Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

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Die Sonne bringt es an den Tag

Liebe Gemeinde,

die Sonne ist unser Thema, heute, wenige Tage vor der Sommersonnenwende. Und um es gleich vorab zu sagen: Da finden sich in der Bibel unzählig viele Anknüpfungspunkte. Damit es nicht zu viel wird, möchte ich mich auf fünf Gedanken beschränken. Die werde ich jeweils mit einem Bibeltext, einer kurzen Erläuterung und einem Lied verbinden. Und beginnen möchte ich mit einem Text aus der Schöpfungsgeschichte, den sie sicherlich alle kennen. Da steht zur Sonne nämlich folgendes:

Erste Lesung: Genesis 1, 14-19

14 Gott sprach: Lichter sollen am Himmelsgewölbe sein, um Tag und Nacht zu scheiden. Sie sollen Zeichen sein und zur Bestimmung von Festzeiten, von Tagen und Jahren dienen;

15 sie sollen Lichter am Himmelsgewölbe sein, die über die Erde hin leuchten. So geschah es.

16 Gott machte die beiden großen Lichter, das größere, das über den Tag herrscht, das kleinere, das über die Nacht herrscht, auch die Sterne.

17 Gott setzte die Lichter an das Himmelsgewölbe, damit sie über die Erde hin leuchten,

18 über Tag und Nacht herrschen und das Licht von der Finsternis scheiden. Gott sah, dass es gut war.

19 Es wurde Abend und es wurde Morgen: vierter Tag.

Ist Ihnen in diesen Versen etwas aufgefallen? – Genau, da ist nur von Lichtern, von Lampen die Rede. Ein Licht für den Tag und ein Licht für die Nacht. Natürlich ist das Licht für den Tag die Sonne, und das für die Nacht der Mond. Aber genannt werden beide nicht. Und das hat auch einen Grund:

Als dieser Text geschrieben wurde, da gab es Völker, die Sonne und Mond als Götter verehrten. Man betete Sonne und Mond an - vor allem die Babylonier taten das. Genau diese Verehrung der Gestirne will der Verfasser aber nicht. Denn er ist sich sicher: Sonne und Mond sind keine Götter, weil es nur einen einzigen Gott gibt. Dieser Gott hat auch Sonne und Mond geschaffen. Und deshalb sind Sonne und Mond nur so etwas wie seine Lichter, seine Lampen. Wir können uns an ihnen freuen, aber sie sind nichts, was man anbeten sollte. Und genau dies wollen wir jetzt besingen mit dem Lied „Freuet euch der schönen Erde“ (EG 510).

Lied: Freuet euch der schönen Erde  510, 1-5

Und doch, liebe Gemeinde, und doch hat die Sonne etwas mit Gott zu tun. Und auch davon erzählt die Bibel. Im ersten Brief an Timotheus schreibt Paulus zum Beispiel das Folgende:

Zweite Lesung: 1. Timotheus 6, 13-16

13 Ich gebe dir die folgende Anweisung. Ich tue das vor Gott, von dem alles Leben kommt – und vor Christus Jesus, der vor Pontius Pilatus das gute Bekenntnis bezeugt hat:

14 Erfülle deinen Auftrag vorbildlich, sodass daran nichts auszusetzen ist – bis zum Erscheinen unseres Herrn Jesus Christus.

15 Das wird Gott zu der Zeit geschehen lassen, die er bestimmt hat. Er ist der vollkommene und einzige Herrscher. Er ist der König, der über alle Könige regiert, der Herr, der über allen Herren steht.

16 Er allein besitzt Unsterblichkeit. Er wohnt in einem Licht, dem niemand sich nähern kann. Kein Mensch hat ihn je gesehen, und kein Mensch kann ihn jemals sehen. Ihm gebührt Ehre und ewige Macht. Amen!

Auch Paulus redet nicht ausdrücklich von der Sonne, aber zweifellos meint er sie, denn sie und ihr Licht sind für ihn das wohl beste Bild für Gott: Die Sonne ist (so Paulus nach damaligem Wissen) unsterblich - so wie Gott es ist. Wir können nicht in ihr Licht sehen und in ihrem Licht nichts erkennen, genauso wenig, wie wir Gott sehen und erkennen können. Und doch wärmt sie uns und ist die Quelle allen Lebens, so wie Gott es ist.

