,

Wenn der Herr, dein Gott, dich in ein prächtiges Land führt, ein Land mit Bächen, Quellen und Grundwasser, das im Tal und am Berg hervorquillt, ein Land mit Weizen und Gerste, mit Weinstock und Honig, ein Land, in dem du nicht armselig dein Brot essen musst, in dem es dir an nichts fehlt…

Und wenn du gegessen hast und satt geworden bist und prächtige Häuser gebaut hast und sie bewohnst, wenn deine Rinder, Schafe und Ziegen sich vermehren und Silber und Gold sich bei dir häuft und dein gesamter Besitz sich vermehrt, wenn du in dieses Land kommst, dann…

Aber halt: Bevor ich zu dem ‚dann‘ komme, wollen wir kurz auf das ‚wenn‘ schauen. Dieses ‚wenn‘ – wir haben es gerade gehört - ist das Leben im gelobten Land: Ein fruchtbares Land mit üppigen Nahrungsquellen, mit guten Wohn- und Erwerbsmöglichkeiten, ein Land mit persönlichem und kollektivem Reichtum.

Bei dieser Schilderung fällt mir als erstes auf: All das, was den Israeliten damals verheißen wird, haben wir. Wir leben in einem schönen Land, wir haben zu essen und zu trinken, wir haben schöne Häuser und ich kennen viele, deren Besitz sich immer noch vermehrt. Ja, wir leben in einem gelobten Land.

Zugleich fällt mir aber auch auf, dass viele das nicht so erleben und empfinden. Die Unzufriedenheit ist groß, trotz aller Dinge, die wir haben. Die Zweifel an der Demokratie, die wir im Osten vor genau 31 Jahren so überschwänglich begrüßt haben, sind spürbar gewachsen. Und auch die Zweifel, ob das ‚immer mehr‘ und ‚immer weiter so‘ tatsächlich der Weg zum Glück und zum persönlichen Wohlbefinden ist, wächst Zusehens, nicht zuletzt wegen der Folgen unseres Lebensstils für unsere Erde.

Wir leben – biblisch gesprochen - im gelobten Land aber wir erleben und empfinden es nicht so. Und gerade deshalb möchte ich jetzt auf das ‚dann‘ in unserem Predigttext schauen. Denn ich glaube, in diesem ‚dann‘ steckt auch eine Antwort auf die Frage, was bei uns schiefläuft und warum es uns so geht, wie es uns geht.

Das ‚dann‘ wird in unserem Bibeltext dreimal gesagt. Und ich beginne mit dem ‚dann‘ in der Mitte unseres Predigttextes; da heißt es: Wenn du in das gelobte Land gekommen bist, dann nimm dich in Acht, dass dein Herz nicht hochmütig wird und du den Herrn, deinen Gott, nicht vergisst, der dich aus Ägypten, dem Sklavenhaus, geführt hat.

Was ist Hochmut? – Hochmut ist, wenn ich nur noch mich selber sehe, meine Bedürfnisse, meine Wünsche, meine Leistungen. Hochmut ist, wenn ich die Zusammenhänge, in denen ich lebe, die menschlichen, die wirtschaftlichen und ökologischen und auch die göttlichen, aus dem Blick verliere, weil mein Blick nicht mehr über meinen eigenen Tellerrand hinausreicht. Hochmut ist, wenn ich selbstherrlich glaube, ich stünde über den Dingen oder sei ihr Mittelpunkt.

Ich glaube, dieser Hochmut ist eine der großen Sünden unserer Zeit. Denn so richtig und wichtig es ist, den einzelnen im Blick zu behalten und die Individualität jedes Einzelnen zu stärken: Wenn dies zur Folge hat, dass jeder nur noch sich selber sieht, dann kreisen wir am Ende alle nur noch um uns selbst. Das aber ist das Ende von Gemeinschaft und gesellschaftlich betrachtet eine Katastrophe.

Gerade letzte Woche hatte ich ein langes Gespräch mit einer Frau, die sich für die Freiwillige Feuerwehr engagiert. Sie hat erzählt, dass es immer schwieriger wird, Menschen für gemeinnützige Arbeit zu gewinnen. Es gibt kaum noch verbindliche Zusagen. Privat geht immer vor. Und ich füge hinzu: Das ist nicht nur bei der Feuerwehr so, sondern in vielen Bereichen unseres Lebens – übrigens auch bei uns in der Kirchengemeinde.

