Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

Die innere Burg
(Hebräer 13, 1-14)

Olav.... Hallo Malte, das ist ja wunderbar, dass du gerade bei uns bist!

Malte.. Das freut mich, zu hören! - Aber bitte: warum?

Olav.... Weil ich predigen muss.

Malte.. Versteh‘ ich nicht, das machst du doch ständig.

Olav.... Stimmt schon, aber dieser Text ist schon speziell.

Malte.. Du meinst den Predigttext aus dem Hebräerbrief.

Olav.... Genau. Randvoll mit großer Theologie und mit sehr speziellen Bildern.

Malte.. Die da wären?

Olav.... Na, zum Beispiel, dass der Hohenpriester nur das Blut der Opfertiere in den Tempel bringt, die Körper aber draußen verbrannt werden. Und dass das mit Jesus zu tun hat. Was soll das heißen? – Du studierst doch gerade Theologie: Kannst du uns bitte mal erklären, was damit gemeint ist?

Malte.. Also, wenn ich das richtig verstehe, dann spielen da zwei Dinge eine Rolle. Erstens, dass Jesus für unsere Sünden gestorben ist – so, wie die Opfertiere damals für die Sünden des Volkes. Und zweitens, dass das keine heroische Erfolgsgeschichte war, sondern eine absolute Erniedrigung: Jesus stirbt draußen vor der Stadt. Und er stirbt elend und qualvoll am Kreuz - wie ein Verbrecher. Ja, und wir als Christen, wir sollen ihm auf diesem Weg folgen. Auch wir sollen standhalten, bis zuletzt.

Olav.... Okay, verstehe. Aber was mache ich als Gemeindepastor heute damit? Wenn ich predige, dann will ich den Menschen doch Mut machen und ihnen mit meinen Worten Kraft geben. Wenn ich denen sage: Lasst euch erniedrigen, ertragt die Schande und durchhalten, durchhalten, durchhalten: Ich denke, dass ist heute - vorsichtig gesagt – schwer vermittelbar.

Malte.. Da hast du wohl recht. Aber das liegt bestimmt auch daran, dass die Situation der Hebräer damals eine ganz andere war als unsere Situation heute. Sie wussten, dass es lebensgefährlich sein konnte, sich als Christ zu outen. Die Nachfolge war damals eine wirkliche Entscheidung, manchmal sogar eine Entscheidung zwischen Leben und Tod.

Olav.... Trotzdem bleibt die große Frage, was ich heute zu diesem Text sagen soll. Was mich – und nicht nur mich – ja heute beschäftigt, das ist die Situation in unserer Welt, in unserem Land und auch in unserer Kirche. Und ich hätte schon gern, dass mir ein Predigttext was dazu sagt, dass er mir hilft, mit mir und meinem Alltag heute besser zu Recht zu kommen.

Malte.. Aber da gibt es doch in unserem Text durchaus was, was - jenseits aller hohen Theologie - zu unserer Situation heute passt: An der Liebe festhalten. Gegenüber Fremden gastfreundlich sein. Nicht geldgierig sein. Sich bei denen, die misshandelt werden, immer wieder klar machen: Auch ich bin verletzlich und all das kann grundsätzlich auch mir passieren. Und sich in dieser Haltung eben nicht beirren zu lassen. Das ist doch eine ganz aktuelle Botschaft, oder nicht?

Olav.... Da hast du recht. Beim Blick auf die großen theologischen Worte am Schluss habe ich den praktischen Anfang offenbar völlig vergessen. Und ja, der ist wirklich eine gute christliche Maxime, wie wir unseren Alltag auch heute gestalten können.

Malte.. Sehr schön. Dann kannst du dich ja einfach auf den ersten Teil beschränken. Du hast was zu predigen, die Leute haben was mitzunehmen und alles ist schick.

Olav.... Könnten wir, aber ich glaube, die Sache mit Jesus und den Opfertieren und dem Lager da draußen vor der Stadt, die brauchen wir trotzdem.

Malte.. Weil?

Olav.... Weil das, was wir tun sollen, ja nur das eine ist. Das andere ist, wo wir die Kraft dafür hernehmen, eben die Kraft, die Jesus hatte. Und da glaube ich, ist es gut und wichtig, wenn wir uns auch den zweiten Teil nochmal genau anschauen. Lass uns einfach nochmal nachlesen.

Malte.. Also, hier steht, Jesus hat außerhalb des Tores gelitten. Geographisch betrachtet heißt das, dass er aus der Stadt Jerusalem hinausgeführt wurde, zum Berg Golgatha. Aber wenn man es theologisch sieht, dann bedeutet das auch, er wurde vom Tempel weggeführt, also dem Ort, wo für alle Juden damals Gottes zuhause war. Und das war zu der Zeit eine politisch sehr brisante Aussage, denn der Tempel war kurz bevor der Hebräerbrief geschrieben wurde durch die Römische Besatzungsmacht zerstört worden. Diese Zerstörung war damals eine Schmach, eine Schande und eine Erniedrigung für das ganze Volk Israel.

