Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

Wie ein Fenster zum Himmel
Predigt zum Erntedankfest
(Gen 28, 10-19 und Lk 12, 22-31)

Ulrike: Also der Bauer mit seiner Superernte, und der Jakob, der auf der Flucht ist, das sind ja schon zwei krass gegensätzliche Typen. Der Bauer hat alles und muss sich um seine Zukunft überhaupt keine Sorgen machen. Und Jakob, der hat nichts. Er hat nicht einmal ein Dach über dem Kopf und seine Zukunft ist völlig ungewiss.

Caroline: Das finde ich auch. Aber noch verrückter finde ich, dass nicht etwa dem Bauern, der satt und sorglos ist, den Himmel offenstehen sieht, sondern Jakob, der gerade in einer wirklich schwierigen Lage ist.

Ulrike: Aber was heißt das denn jetzt? Findet Gott es besser, wenn wir alle bettelarm sind und eine unsichere Zukunft vor uns haben?

Olav: Nein, das macht keinen Sinn. Und ich glaube, das will Gott auch gar nicht.

Ulrike: Aber was will er dann?

Caroline: Also ich glaube, Gott will, dass ich mich immer wieder mal frage, was mir im Leben Sicherheit gibt.

Ulrike: Du meinst, worauf ich mich verlasse?

Caroline: Ja, und dazu muss ich auch gar nicht alles aufgeben. Ich muss nur immer wieder mal den Blickwinkel wechseln und die Dinge mal anders anschauen. Das ist wie bei dem Fenster: Wenn ich nur noch auf meine Ernte starre und nichts anderes mehr sehe, dann wird der Horizont eng und ich sehe am Ende nur noch das. Und da sagt Gott: Das ist zu wenig.

Olav: Und es ist erst recht zu wenig, wenn es nur noch um mein Hab und Gut geht. Weil all diese Sache zwar sehr schön und nützlich sind, aber auch sie keine absolute Sicherheit schaffen. Der Bauer ist vielleicht schon morgen tot und sein und unser aller letztes Hemd hat nun mal keine Taschen. Aller Reichtum und aller Besitz sind deshalb letztlich auch nur falsche Sicherheiten.

Ulrike: Ich verstehe! Klar, und deshalb feiern wir Erntedankfest!

Caroline: Bitte nochmal langsam: Was ist jetzt klar?

Ulrike: Na, klar ist, dass ich mich nicht an falsche Sicherheiten klammern soll. Haus, Hof, Geld etc.. Dafür muss ich meinen Blickwinkel ändern, immer wieder. Und das kann ich, wenn ich z.B. Danke sage. Wenn ich danke, sage, dann schaue ich die Dinge meines Lebens nämlich anders an. Nicht als Selbstverständlichkeiten oder als den wohlverdienten Lohn meiner Arbeit, sondern als ein Geschenk.

Caroline: Verstehe. Wenn ich mein Leben und all die schönen Sachen, die ich habe, so sehe, dann kann ich letztlich ja nur froh und dankbar sein. Das verändert mich und dann – öffnet sich das Fenster zum Himmel.

Olav: Ja, und ich glaube, das wissen oft gerade die Menschen, die nicht soviel haben und für die all die guten Gaben des Lebens deshalb keine Selbstverständlichkeit sind. Allein aus ihrer Lebenssituation heraus haben sie diesen anderen Blickwinkel. Und dafür ist Jakob ein wunderbares Beispiel. Nur wir, die wir viel haben und gut versorgt sind, wir müssen diesen anderen Blickwinkel immer wieder mal trainieren.

Caroline: Die jüdischen Gemeinden, die machen das übrigens jedes Jahr. Bei denen gibt es nämlich auch ein Erntedankfest. Sukkot. Bei diesem Fest machen die Menschen was eigenartiges: Sie ziehen aus ihren Häusern aus und wohnen in Laubhütten. Damit machen sie sich immer wieder klar: Das feste Dach, das ich normalerweise überm Kopf habe, ist keine Selbstverständlichkeit.

Ulrike: Wenn man so will, spielen sie also ein bisschen die Situation von Jakob auf dem Acker nach.

Caroline: Genau. Und wenn sie dann wieder in ihre Häuser zurückkehren, dann hat sich hoffentlich ihr Blickwinkel etwas verändert und sie können den Himmel auch Zuhause offen sehen.

Olav: Und damit sind wir am Ende dann wieder bei dem Lied vom Anfang. Denn da haben wir genau das schon gesungen: Wie ein Fenster zum Himmel, das kann jeder Tag sein und das kann jeder Mensch sein.

Ulrike: Jeder Schritt und jedes Wort können ein Fenster zum Himmel sein.

Olav: Und gerade heute auch all die guten Gaben der Schöpfung. Wir müssen nur immer wieder lernen, das zu sehen.

Caroline: Wenn wir das schaffen, dann wächst der Himmel in dir und in mir. Und für alle, die sich jetzt nicht ganz sicher sind, wo und wie das heute und hier passieren kann, singen wir jetzt gemeinsam: Der Himmel ist ein kleines Korn und wächst in dir und mir. Und wir sind uns sicher, da ist jetzt für jeden ein Stück vom Himmel dabei.

Olav, Ulrike, Caroline: Amen

 

4. Oktober 2026 - Pastor Olav Metz

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