Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

Steh auf und fürchte dich nicht!
(Mt 17, 1-9)

Liebe Gemeinde,

das neue Jahr ist heute genau einen Monat alt. Mit dem morgigen Tag endet auch die Zeit des Übergangs, die Epiphaniaszeit. Und wir sind inzwischen die ersten Schritte in diesem neuen Jahr gegangen.

Was das Jahr bereits gebracht hat und was es noch bringen wird - politisch, gesundheitlich, persönlich – darauf haben wir oft nur wenig oder gar keinen Einfluss. Und meist können wir deshalb auch gar nicht darüber entscheiden, ob wir diesen oder jenen Weg gehen wollen oder nicht.

Eines aber können wir trotzdem. Wir können – wenigstens ein Stück weit - selber entscheiden, wie wir die Wege gehen, die wir gehen müssen. Um dieses ‚Wie‘ geht es heute am letzten Sonntag der Epiphaniaszeit in der Verklärungsgeschichte, die wir gerade gehört haben. In dieser Geschichte geht Jesus mit seinen Jüngern vier Schritte, die wir auch heute gehen können. Und diesen vier Schritten möchte ich deshalb heute in diesem Gottesdienst zusammen mit ihnen nachgehen.

Der erste Schritt, den Jesus mit seinen Jüngern geht, lautet ‚Abstand gewinnen‘. Und diesen Schritt geht Jesus mit seinen Jüngern ganz wortwörtlich: Nach sechs Tagen nahm er Petrus, Jakobus und Johannes mit und führte sie abseits auf einen hohen Berg.

Dieser Abstand ist nötig, angesichts dessen, was 6 Tage zuvor passiert ist. Da hatte Jesus seinen Jüngern erstmals erzählt, welcher Leidensweg ihm bevorsteht, und das hatte die Jünger tief getroffen. Besonders Petrus wollte davon nichts hören. Gerade hatte er Jesus noch als den Christus bekannt: In dir ist Gott gegenwärtig, sein Reich beginnt jetzt! Dass dieser Jesus leiden und sterben würde, das brachte all seine Hoffnungen und auch seine Gottesvorstellungen ins Wanken.

Abstand gewinnen. Einen Moment aus den Routinen des Alltags, dem Strom der Sorgen und Gedanken, der Flut der Informationen heraustreten. - Wir alle brauchen das, um ab und an aufzutanken und wieder einen neuen Blick auf uns selbst, unser Umfeld und die Welt zu bekommen. Und wir brauchen das ganz besonders, wenn – wie bei Petrus - Hoffnungen zerplatzen, wenn alte Gewissheiten fragwürdig werden, wenn unsere Welt ins Wanken gerät und vielleicht sogar unser Glaube wankt.

Abstand gewinnen, das ist deshalb wichtig. Aber es ist auch anstrengend. Weil es nicht leicht ist, die Gedanken und Gefühle von all dem zu lösen, was mich gerade beschäftigt. Der ‚Berg abseits‘, den Jesus mit seinen Jüngern besteigt, ist das Bild für diesen Abstand. Es ist der Berg der Stille, der Besinnung und der Achtsamkeit. Und die erste Frage dieser Geschichte an jeden von uns lautet deshalb: Gibt es in deinem Alltag diesen Berg, auf den du dich zurückziehen kannst, körperlich und seelisch, geistig und geistlich? Wenn nein: wo könntest du ihn finden? Wenn ja: besteigst du ihn oft genug?

(Musik)

Wenn ich Abstand gewinne, dann kann sich tatsächlich etwas ändern. Der Blickwinkel wandelt sich und ich kann meine Welt im Licht Gottes neu sehen lernen. Oder um es mit den Worten unsere Geschichte zu sagen: Und Jesus wurde vor ihnen verwandelt. Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.

Trotz seiner Ankündigung von Leid und Tod erscheint Jesus seinen Jüngern plötzlich in einem neuen Licht. Er selbst wird Licht. Diese Verwandlung erfolgt vor und mehr noch in ihren Augen. Der eigentliche Wandel geschieht bei Lichte besehen in den Jüngern selber. Ihre Augen werden transparent für das göttliche Licht.

Das ist der zweite Schritt, den die Jünger mit Jesus gehen und den wir mitgehen können. Wir können transparent werden für das göttliche Licht in uns und in allem, was uns umgibt. Wir können verwandelt werden und uns selbst und alles, was uns umgibt, im Glanz der Würde Gottes sehen. Wir können wieder sehen und spüren, dass wir Gottes Sohn, Gottes Tochter, Gottes Ebenbild in dieser Welt sind!