Olav.... Ja! Und jetzt weiß ich auch, warum wir diesen Teil des Predigttextes unbedingt brauchen: Weil er uns sagt: Selbst, wenn wir aus allen vertrauten Strukturen ausziehen müssen oder sogar aus ihnen vertrieben werden und alle über uns lachen, sollen wir diese Erniedrigung tapfer ertragen. Weil Gott trotzdem bei uns ist und wir deshalb sagen können – siehe Vers 6: Der Herr ist mein Helfer, ich fürchte mich nicht. Was können mir Menschen schon antun?

Malte.. Tja, nur leider ist da soft sehr viel leichter gesagt als getan. In meinem Semester z.B. sind wir an der Uni Rostock noch ganze 2 Theologiestudenten. Große Studierendenzahlen sind vorbei. Auch die Kirchen schrumpfen – etwa 600.000 Mitglieder hat die ev. Kirche im letzten Jahr verloren. Und inzwischen werden sogar Kirchengebäude aufgegeben, weil Kirchengemeinden verschwinden oder ihren Unterhalt nicht mehr bezahlen können.

Olav.... Mich erinnert das an die Worte Jesus aus dem Evangelium: Hier wird kein Stein auf dem anderen bleiben. Und wenn ich an unsere Sitzung letzte Woche mit den Gemeindekirchenräten denke, dann spürt man, dass das gerade von denen, die sich redlich um ihre Kirche und Gemeinde bemühen als Schmach und als Erniedrigung empfunden wird.

Malte.. Für mich würde das also bedeuten: Wenn ich diese Situation annehme und weiter studiere auch wenn wir nur zu zweit sind, dann wäre das mein Weg, mit Jesus hinauszuziehen und die Erniedrigung zu ertragen?

Olav.... So würde ich das sehen. Aber diese Herausforderung gilt natürlich nicht nur dir, sondern sie gilt uns allen als Christen.

Malte.. Was bleiben kann, das sind also nicht die äußeren Strukturen, die „Steine“. Und deshalb müssen wir aus diesem so sicher scheinenden Mauern hinauszugehen, auch wenn‘s schwerfällt und weh tut wir das als Scheitern und Erniedrigung empfinden. – Hm, das ist schon echt schwerer Brocken. Und wenn es denn so ist, bleibt dann überhaupt etwas?

Olav.... Ja, uns bleibt Die innere Burg.

Malte.. Was bleibt?

Olav.... Die innere Burg. So hat Terasa von Avila das genannt. Sie war Mystikerin und hat im 16. Jahrhundert gelebt. Und sie hat gesagt: Gott wohnt nicht in Tempeln und Kirchen, sondern in unserer Seele. Betrachte deine Seele deshalb als deine innere Burg. Wenn du in dieser Burg sicher aufgehoben bist, dann wirst du spüren: Der Herr ist mein Helfer, ich fürchte mich nicht. Was können mir Menschen schon antun? Und dann, dann kannst du alle äußeren Mauern getrost hinter dir lassen und hinausziehen und – wie Jesus - sogar Not und Erniedrigung ertragen. Und wer dann standhält, der wird gerettet werden.

Malte.. Das klingt sehr eindrücklich, aber auch fast schon ein bisschen pathetisch. Ich würde das deshalb gerne noch ein kleines bisschen relativieren.

Olav.... Wie das?

Malte.. Mit dem letzten Vers aus unserem Predigttext: Wir haben hier keine bleiben Stadt, sondern wir suchen die zukünftige. Mir gefällt daran, dass da nicht steht Wir haben die zukünftige Stadt, sondern wir suchen sie. Das heißt nämlich, dass auch wir Suchende sind und es bleiben, im äußeren genauso, wie im inneren. Auch unsere innere Burg besitzen wir eben nicht, sondern wir können nur versuchen, sie täglich neu in uns zu finden und zu bewohnen.

Olav.... Lieber Malte, vielen Dank. Ich finde, ein besseres Schlusswort kann man gar nicht sagen. Und ich glaube, in diesem Geist können wir dann auch alle tapfer in unseren Alltag hinausziehen und - an der Liebe festhalten…

Malte…gegenüber Fremden gastfreundlich sein…

Olav…nicht geldgierig sein...

Malte.. und auch zu zweit tapfer weiter studieren.

Olav.... Und wir können uns mit unserer kleiner Kraft weiter mutig für unseren Glauben und Gottes Welt einsetzen…

Malte.. auch wenn wir wissen, dass wir verletzlich sind und es immer bleiben werden.

Amen

 

22. März 2026 - Pastor Olav Metz und Praktikant Malte Knuth

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