Ich glaube, das ist der Hochmut, vor dem wir uns in Acht nehmen sollten. Weil er zu einem Individualismus führt, der auch in einem reichen gelobten Land das Miteinander zerstören kann. Und ich habe den Eindruck, auf diesem Wege sind wir leider gerade unterwegs.

Was hilft gegen den Hochmut? Mit dieser Frage komme ich vom ersten zum zweiten ‚dann‘ unseres Predigttextes, denn da heißt es: Wenn du in das gelobte Land gekommen bist, dann nimm dich in acht und vergiss den Herrn, deinen Gott, nicht und missachte nicht seine Gebote.

Gott nicht vergessen. Den Sonntag heilighalten. Nicht stehlen. Nicht lügen. Nicht begehren, was andere haben. Und den Nächsten lieben. – Das sind einige der biblischen Gebote. Sie alle verbindet, dass sie uns aus dem Hochmut herausführen wollen, indem sie uns und unsere Ansprüche relativieren. Zum einen durch den Blick auf Gott und das, was er für unserer Leben will – die Gebote eins bis vier. Zum anderen durch den Blick auf die Anderen und das, was sie brauchen – die Gebote fünf bis zehn.

Gott und seine Gebote nicht vergessen: Ich glaube, das ist ein möglicher Weg, dem Hochmut zu widerstehen, der an uns und unserer Gesellschaft nagt. Dass wir mit dieser christlichen Sichtweise heute und hier nicht in der Mehrheit sind, das ist mir wohl bewusst. Aber wir können damit ein Zeichen setzen gegen den Trend unserer Zeit. Und ich glaube, das ist unser christlicher Auftrag.

Was tun gegen den Hochmut? Ich komme zum dritten ‚dann‘ unseres Bibeltextes: Wenn du ins gelobte Land gekommen bist, dann denk nicht bei dir: Ich habe mir diesen Reichtum aus eigener Kraft und mit eigener Hand erworben. Denk vielmehr an den Herrn, deinen Gott: Er war es, der dir die Kraft gab, Reichtum zu erwerben….

Vergiss nicht die Quelle deiner Kraft, so könnte man dieses dritte ‚dann‘ kurz zusammenfassen. Oder um es mit den Worten des Erntedankliedes zu sagen, dass wir vorhin gesungen haben: Es geht durch unsere Hände, kommt aber her von Gott.

Die moderne Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist an dieser Stelle sehr selbstbewusst: Was wir schaffen und was wir können, das hat zumeist wenig oder gar nichts mehr mit Gott zu tun. Auch hier sind wir eher hoch- als demütig. Aber könnte es nicht sein, dass gerade dies einer der Gründe dafür ist, weshalb so viele Menschen heute die Quellen ihrer Kraft verloren haben, weshalb Menschen ausgebrannt sind und Burnout zu einer der weitverbreitetsten Krankheiten in der westlichen Welt geworden ist?

Dann vergiss nicht die Quelle deiner Kraft: Um Menschen an Gottes Quelle der Kraft zu erinnern, haben wir vor 14 Tagen unser neues Pfarrarchiv eingeweiht: Die Glaubens- und Lebenserfahrungen unserer Altvorderen, die wahrlich nicht im gelobten Land gelebt haben, sind mir immer wieder eine Hilfe, selber etwas demütiger zu sein. Oder ich denke an die Konfirmation vor 8 Tagen, bei der die zentrale Botschaft die Zusage Gottes war: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht. - Gerade die junge Generation wird Gottes Segen und seine Begleitung brauchen angesichts der Aufgaben, die ihnen vor die Füße gelegt sind.

Wenn der Herr dein Gott dich in ein prächtiges Land führt, ein Land mit Bächen, Quellen und Grundwasser, ein Land mit Weizen und Gerste, mit Weinstock, Ölbaum und Honig, ein Land in dem du nicht armselig dein Brot essen musst, in dem es dir an nichts fehlt… dann werde nicht hochmütig, sondern erinnere dich an Gottes Gebote und erinnere dich an die Quellen seiner und damit deiner Kraft.

Ich glaube, nur wenn wir das tun, kommen die guten Gaben Gottes auch wirklich bei uns an. Und in diesem Sinne wünsche ich uns allen ein gesegnetes Erntedankfest.

Amen

 

 

3. Oktober 2021 - Pastor Olav Metz