Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

Neben Pharisäer und Zöllner
(Lk 18, 9-14)

Liebe Gemeinde,

über eines, so denke ich, sind wir uns sicher einig: Selbstgerechtigkeit ist die falsche Haltung. Wer auf sich sieht und dann auf andere herabsieht, der bringt unser menschliches Miteinander in eine Schieflage, in unserer Kirche genauso wie in unserer Gesellschaft. Sich achtsam und auf Augenhöhe zu begegnen und auf Augenhöhe miteinander umzugehen, das ist das deshalb das Gebot, das ich dem Gleichnis Jesu auch für uns heute entnehme.

Aber: genau das ist zuweilen wohl leichter gesagt als getan. Und warum, das hat der Lyriker Eugen Roth in einem kleinen Gedicht zu unserem Predigttext sehr eindrucksvoll auf den Punkt gebracht. Das Gedicht heißt „Der Salto“ und es geht so:

Ein Mensch betrachtete einst näher
die Fabel von dem Pharisäer,
der Gott gedankt voll Heuchelei
dafür, dass er kein Zöllner sei.
Gottlob! rief er in eitlem Sinn,
dass ich kein Pharisäer bin!

Das Problem ist: Wie der Pharisäer auf den Zöllner herabsieht, so sehen wir heute auf den oder die ‚Pharisäer‘ unserer Zeit herab: Leute, die versuchen, alles richtig zu machen. Leute, von denen wir meinen, dass sie uns Wasser predigen, aber selbst Wein trinken. Aber damit sind wir dann um keinen Deut besser als der Pharisäer damals. Wir nehmen genau die Haltung ein, von der wir uns eigentlich bewusst abgrenzen wollen.

Das zeigt mir: Nicht das Amt oder der Status oder die religiöse Zugehörigkeit des anderen sind entscheidend, sondern die innere Haltung. Die aber kann bei einem Pharisäer richtig oder falsch sein, sie kann bei einem Zöllner richtig oder falsch sein und sie kann auch bei mir richtig oder falsch sein. Und wenn die dazu führt, dass ich auf ‚die Pharisäer‘ oder ‚die Zöllner‘ oder auf wen auch immer herabsehe, dann ist sie falsch und ich habe die Botschaft dieses Gleichnisses gerade nicht verstanden.

Was kann ich dagegen tun? - Nun, es gibt m.E. nur eine Möglichkeit: Ich muss ganz genau auf diese innere Haltung schauen. Aber jetzt nicht bei der oder dem anderen, sondern bei mir. Und da geht es zunächst mal auch gar nicht um meine Haltung zu den anderen, sondern es geht um meine Haltung zu mir selbst: Denn selbstgerecht ist, wer sich selbst zu hoch bewertet. Und das ist am Ende dann der tiefe Grund dafür, andere niedriger zu bewerten und eben gering zu achten.

Ich möchte mit meiner Predigt deshalb versuchen, sowohl den Pharisäer als auch den Zöllner nochmal ganz vorurteilsfrei zu sehen. Damit ich mich dann, in einem zweiten Schritt, mit ihnen im Gebet vor Gott stellen kann.

Wenn ich zunächst auf den Pharisäer schaue, dann fällt mir auf: Mit allem, was er tut, will er offenbar dies: Gott nahe sein. Er sucht mit all seinem Tun die Nähe Gottes. Und gerade Lukas ist diese Frage nach der Gottesnähe besonders wichtig. Er erzählt z.B. vom armen Lazarus, der in Gottes Schoß Gott ganz nahe ist - im Unterscheid zum reichen Mann in der Hölle. Er erzählt von dem verlorenen Sohn, der aus der Ferne wieder zu seinem Vater zurückfindet – im Unterschied zum Erstgeboren, der nur äußerlich betrachtet beim Vater bleibt.

Er erzählt von Maria und Johannes, die Jesus nahe bleiben bis zum Kreuz – im Unterschied zu allen anderen Jüngern. Er erzählt von dem Mitgekreuzigten, dem Jesus verspricht: Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein.

