Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)
Lätare - 'Kleinostern'
(Jes 66, 10-14)
Liebe Gemeinde,
heute ist Lätare, Kleinostern. Lätare ist der Sonntag des Trostes mitten in der Passionszeit. Aber nicht, weil alles Leid hinter uns liegt, sondern obwohl es bisher kein Ende hat und ein Ende vielleicht auch gar nicht abzusehen ist. Der Trost von Lätare ist also nicht die Vertröstung auf bald kommende bessere (Oster-)Zeiten, sondern der Trost in schwierigen und vielleicht sogar aussichtslosen Situationen. Diesen Trost finden wir in den Seligpreisungen, die wir als Evangelium gehört haben. Und wir finden ihn auch in unserem Predigttext aus dem Propheten Jesaja.
Was ist das Besondere an diesem Trost? Dieser Frage möchte ich mit meiner Predigt ein Stück nachgehen. Und ich möchte dem Predigttext dafür ein Gedicht zur Seite stellen. Es stammt von Giannina Wedde, einer Autorin und geistlichen Begleiterin unserer Zeit. Unser Praktikant Malte Knuth wird es jetzt vorlesen und wenn sie möchten, können sie den Text auch gerne auf dem kleinen Textblatt mitlesen.
Einwilligung
Der Trost hat mich gefragt,
ob ich bereit bin,
durch den Schmerz hindurchzugehen,
anstatt ihn zu umkreisen,
und ob ich meinen Finger
so lange in die Wunde lege,
bis ich das Unversehrte darin fühlen kann.
Er hat mich gefragt,
ob ich mich halten lassen werde
von Armen, die nichts je wieder
in Ordnung bringen,
und ob ich schweigen kann,
bis irgendwann wie warmer Atem
ein gutes Wort mich streift.
Er hat mich gefragt,
ob ich mich bücken werde
zur kleinen blauen Blüte am Wegesrand,
ob ich Kirschen von den höchsten Ästen pflücke
und ob ich es ertragen kann,
wenn mich am Abend
ein Glück ganz ohne Grund befällt.
Er hat mich gefragt,
ob ich erahne, dass ich auf nichts ein Anrecht habe,
auch nicht auf die Untröstlichkeit,
weil sich in jedem Augenblick
das Leben selbst an mich verschenkt,
ohne zu zögern und ohne Maß.
Wie eine, die noch in die Weite
dieses Wortes wachsen muss,
sagte ich Ja.
Liebe Gemeinde, was diese Verse wunderbar auf den Punkt bringen ist: der Trost in Leid und Not ist keine Antwort, sondern er ist eine Frage. Genau genommen sind es sogar mehrere Fragen. Und ob ich diesen Trost finde oder untröstlich bleibe, das hängt von meiner Antwort auf diese Fragen ab.
Die erste Frage, die der Trost mir stellt, lautet: Kannst und willst du spüren? Worum es hier geht, das erzählt uns Jesaja mit einem Bild, dem Bild von Mutter und dem Kind. Die Mutter stillt ihr Kind. Sie trägt es auf den Hüften. Sie schaukelt es. – Für all das sind Worte kaum nötig. Und es braucht auch keine, weil das Kind spürt. Die Nase, auf die es womöglich gerade gefallen ist, tut immer noch weh und ist auch noch längst nicht verheilt. Das Kind aber spürt den Trost und ist getröstet.
Ich entnehme dem: der Trost in der Not hat eine unverzichtbare körperliche Seite. Trost geht nicht ohne Nähe. Und die muss ich zulassen und zu spüren wagen, wenn der Trost gelingen soll.
Das heißt auch: Nicht die Verletzungen gedanklich umkreisen, sondern sich spüren, sich selbst spüren, körperlich. Weil ich – um es mit den Worten von Giannina Wedde zu sagen - nur so auch das Unversehrte und Unbeschädigte in mir oder beim anderen erspüren kann.
Mag sein, dass das etwas weit hergeholt klingt, aber im Grunde kennen wir das alle. Ich denke zum Beispiel an die vorletzte Woche, als wir Manfred Schmidt zu Grabe getragen haben. Auch da haben wir gespürt: Eine Umarmung, ein Händedruck oder einfach nur ein Blick trösten oft weit mehr als alle Worte.
Deshalb ist dies die erste Frage, die der Trost mir stellt: Kannst und willst du so spüren? - Die Antwort auf diese Frage wird jeder von uns für sich selbt geben müssen. Und das gilt auch für die zweiten Frage des Trostes. Sie lautet: Findest du einen weiteren Horizont?
