Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

So hat Gott, mein Herr, gesprochen...
(Ezechiel 2,1 - 3,3 / Hosea 12, 7)

Liebe Gemeinde,

als erstes müssen wir eine Leerstelle in unserem Predigttext füllen: Im vierten Vers sagt Gott ja zu Ezechiel: Du sollst zu den Israeliten sagen: So hat Gott, mein Herr, gesprochen… Eines steht da aber nicht. Es steht nicht da, was Gott gesprochen hat.

Nun ist diese Leerstelle bestimmt deshalb leer geblieben, weil hier ganz viele Bibelworte genannt werden könnten: Die 10 Gebote, das Vaterunser, der 23. Psalm… Und sie alle hätte je für sich Ihre Berechtigung, je nachdem, was uns an dieser Stelle besonders wichtig ist. Ich werde deshalb heute an diese Stelle das Bibelwort setzen, das und vor knapp drei Wochen begleitet hat, als wir Wolfgang Kliesow zu Grabe getragen haben. Es steht beim Propheten Hosea und lautet: Du wirst mit Gottes Hilfe heimkehren. Halte fest an der Liebe und an der Gerechtigkeit! Und setze deine Hoffnung stets auf deinen Gott! (Hosea 12, 7)

Mir ist dieses Wort an dieser Stelle wichtig, weil es sehr klar sagt, was Gott von uns und für uns Menschen will. Und weil es sich in dreifacher Weise mit der Geschichte Ezechiels berührt.

Halte fest an der Liebe und an der Gerechtigkeit. So sagt Hosea. - Ezechiel wird damals zu den Israeliten geschickt, weil sie genau das nicht tun. Sie haben harte Gesichter und harte Herzen. Sie grenzen sich ab und sie grenzen andere aus. Und sie sind dabei allein auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Das häufigste Wort in unserem Predigttext lautet deshalb ‚widerspenstig‘. Sie sind widerspenstig gegenüber dem, was Gott will. Und das soll Ezechiel ihnen sagen auch wenn die Hoffnung, dass sich dadurch etwas ändert, offenbar sehr gering ist.

Halte fest an der Liebe und an der Gerechtigkeit. Ich glaube, das gilt ganz genauso auch für uns heute. Ich habe den Eindruck, dass Liebe und Gerechtigkeit auch heute zunehmend auf Widerstand stoßen. Abgrenzen, ausgrenzen, allein auf den eigenen Vorteil bedacht sein, wir zuerst… das begegnet mir leider an immer mehr Stellen. Trotzdem gilt die Botschaft Ezechiels auch für uns heute. Und ich denke, es bleibt unsere Aufgabe, daran festzuhalten – trotz aller Widerstände.

Dass das nicht einfach ist, das liegt auf der Hand und das spürt auch Ezechiel: Allein gegen alle, allein gegen ein ganzes Volk, so ist er unterwegs. Dass Gott gleich zweimal zu ihm sagt Fürchte dich nicht!, das zeigt, wie beängstigend die Situation für Ezechiel damals ganz offenbar gewesen ist. Und wir können umso glücklicher sein, in einem Land zu leben, in dem wir nicht Leib und Leben riskieren, wenn wir uns zum christlichen Glauben bekennen.

Aber: Die gegenwärtige Entwicklung in manch anderen Ländern zeigt auch, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. Es gibt einige Länder, in denen diese Freiheiten verloren gehen und es zum Risiko geworden ist, sich in gesellschaftlicher und religiöser Freiheit für Liebe und Gerechtigkeit Freiheit einzusetzen. Und gerade an dieser Stelle berührt die Geschichte Ezechieles ein zweites Mal die Worte Hoseas, denn der sagt klar: Setze deine Hoffnungen stets auf deinen Gott:

Auf Gott hoffen, ich denke, das ist gerade dann nötig, wenn wir mit unseren Möglichkeiten an Grenzen stoßen. Es ist die Hoffnung, dass das Festhalten an Liebe und Gerechtigkeit der richtige Weg ist, auch wenn wir mit dieser Ausrichtung nicht mehr in der Mehrheit sind und leider oft Hass und die Ungerechtigkeit den Lauf der Dinge bestimmen. Diesen Widerständen werden wir nur etwas entgegensetzen können, wenn wir eine noch größere Hoffnung haben. Und deshalb sagt Hosea: Setze deine Hoffnungen stets auf deinen Gott. Und diese Hoffnung bitte nicht loszulassen, das gilt auch an den Grenzen des Lebens.

Die dritte Verbindung zwischen dem Wort Hoseas und der Geschichte Ezechiels mutet zunächst eher seltsam an: Ezechiel soll eine Schriftrolle essen. Diese Schriftrolle ist voll mit Klagen und traurigen Nachrichten. Aber seltsamer Weise schmeckt sie in Ezechiels Mund süß wie Honig. – Was soll das bedeuten?

Ich denke, dieses Bild sagt uns: Wer auch in Zeiten von Hass und Unrecht an Liebe und Gerechtigkeit festhalten will, der muss diesen Willen Gottes ganz in sich aufnehmen. Er muss ihn verinnerlichen, nicht nur geistlich, sondern auch körperlich, sozusagen mit Haut und Haaren. Gerade heute, am Beginn der Passionszeit, werden wir wieder nachdrücklich darauf hingewiesen, dass das Festhalten an Liebe und Gerechtigkeit auch ein körperlicher Leidensweg sein kann. Und wenn wir heute Abendmahl feiern, dann empfinden wir genau dies nach, denn wir ‚essen‘ Jesus und seine Botschaft.

Süß daran ist aber weder bei Ezechiel noch bei Jesus das Leid oder die bittere Botschaft. Süß daran ist, dass sowohl Jesus als auch Ezechiel sich trotz aller Widerstände und aller Leiden treu bleiben und den Willen Gottes dennoch weitersagen. Und darin steckt nun auch die dritte Berührung zwischen der Geschichte Ezechiels und dem Wort Hoseas. Denn sein Spruch beginnt ja mit den Worten Du wirst mit Gottes Hilfe heimkehren. Und ich denke, wir können nur heimkehren und bei Gott und bei uns selbst Zuhause sein und bleiben, wenn wir uns treu bleiben und ihm treu bleiben.

Nein, Leid und bitteren Botschaften sind auch heute nicht süß. Aber wenn wir tapfer bei der Wahrheit bleiben und bei Gott bleiben, werden wir bei Gott Zuhause sein und bleiben. Und was damals für Ezechiel galt, das gilt dann auch für jeden von uns: Du wirst mit Gottes Hilfe heimkehren. Halte fest an der Liebe und an der Gerechtigkeit! Und setze deine Hoffnung stets auf deinen Gott!

Amen

 

8. Februar 2026 - Pastor Olav Metz

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