Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

Wort und Weizen
(
Joh 12, 20-26 / Kohelet 11, 1-6)

Liebe Gemeinde, und besonders: liebe KonfirmandInnen,

ich habe heute zwei Dinge im Gepäck: Dieses dicke Buch und diese Schale mit Weizenkörnern. Beides hat etwas miteinander zu tun und es hat mit diesem Gottesdienst zu tun. Was, das will ich mit meiner Predigt kurz erklären und ich beginne mit den Körnern:

Vom Korn war in diesem Gottesdienst ja bereits die Rede: Jesus redet von ihm. In der Lesung, die wir gerade gehört haben, sagt er: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. Und wie das in der Natur aussieht, wissen wir alle: Das Korn wird ausgesät. Daraus wächst eine neue Pflanze und die trägt neue Körner. Das Korn selber aber gibt es dann natürlich nicht mehr.

Dieses Bild bezieht Jesus auf sich und sein Leben. Er sagt damit, dass er sterben wird. Aber er sagt auch: Damit ist nicht alles vorbei. Es wird Neues wachsen. Und dass wir heute hier versammelt sind, zeigt genau dies: Der christliche Glauben war eben nicht mit dem Tod Jesu zu Ende, sondern er ist gewachsen, bis heute und bis zu uns.

Allerdings bezieht Jesus dieses Bild vom Weizenkorn nicht nur auf sich. Er bezieht es auch auf seine Zuhörer und damit auch auf uns alle als Christen heute. Er fordert uns nämlich auf, ihm nachzufolgen, und er sagt damit: Geh die schwierigen, gefährlichen und manchmal sogar lebensbedrohlichen Wege deines Lebens mutig anzugehen. Das ist wichtig und nötig, damit sich etwas bewegt, damit dein und mein Leben gelingt und damit von uns etwas Gutes bleibt, wenn möglich sogar über die Grenze des Todes hinweg.

Dass durch uns etwas wachsen kann und dass das sogar nach unserem Tod möglich ist, das ist eine ziemlich mutige Botschaft. Aber das gibt es, auch heute.

Ich denke zum Beispiel an Alexej Nawalny, der letzte Woche im Straflager in Russland umgekommen ist. Er hat die schwierigen und gefährlichen Wege des Lebens nicht gescheut. Dadurch ist etwas gewachsen. Und es gibt Menschen wie seine Frau Julija Nawalna, die sagen: Wir werden den Kampf für ein besseres Russland in seinen Geist fortsetzen. Das wird bleiben und wachsen und eines Tages die finsteren Mächte besiegen.

Und wer nun vielleicht denkt, das ist weit weg oder einfach eine Nummer zu groß für mich: Mutig Zeichen setzen kann man auch hier in unserem Land, denn das ist auch bei uns nötig. Das kann im gesellschaftlichen Bereich sein; ich denke, da gibt es Dinge, für die es wieder zu kämpfen lohnt, weil sie eben nicht selbstverständlich sind.

Aber es ist muss auch gar nicht immer politisch sein. Ich denke zum Beispiel an Erna Wulf, die wir letzte Woche in Groß Zicker zu Grabe getragen haben. 93 Jahre ist sie geworden und ihr ganzer Stolz war, dass sie mit vier Generationen auf einem Hof gelebt haben.

Das war nicht immer einfach und auch nicht ohne Risiko. Weil alle Beteiligten lernen mussten und müssen, im Konfliktfall nicht vergnatzt auseinanderzulaufen sondern das auszuhalten und miteinander konstruktiv zu gestalten. Das schöne ist, dass die Familie das weiter so machen will. Weil das Oma Ernas Vermächtnis war. Das soll bleiben, auch über ihren Tod hinaus. Und wenn das gelingt, dann wird auch sie in diesem Haus ein Stück lebendig sein und bleiben.