Bewusst die Nähe Gottes suchen. Das ist die Stärke des Pharisäers. Und daran ist nichts verkehrt, denn nichts anderes will Jesus für uns als seine Gemeinde. Zum Problem wird dieses Bemühen erst dadurch, dass der Pharisäer bei sich offenbar nur noch diese seine Stärke sieht. Und damit überschätzt er sich. Er wird selbstgerecht gegenüber sich selbst und dadurch ungerecht gegenüber anderen.

Und der Zöllner? – Nun, der überschätzt sich nicht. Er bekennt seine Sünden und bittet Gott um Gnade. Und auch das ist gut und wird von Jesus entsprechen gewürdigt.

Aber auch seine Haltung ist problemlos. Denn wie sich der Pharisäer überschätzt, so unterschätzt sich der Zöllner. Er sieht offenbar nur noch seine Fehler und Sünden. Und dass auch das beim Zöllner nicht die ganze Wahrheit ist, davon dürfen wir ausgehen. Weil auch der Zöllner im Tempel betet. Ein durch und durch schlechter Mensch kann er deshalb schlicht nicht gewesen sein, weil im Tempel nur Menschen beten durften, die als kultisch rein galten.

Bewusst die Nähe Gottes suchen, ohne mich selbst zu überschätzen aber auch ohne mich selbst zu verachten: Der Geschichte vom Pharisäer und vom Zöllner entnehme ich: Das geht augenscheinlich nur, wenn ich mir immer wieder klarmache, dass ich beides habe: meine Stärken und Möglichkeiten genauso, wie meine Fehler und Schwächen. Und dass das alles zu mir und meinem Leben dazugehört.

Und deshalb möchte ich mich jetzt abschließend ausdrücklich neben den Zöllner und den Pharisäer stellen. Ich will dies tun, indem ich mich - wie sie - im Gebet vor Gott stelle. Und mein Gebet klingt so:

Mein Gott,

ich danke dir. Ich danke dir, dass ich anders bin als manche anderen Leute. Ich danke dir, dass ich kein Gewalttäter bin, der Kinder missbraucht und die Fotos dann ins Netz stellt. Ich danke dir, dass ich kein religiöser Fundamentalist bin, der gezielt die in seinen Augen Ungläubigen umzubringen versucht. Ich danke dir auch, dass ich kein Materialist bin, der meint, nur dann glücklich zu werden, wenn er viel Geld und Gut besitzt. Und ich danke dir, dass ich kein notorischer Nörgler bin, der in allem und jedem nur die Mängel, die Fehler und die Unzulänglichkeiten zu sehen vermag.

Für all dies bin ich dankbar. Und ich bin dafür dir dankbar, weil ich weiß: Was ich bin und wie ich bin, das liegt immer nur zu einem Teil in meiner Hand. Sehr oft entscheiden darüber Umstände, die ich selbst gar nicht oder nur sehr bedingt beeinflussen kann: Wo ich geboren wurde. Wie gesund ich bin. Welche Begabungen ich habe oder welche Ängste ich habe.

Deshalb danke ich dir. Und wie der Pharisäer, so bitte ich dich: Lass mich gesammelt vor dich treten. Lass mich spüre, dass Du mir in meinem Leben mitten in meinem Alltag nahekommst. Und lass mich meinen Teil dafür tun, durch Beten, durch Meditieren und ab und an auch durch Fasten.

Mein Gott,

bei all dem lass mich aber nicht vergessen, dass ich trotzdem nicht perfekt bin. Ich habe manchmal Streit. Manchmal enttäusche ich Menschen. Manchmal fehlt mir die Weite des Herzens, mich auf Menschen einzulassen, die ich nicht mag. Und manchmal bin ich auch einfach unleidlich mit mir selbst. So wie der Zöllner bitte ich dich deshalb: Sei mir Sünder gnädig. Und stärke mein Vertrauen, dass du mich dennoch annimmst, so, wie ich bin.

Mein Gott,

so stärke den Willen des Pharisäers in mir, damit ich meinen Teil tue, um dir Nahe zu kommen. Und stärke das Vertrauen des Zöllners in mir, damit ich meine Grenzen und Fehler nüchtern sehen und durch deine Gnade mit ihnen zu leben lerne. Das bitte ich für mich und genauso für uns alle als deine Gemeinde. Damit wir alle gerechtfertigt in unseren Alltag gehen können. Heute und jeden neuen Tag.

Amen

 

16. August 2026 - Pastor Olav Metz

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