Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

Gottesknechte und -mägde
(Jesaja 50, 4-9 / Johannes 12, 12-19)

Liebe Gemeinde,

Vier Tugenden zeichnen den Gottesknecht aus, von dem uns der Prophet Jesaja erzählt: Er kann reden und er kann hören. Er kann dienen und er kann widerstehen. Diese vier Tugenden möchte ich mit meiner Predigt nachgehen und der Frage, was sie für uns heute bedeuten. Und ich beginne mit dem Reden.

Dass wir reden können, dass Menschen mit mir reden und ich mit ihnen, das ist auf den ersten Blick betrachtet eine Selbstverständlichkeit. Die Sprache ist einfach eines unserer wichtigsten Kommunikationsmittel. Und doch wissen wir alle: Reden ist nicht gleich reden. Letzte Woche hat z.B. Frau Mandelkow über die Geschichte von Willy Dumrath erzählt und wir haben wie gebannt ihren Worten gelauscht. Ganz anders dagegen der Firmenvertreter, der mich mit Infos über sein neues Produkt zutextet, die ich nicht verstehe und die mich auch nicht wirklich interessieren.

Die Rede, um die es Jesaja geht, die bleibt hängen und klingt nach. Mehr noch: Der Gottesknecht, von dem er erzählt, kann so reden, dass die Müden neue Kraft finden. Seine Rede erreicht Menschen im Innersten und sie baut sie auf.

Dass Worte Menschen im Innersten erreichen, das ist schon etwas Besonderes. Nehmen wir zum Beispiel die schöne Frage Wie geht es Dir? Dass jemand mir diese Frage stellt, heißt nicht, dass er auch wirklich wissen will, wie es mir geht. Erst der Fortgang des Gesprächs wird zeigen, ob diese Frage ernst gemeint oder – wie leider oft - nur eine Floskel war.

Und damit komme ich zum Hören. Mein Eindruck ist nämlich: Ob solche und ähnliche Worte ernst gemeint sind, das entscheidet sich oft am Hören. Dass wir hören können, auch das klingt auf den ersten Blick sehr selbstverständlich. Aber auch hören und hören ist zweierlei. Ich kenne Menschen, die so zuhören, das ich wie von selber rede. Sie laden mich ein, von mir zu erzählen, wollen eben wirklich wissen, wie es mir geht. Es gibt aber auch Menschen, die eigentlich nur auf ein Stichwort warten, bei dem sie einhaken und dann von sich sprechen können. Die aber meinen eigentlich nicht mich, sondern sich.

Der Gottesknecht, von dem Jesaja uns erzählt, kann augenscheinlich beides. Er kann richtig reden, findet Worte, die Menschen aufbauen. Er kann richtig hören, denn Gott hat ihm das Ohr aufgegraben hat und er weckt es jeden Morgen aufs Neue. Und wir als Christen deuten diese Worte auf Jesus, weil auch er dies konnte.

Über Jesu Worte und seine Reden wissen wir natürlich weit mehr als über sein Hören. Aber ohne genau zu hören hätte er den Menschen wohl niemals so nahe kommen und ihnen aus dem Herzen sprechen können. Und unser heutiges Evangelium weist auf seine Weise auf diese stille Seite Jesu hin. Denn bei seinem Einzug in Jerusalem hält Jesus nicht etwa eine beeindruckende Rede, sondern er schweigt. Und ich bin sicher, nur wer schweigen kann, nur der kann auch wirklich hören.

Was heißt das für uns? – Nun, reden und hören können wir grundsätzlich alle. Schön wäre aber, wenn wir so hören, das andere merken: Es geht um sie. Und schön wäre, wenn wir so reden, das unsere Worte ihre Herzen erreichen. wenn das gelingt, ich denke, dann folgen wir Christus in unserem Reden und Hören nach.

Nach dem Reden und dem Hören komme ich jetzt auf die anderen beiden Tugenden, die den Gottesknecht des Jesaja auszeichnen. Er kann dienen und er kann widerstehen.

Im Unterschied zum Reden und Hören ist das Dienen heute keineswegs selbstverständlich. Selbstbestimmt wollen wir heute sein und viele treten selbstbewusst für ihre Rechte ein. Dienen, also sich unterordnen oder gar unterwerfen, das hat deshalb heute keinen guten Klang.