Der weitere Horizont, der Horizont, der über den Augenblick und das Leid hinausweist: Als ich 1980 zur Armee musste, da war das eine beklemmende Erfahrung: Ein rauer Umgang, ein rauer Ton in einer mir völlig fremden Welt. Und rundherum Zäune, keine Möglichkeit, zu entkommen. Und wehe dem, der es versuchte…
Ja, da war mir manchmal wirklich zum Heulen. Ich erinnere mich aber an einen Moment, der mich damals getröstet hat. Nachdem wir einen Vormittag lang über den Exerzierplatz gekrochen waren, war ein Moment Pause. Und da habe ich mich auf den Rücken gelegt und in den Himmel geschaut. Der war da wie bei mir zuhause. Und er war auch hier da, trotz aller Zäune um mich herum. Das war der weitere Horizont, der mich damals über die Zäume und das ganze Elend hinaus hat schauen lassen. Und ich spüre es bis heute: Dieser Blick in den Himmel hat mich getröstet.
Dieser weitere Horizont muss nicht unbedingt in die räumliche Weite gehen. Bei Giannina Wedde sind es die die blauen Blüten am Wegesrand und die Kirschen an den höchsten Ästen, die über die Not des Augenblicks hinausweisen. Und bei Jesaja, da ist Jerusalem dieser weite Horizont, die Stadt, an der sich die Menschen jetzt freuen sollen. Auch dieses Bild zeigt: Diesen weiten Horizont brauchen wir gerade dann, wenn die Verhältnisse völlig anders sind. Und das gilt nicht nur im Persönlichen, sondern auch für die ganze Welt - und heute auch und gerade im Blick auf Jerusalem…
Das ist der weitere Horizont, nach dem uns der Trost fragt und ich komme damit zur dritten Frage. Auch die gilt jedem von uns. Sie lautet: Bist du bereit, loszulassen? Und auch zu dieser Frage habe ich eine kleine Geschichte: In den 90er Jahren sind wir mal mit einer unserer kirchengemeindlichen Immobilie in eine böse besitzrechtliche Klemme geraten. Diese Situation hätte ich damals vermeiden können, wenn ich rechtzeitig reagiert hätte. Hatte ich aber nicht und ich war deshalb wüten und traurig und frustriert.
Aber dann hat mich – wie Giannina Wedde es ausdrückt - ein Wort gestreift. Jemand aus dem Kirchengemeinderat sagte einfach. Tja, Gott sorgt schon dafür, dass unsere Bäume nicht in den Himmel wachsen. Und so seltsam es klingen mag, dieser Satz hat mich damals getröstet. Getröstet, weil es mir vor Augen geführt hat: Auch ich mache Fehler. Auch ich habe nicht alles in der Hand. Und ich muss deshalb loslassen, z.B. meinen Anspruch, alles perfekt machen zu wollen.
Es ist – wie Giannina Wedde es ausdrückt – die Einsicht, dass ich auf nichts ein Anrecht habe, nicht mal auf meine Frustration, wenn es nicht läuft. Weil das Leben anders ist aber das alles zu mir und meinem Leben dazugehört. Und bei Jesaja finde ich diese Einsicht in dem Mann (und ich ergänze: in der Frau), die erwachsen sind und dennoch Trost brauchen. Weil sie loslassen müssen, ihre Pläne, ihre Vorstellungen, ihre Wege, ob sie nun wollen, oder nicht, eben um ihr ganzes Leben anzunehmen.
Der Trost mitten in der Not ist keine Antwort, sondern eine Frage. Er fragt mich:
- Kannst und willst du spüren?
- Findest du einen weiteren Horizont?
- Bist du bereit, loszulassen?
Und ob ich wirklich Trost finde oder untröstlich bleibe, das hängt von meiner Antwort auf diese Fragen ab.
Dieser Trost ist keine Vertröstung auf bessere Zeiten. Und für mich gibt es deshalb auch keine vollmundige Antwort auf diese Fragen. Auch ich versuche mein Ja eher wie einer, der in die Weite dieses Wortes und dieses Trostes immer wieder erst hineinwachsen muss.
Trotzdem versuche ich mich daran, damit sich Gottes große Gabe des Lebens in jedem Moment meines Lebens neu an mich verschenkt. Oder um es mit Jesaja zu sagen: Ich hoffe, dass ich so Gottes Hand an mir spüre und seine Arme mich tragen, auch wenn sie vielleicht nichts in Ordnung bringen. - Das ist der Trost, den ich suche. Das ist der Trost von Lätare.
Amen
15. März 2026 - Pastor Olav Metz
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