Menschlich sichtbar geworden ist Gott erst in der Person Jesu Christi, wobei seine menschliche Gestalt leider auch dazu geführt hat, dass viele ihn nicht erkannt haben. Wer nicht leuchtet wie die Sonne, dem nimmt man dann doch nicht ab, wenn er sagt: Ich bin das Licht der Welt.

Dieses Bild von Gott, der unsichtbar ist wie im Licht und uns doch nahe ist, finden wir auch in einem Choral. Es ist ein Lied von Jochen Klepper, dem dieses Licht durch finstere Zeiten geleuchtet hat. Und in seine Worte wollen wir jetzt einstimmen mit drei Versen aus dem Lied Gott wohnt in einem Lichte.

Lied: Gott wohnt in einem Lichte  (EG 379,1+2+5, Melodie 361)

Die Sonne bringt es an den Tag. So pflegte meine Großmutter zu sagen, wenn durch das helle Sonnenlicht in der Wohnung der Staub besonders deutlich zu erkennen war oder meine Fingerabdrücke auf den Fensterscheiben. Und das bedeutet: Vor der strahlenden Sonne bleibt nichts verborgen.

Auch diesen Gedanken finden wir in der Bibel: Vor Gott kommt alles ans Licht. Jeder Mensch ist zu erkennen und das, was er tut. Die Bibel sieht im Sonnenlicht eine Art Richter über uns Menschen und unsere Herzen. Und in diesem Sinne spricht der in Israel hoch angesehenen König David auf seinem Sterbebett die folgenden Worte:

Dritte Lesung: 2. Samuel 23, 2-5

Der Geist des HERRN hat durch mich geredet, sein Wort hat er mir auf die Zunge gelegt.

3 Der Gott Jakobs hat gesprochen, der Fels Israels hat zu mir gesagt: Wer gerecht über Menschen herrscht, der herrscht in Ehrfurcht vor Gott.

4 Er ist wie die helle Morgensonne an einem klaren Morgen ohne Wolken. Sie sendet ihre Strahlen auf die Erde. Da sprießt grünes Gras nach dem Regen.

5 Ja, mein Königshaus hält es mit Gott! Denn für immer schloss er einen Bund mit mir. Der gilt und wird in allem eingehalten. Denn alles, was ich brauche und was ich wünsche, lässt er sprießen wie grünes Gras.

Wer sich in der Sonne sehen lassen kann, wer sie nicht zu fürchten braucht, der gilt als tadellos in seinen Werken. Und Menschen, die sich tadellos verhalten, werden in der Bibel entsprechend mit der Sonne verglichen: Sie sind selbst leuchtende Gestalten, wie das Licht der aufgehenden Sonne. Die Bibel nennt diese ehrlichen und aufrichtigen Menschen die "Gerechten" - Menschen also, die wie König David sich und ihr Tun fest mit Gott verbunden haben.

Vielleicht hat unsere Redensart von den "zwielichtigen Gestalten" hier ihren Ursprung: Wer sich nur im Zwielicht, also an der Grenze zwischen Tag und Dämmerung, Schatten und Licht aus dem Haus traut, dem ist eben nicht zu trauen. - Weil das in unserer Kirche und natürlich auch in unserer Welt anders sein soll, deshalb singen wir jetzt gemeinsam drei Verse aus dem Lied Sonne der Gerechtigkeit.

Lied: Sonne der Gerechtigkeit  EG 262, 1.2.5

In der Bibel ist die Sonne nun aber nicht nur ein Bild für Gott und dafür, wie wir Menschen sein sollen. Sie ist außerdem eine wichtige Ortsangabe - Morgenland ist Osten, Abendland ist Westen. Sie ist eine wichtige Zeitangabe – vieles geschieht ausdrücklich vor oder nach ihrem Auf- oder Untergang. Und weil sie täglich auf- und untergeht ist sie auch ein Sinnbild für den Rhythmus der Welt und unseres Lebens.