Und damit komme ich jetzt vom Weizenkorn zu diesem Buch. Dieses Buch ist eine Bibel und zwar eine ganz besondere Bibel. Bekommen hat sie der Fischer Wilhelm Looks aus Klein Zicker im Jahre 1916 zu seiner Hochzeit. Und er hat sie bekommen, weil auch er sich damals entschieden hat, etwas zu riskieren, notfalls sogar sein Leben. Wenn Schiffe im Sturm vor Mönchgut in Seenot gerieten, dann wollte er nicht tatenlos zu Hause sitzen bleiben, sondern helfen. Und so wurde er einer der Freiwilligen bei der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger.

Wilhelm Looks hat Gott sei Dank alle Rettungseinsätze überlebt und ist sehr alt geworden. Das war damals aber alles andere als selbstverständlich; viele Retter sind tatsächlich nicht zurückgekommen. Gerade deshalb hat sich aber die Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger bei allen Rettern bedankt und ein Zeichen des Dankes war so eine Bibel, die sie bekamen, wenn sie heirateten.

Auch diese Geschichte zeigt: Es gibt im Leben immer wieder Momente, in denen wir vor der Frage stehen, ob wir uns ängstlich zurückziehen oder ob wir mutig weitergehen und dabei ggf. auch etwas riskieren. Das war bei Jesus so und das war bei Wilhelm Looks so. Das war bei Alexej Nawalny so und bei Oma Erna. Und das ist auch bei uns heute nicht anders.

Wir können und sollen uns einsetzen und das Nötige tun, auch wenn wir nie wissen können, ob am Ende wirklich alles gelingt. Das ist auch die Botschaft aus dem alttestamentlichen Bibeltext, die wir als erste Lesung gehört haben: Halte nicht krampfhaft fest, was du hast, sondern setze es ein! Riskiere Dein Vermögen und notfalls auch dein Leben, weil du es nur so gewinnen kannst!

Und das ist jetzt auch der Grund, weshalb ihr, leibe Konfirmanden, heute eure eigene Bibel bekommt: Weil die Bibel euch Mut machen will, euren Weg zu gehen und etwas zu riskieren wo es denn nötig ist. Denn das ist es, was Gott für euer Leben will: Dass ihr euch in seinem Geist mutig für das Leben und für die Erde einsetzt!

Die Bibel hilft uns dabei, indem sie uns Worte und Gedanken mitgibt, die uns auf diesem Weg begleiten, uns Mut machen und uns Kraft geben können. Nach solchen Worten haben wir gestern schon mal gemeinsam gesucht. Und eines dieser Worte ist jetzt auch mit diesem Gottesdienst zu Wort gekommen: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. Denn damit sagt Jesus, dass der Einsatz lohnt, selbst dann, wenn wir mit unseren Möglichkeiten und vielleicht auch mit unserem Leben am Ende sind.

Ihr bekommt heute eure Bibel, damit ihr Worte findet, die euch Mut machen und euch Kraft geben. Ich wünsche euch damit, dass ihr wie Weizenkörner werdet, aus denen neues wachsen kann. Und jeder hier im Gottesdienst bekommt am Ende des Gottesdienstes außerdem ein Weizenkorn, weil das natürlich nicht nur für Konfirmanden gilt, sondern für uns alle.

Mag sein, dass das manchmal kein einfacher Weg ist. Im Leben, weil es eben auch sehr schwieriger Wege gibt und der gute Ausgang nie garantiert ist. Und in und mit der Bibel, weil deren Botschaft für uns heute manchmal auch nicht gleich zu verstehen ist.

Einfacher sind das Leben und die Bibel aber nicht zu haben. Und wenn uns davon nicht abschrecken lasst, dann kann unser Leben eine wunderbare und spannende Sache werden. Und in diesem Sinne wünsche ich euch Konfirmanden und uns allen Gottes Segen für den Lebensweg!

Amen

 

 

 

25. Februar 2024 - Pastor Olav Metz

 

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