Aber hier lohnt es, genau hinzusehen. Denn so richtig es natürlich ist, sich gegen Fremdbestimmung und Bevormundung zu wehren: Dienen im guten Sinne bedeutet nicht, zum Sklaven zu werden. Es bedeutet vielmehr, sich von sich aus mit einer Sache oder einer Person zu identifizieren und dem sich und sein Leben unterzuordnen. In diesem Sinne soll zum Beispiel ich als Pastor ein treuer Diener der Kirche und Gemeinde sein. Oder Minister sollen die ersten Diener des Staates sein – ‚Minister‘ heißt übersetzt nämlich nichts anderes als ‚Diener‘.

Dienen bedeutet also nicht, klein beizugeben und sich rumkommandieren zu lassen. Dienen bedeutet vielmehr, sich ganz einer Sache verpflichtet zu wissen und dem alles andere unterzuordnen. Und dieses Dienen ist dann auch kein Widerspruch zum Widerstehen, der vierten Tugend des Gottesknechtes: Denn wer sich wirklich einer Sache verpflichtet weiß, der kann gar nicht anders als auch die Konflikte auszuhalten, die sich daraus ergeben.

Der Gottesknecht, von dem Jesaja uns erzählt, kann auch dies beides. Er dient, und zwar Gott und seinem Wort. Und gerade deshalb widersteht er all den Anfeindungen und Angriffen der Menschen um ihn herum. Er macht sein Gesicht hart wie einen Kiesel um durch sie nicht verletzt zu werden.

Und wir Christen erkennen in Jesus den Gottesknecht, weil er auch dies beides getan hat: Er hat Gott und seinem Wort gedient, ist seinen Weg gegangen auch durch Anfechtung und Tod hindurch. Und er hat dabei widerstanden. Dem Spott und der Einsamkeit und auch den gut gemeinten Ratschlägen, doch lieber einen leichteren Weg zu wählen.

Und wir, wir heute? – Nun, ich denke, es ist wichtig, dass auch wir dienen. Nicht irgendwelchen selbsternannten Herren, sondern dem, was lebenswichtig ist, also dem, was Gott für unser Leben will. Und für mich sind das die Grundsätze des christlichen Glaubens, die wir im Herzen und in die Welt tragen sollen.

Das heißt allerdings auch, dass wir widerstehen müssen, wenn es nötig ist. Das kann in äußeren Dingen sein, zum Beispiel wenn es ganz banal darum geht, ob wir bei der Erneuerung unserer Heizung einfach konventionell bei Gas bleiben oder ob wir in Verantwortung vor der Schöpfung nach nachhaltigen Alternativen schauen. Das kann aber auch im Blick auf die inneren Werte des Glaubens sein, zum Beispiel wenn es um das Gebot der Achtung und Liebe gegenüber dem Nächsten geht. Das gilt es durchzuhalten, auch wenn unsere Gesellschaft da zuweilen ganz anders gestrickt ist und sich viel Egoismus und Rücksichtslosigkeit durchgesetzt haben.

Und wie das gehen kann das hat die erst 38 Jahre alte Neuseeländische Ministerpräsidentin Jacinda Ardern vorgemacht. Nach dem furchtbaren Attentat auf die Moschee von Christchurch hat sie menschlich reagiert mit Zeichen der Liebe auch unter den Religionen. Und sie hat politisch reagiert, z.B. durch eine sofortige Verschärfung der Waffengesetze. Und ich würde so weit gehen, zu sagen: Sie ist ein Gottesknecht heute.

Vier Tugenden zeichnen den Gottesknecht aus, von dem uns der Prophet Jesaja erzählt: Er kann reden und er kann hören. Er kann dienen und er kann widerstehen. Und auch Jesus hat diese vier Tugenden gelebt und ist gerade dadurch für uns Christen zum Gottesknecht geworden.

Unsere Aufgabe bleibt, ihm darin nachzufolgen. Nur so kann unser Leben gelingen und nur so kann der christliche Glauben mitten in unserer Welt lebendig sein und bleiben. Deshalb sollten auch wir heute Gottesknechte und Gottesmägde sein. - Ich hoffe, dass uns das gelingt.

Amen

 

14. April 2019, Pastor Olav Metz