Dass das nicht nur eine erfreuliche Erfahrung ist, das können wir im Buch des Predigers nachlesen, der das Folgende schreibt:

Vierte Lesung: Prediger 1, 2-5

2 Windhauch um Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch um Windhauch: Alles vergeht und verweht.

3 Welchen Gewinn hat der Mensch bei aller Arbeit, mit der er sich unter der Sonne abmüht? Der Mensch im Kreislauf der Natur

4 Generationen kommen und gehen, doch die Erde bleibt für immer bestehen.

5 Die Sonne geht auf und geht unter. Und jedes Mal drängt sie an ihren Ausgangsort zurück, wo sie wieder aufgehen wird.

8 Alle Dinge sind im Fluss, und kein Mensch kann sie in Worte fassen. …

Angesichts des ewigen Rhythmus' von Sonnenauf- und -untergang spüren wir, was für ‚kleine Lichter‘ wir sind. Unsere Zeit auf Erden erscheint gering und alles, was wir tun, wirkt vor dem ewigen Kreislauf, den die Sonne vollzieht, kurz und mühsam.

Der ewige Gang der Sonne zeigt uns also auch: Wir sollten uns nicht zu viel einbilden auf uns und unser Tun und Lassen. Wir sollten vielmehr nüchtern und kritisch und demütig bleiben. Und auch dazu habe ich ein Lied ausgesucht, ein Lied, das nicht zufällig nach dem Sonnenuntergang seinen Platz hat und dass sie sicher alle kennen: Der Mond ist aufgegangen.

Lied: Der Mond ist aufgegangen  (EG 482, 1.3.4.7)

Ein eher bedächtiger, beinahe melancholischer Schluss. Aber, liebe Gemeinde, das ist nicht das Ende. Das Ende, so glauben wir Christen, ist anders. Und von diesem anderen Ende hören wir mit der letzten Lesung aus dem Markusevangelium.

Fünfte Lesung: Markus 16, 1-7

1 Als der Sabbat vorbei war, kauften Maria aus Magdala, Maria, die Mutter von Jakobus, und Salome wohlriechende Öle. Sie wollten die Totensalbung vornehmen.

2 Ganz früh am ersten Wochentag kamen sie zum Grab. Die Sonne ging gerade auf.

3 Unterwegs fragten sie sich: »Wer kann uns den Stein vom Grabeingang wegrollen?« 4 Doch als sie zum Grab aufblickten, sahen sie, dass der große, schwere Stein schon weggerollt war.

5 Sie gingen in die Grabkammer hinein. Dort sahen sie einen jungen Mann. Er saß auf der rechten Seite und trug ein weißes Gewand. Die Frauen erschraken sehr.

6 Aber er sagte zu ihnen: »Ihr braucht nicht zu erschrecken! Ihr sucht Jesus aus Nazaret, der gekreuzigt wurde. Gott hat ihn von den Toten auferweckt, er ist nicht hier. Seht: Hier ist die Stelle, wo sie ihn hingelegt hatten.

7 Macht euch auf! Sagt seinen Jüngern, besonders Petrus: Jesus geht euch nach Galiläa voraus. Dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat.«

Am Ende verbindet die Bibel das Licht der aufgehenden Sonne mit der Auferstehung Jesu am Ostermorgen. Das Licht der aufgehenden Sonne wird zum Symbol dafür, dass das Leben über den Tod siegt. Das ist die große christliche Hoffnung, die bleibt, selbst wenn wir am Lebensende stehen und keine Sonne mehr sehen. In dieser Hoffnung hat man seit Anbeginn der Kirche alle Kirchen nach Osten ausgerichtet. Und in dieser Hoffnung bestatten wir bis heute unsere Verstorbenen - mit dem Blick nach Osten.

Mit dieser Hoffnung will ich meine Predigt beenden und mit dem Osterlied Auf, auf, mein Herz, mit Freuden.

Zuvor wünsche ich Ihnen aber viele herrliche Sonnentage, heute, in diesem Sommer und in ihrem Leben! Und wenn Sie dann in die Sonne blinzeln, dann denken Sie doch ab und zu einfach mal daran, was die Sonne alles ist: Ein Geschöpf Gottes und ein Zeichen für Gott. Ein Bild dafür, wie wir Menschen unser Leben gestalten sollen aber auch ein Bild für das Werden und Vergehen und unsere Grenzen. Und natürlich ein Zeichen der Hoffnung. Und in diesem Sinne singen wir jetzt am Schluss dieser Predigt Auf, auf mein Herz mit Freuden.

Amen.

Lied: Auf, auf, mein Herz, mit Freuden  (EG 112, 1.3)

 

13. Juni 2021 Pastor Olav Metz
(nach einer Idee von Oliver Friedrich in Werkstatt spezial K5 18)