Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

Hier finden Sie die Gottesdienste auf unserem YouTube-Kanal
https://www.youtube.com/channel/UCBJx_FoVtx2vHdDc3A41S-Q

Ostergottesdienst 4. April 2021
Weltgebetstag 7. März 2021
Epiphanias 17. Januar 2021
Heiligabend 2020


Betet!
(Mt 6, 5-15)

Liebe Gemeinde,

ums Beten geht es heute an diesem Sonntag Rogate und damit um die Frage, was das Gebet mit unserem Leben und unserer Situation heute zu tun hat.

Um dieser Frage nachzugehen, möchte ich zwei Stimmen zitieren, die mir in der letzten Woche sozusagen ins Haus geflattert sind. Das eine ist die Stimme des Mediziners, Autors und Moderators Eckart von Hirschhausen. Das andere ist die Stimme des „Wächterrufs“, eines Gebetsnetzes für Deutschland, das seinen Mitgliedern monatlich Gebetsanliegen ans Herz legt.

Beginnen möchte ich mit Eckart von Hirschhausen, der unter der Überschrift „Wir trampeln wie die Kamele“ das Folgende schreibt:

Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Wie im Himmel so auf Erden..." Das Vaterunser. Ob allein oder in einer Gruppe gesprochen, gedacht oder gemurmelt, beruhigen mich diese Verse immer wieder, auch gerade im Wissen, dass Großeltern und viele, die uns vorgefahren sind, darin Verbindung suchten. Himmel und Erde hängen zusammen. Geistig und physikalisch. Wir haben eine Atmosphäre um den Erdball, die dünner ist als die Haut eines Apfels. Alexander Gerst sagt, aus dem Weltall erst versteht man, wie gefährdet dieser hauchdünne Schleier ist, der unseren Planeten im leeren und kalten Universum schützt und Leben ermöglicht.

Die Klimakrise ist menschengemacht. Deshalb können und müssen Menschen etwas ändern. Sich. Aber das war schon zu Jesu Zeiten nicht einfach. Wir trampeln weiter wie die Kamele, dabei haben wir ein echtes Nadelöhr. Auch wenn alle nur über Corona geredet haben: 2020 war wieder eines der wärmsten Jahre seit der Wetteraufzeichnung, wie 2018 und 2019. Der Wald steht schwarz und könnte schreien. Hitzetote, Allergien, tropische Mücken in Baden-Württemberg, West-Nil-Virus in Ost-Deutschland, Dürre, Extremwetter. Wir sind die erste Generation, die die Wirkung der Klimakrise auch in Deutschland voll mitbekommt. Und die letzte, die etwas ändern kann.

Ich mache mir Sorgen um den Zustand von Himmel und Erde. Und ich frage mich, welche Rolle die Kirchen, Christinnen und Christen, die Spiritualität spielen könnten, um die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen aufzuhalten? Manchen waren Debatten um die Umwelt lange zu politisch und nicht fromm genug. Dabei ist die Klimakrise nicht nur ein physikalisches Problem, sondern auch ein spirituelles. Wir verbrauchen so viel, weil wir nicht wissen, was wir wirklich brauchen. Und für die Abkehr vom Hyperkonsum braucht es eine Vision, die attraktiver ist als das, was wir schon kennen. Diese visionäre Kraft im Glauben gilt es wieder freizulegen und spürbar zu machen. Das ist kein „Verzicht" und keine Diktatur, sondern Lebensqualität und körperliche und seelische Gesundheit.

… Es braucht eine neue Ethik, eine neue Aufklärung, und vielleicht ein neues Wort: „Übernächstenliebe“. … Heute, in einer vollen Welt, müssen wir statt Wachstum auf das Gleichgewicht achten, auf die Kipppunkte ohne Wiederkehr. Wir sind dran. ... (aus: Eckart von Hirschhausen in: Chrismon 5.2021 S. 34)

Wir brauchen eine neue Ethik – so sagt Eckhart von Hirschhausen, der Himmel und Erde eng beieinander und uns als Menschen und als Christen hier in einer besonderen Verantwortung sieht. Mit diesem Gedanken komme ich jetzt zum „Wächterruf“ und zitiere zwei Abschnitte aus den Gebetsbriefen im April und Mai. Da heißt zunächst ganz ähnlich wie bei Eckart von Hirschhausen:

Wir spüren, dass sich tief in uns etwas ändern muss. Wir sind in einer neuen Zeit angekommen. Die Tiefen Gottes rufen uns aufs Wasser hinaus in unbekanntes Terrain. Doch unsere Füße scheinen so schwer und wir wagen uns nur sehr zögerlich auf das vor uns liegende offene Meer. Doch genau dahin ruft uns Gott - dorthin, wo wir eigentlich gar nicht von selbst hinkönnen, an Orte, wo wir keinen festen Boden mehr unter den Füßen verspüren, in die Tiefe seiner Tiefen, ins Unbekannte. …

Wir brauchen einen Identitätswechsel…! Die Wahrheit ist, wir haben unser Leben nicht so gut im Griff, wie wir denken. Instinktiv merken wir, dass wir für die Strecke, die nun vor uns liegt, einen tieferen Halt brauchen, der auch in tiefer Not noch sicher trägt. …

Im Mai geht der „Wächterruf“ mit seinen Gebetsanliegen dann ausdrücklich auf die Situation der Schöpfung ein und ich zitiere nochmals:

Wenn wir für die großen Klima- und Umweltfragen beten … wollen, dann dürfen (und ich würde sogar sagen: müssen) wir zuerst Gottes Liebe zu unserer Erde neu entdecken. ... Wir brauchen zuerst eine Verbundenheit mit dem Herzen des Schöpfers. ... Eine Denkrichtung, die die materielle von der nichtmateriellen Welt (der Seele) in unguter Weise trennte, bestärkte lange eine wachsende Missachtung der Schöpfung. Doch sowohl Sünde als auch Gottes Herrlichkeit werden an seiner Schöpfung sichtbar (Ps 24,1), Eng verbunden sind die geistliche und natürliche Welt. …

Die nächsten Jahre werden Fragen zur Gesundheit, Landwirtschaft, Verkehr und Energieproduktion in den Vordergrund der Politik stellen. Nur per Gesetzgebung lassen sich Umweltthemen jedoch nicht regeln. Es geht auch um die Suche nach einem ökologischen Lebensstil - von einem ungesunden Individualismus hin zu einem neuen Miteinander.

Trotz enormen Erkenntniszuwachs in zurückliegenden Jahren sind Klimaveränderungen in Teilen noch ein Mysterium für uns. Doch Gott will Wissenschaft und Forschung in seine Geheimnisse hineinnehmen, „Die ganze Schöpfung sehnt sich nach der Offenbarung der Söhne Gottes.“ (Röm 8,19).

Dieser Sehnsucht wollen wir im Gebet begegnen.
- Dass wir Gottes Herz für seine Schöpfung neu verstehen und unseren Auftrag zum Schutz der Schöpfung wahrnehmen (2Chr 7,14)
- Für Erkenntniszuwachs in der Forschung und dass Gottes Reich, seine Schönheit und Wesen dadurch offenkundig wird (Ps 19)
- Für die politischen Entscheidungsprozesse … und für Mut und Bereitschaft, neue lebensdienliche Wege zu wagen (Ps 25,4-5)

Die Welt ins Gebet nehmen damit sich Himmel und Erde, materielle und nichtmaterielle Welt wieder berühren. Neue unsichere Wege wagen und sich gerade auf ihnen von Gott tragen lassen. Und „Übernächstenliebe“ praktizieren und in ihrem Licht neue lebensdienliche Wege gehen, übrigens nicht nur in Deutschland, sondern weltweit.

Unsere Aufgabe ist es, dem zu folgen: In Gedanken. In Worten – Z.B. in Worten des Gebets. Und dann in Werken, also in dem, was wir im Alltag tun! Das ist unsere Aufgabe, weil nur dann vielleicht doch noch geschieht, worauf die ganze Schöpfung bis heute sehnlich wartet: Dass wir Menschen als Kinder Gottes offenbar werden.

Amen

 

 

9. Mai 2021 - Pastor Olav Metz