Es gibt Momente, in denen wir das spüren – peak experiences, Gipfelerlebnis nennt man das. Aber diese Momente sind leider nicht so häufig. Weil wir oft viel besser darin sind, das Dunkle, Schlechte, Mangelhafte an uns und anderen zu sehen. Das sich genau daran etwas ändert, das ist der zweite Schritt. Und dass dieser Wandel von meiner Sicht auf mich und die Welt abhängt, also, dass ich mich verwandeln muss, das hat der Bürgerrechtler und spätere Präsident Südafrikas Nelson Mandela mal sehr eindrücklich so ausgedrückt:

Unsere tiefste Angst ist nicht, ungenügend zu sein.
Unsere tiefste Angst ist, dass wir über alle Maßen kraftvoll sind.
Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, das wir am meisten fürchten.

Wir fragen uns, wer bin ich denn, um von mir zu glauben,
dass ich brillant, großartig, begabt und einzigartig bin?
Aber genau darum geht es, warum solltest Du es nicht sein?

Du bist ein Kind Gottes. Dich klein zu machen nützt der Welt nicht.
Es zeugt nicht von Erleuchtung, dich zurückzunehmen,
nur damit sich andere Menschen um dich herum nicht verunsichert fühlen.

Wir alle sind aufgefordert, wie die Kinder zu strahlen.
Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes, die in uns liegt,
auf die Welt zu bringen.
Sie ist nicht in einigen von uns, sie ist in jedem.

Indem wir unser eigenes Licht scheinen lassen,
geben wir anderen Menschen unbewusst die Erlaubnis, das Gleiche zu tun.

Wenn wir von unserer eigenen Angst befreit sind,
befreit unser Dasein automatisch die anderen.

peak experiences – diese Verwandlung kann auf dem Berg der Stille geschehen. Die zweite Frage dieser Geschichte an jeden von uns lautet deshalb: Bist du bereit, dich von seinem Licht erleuchten zu lassen? Bist du bereit, neu zu sehen? Bist du bereit, dich zu wandeln?

(Musik)

Abstand gewinnen, das ist der erste Schritt. Sich erleuchten lassen und sich wandeln der zweite. Der dritte Schritt ist die Freiheit, dann ganz in der Gegenwart, ganz in diesem Augenblick zu leben. Matthäus beschreibt das so: Und siehe, es erschienen ihnen Mose und Elia und redeten mit ihm. Petrus aber sprach zu Jesus: Herr, es ist gut, dass wir hier sind. Wenn du willst, werde ich hier drei Hütten machen, dir eine und Mose eine und Elia eine.

Mose, das ist der Mann, der die Israeliten aus Knechtschaft und Unterdrückung in die Freiheit führt. Und Elia ist es, der das Volk vor neuer Knechtschaft und Unterdrückung bewahren will. Er kämpfte gegen die Anbetung der großen ‚Götter‘ Macht, Erfolg und Besitz. Und gegen die Versuchung, die wir alle kennen: die Zukunft abzusichern und alles unter Kontrolle behalten zu wollen.

Davon wollen Mose und Elia befreien. Und Petrus gelingt dieser Schritt. Auf dem Berg steht er ganz im Licht dieses Augenblicks. Alle Sorgen um die Zukunft, die große Angst, die Kontrolle zu verlieren, sind für einen Moment gegenstandslos. All das lässt er los und all das lässt ihn los. Er ist befreit und in diesem Moment ist alles gut. peak experiences.

Ganz in der Gegenwart sein. Ganz im Jetzt leben. – Das wollen Mose und Elia und Jesus für jeden von uns. Eine gute Lehrmeisterin dieser Gegenwart im Augenblick ist die Natur. Sie ist ständig im Wandel. Und deshalb öffne ich einfach meine Sinne für das, was jetzt gerade ist. Was sehe ich? Was höre ich? Was rieche ich? Was spüre ich? Das Mönchgut ist da ein gute Schule.

Ein zweiter guter Lehrmeister ist mein Körper. Auch er ist im Wandel, ob es mir passt, oder nicht. Und auch ihn erleben ich nicht in der Vergangenheit oder in der Zukunft, sondern immer jetzt. Auch für ihn muss ich einfach nur meine Sinne öffnen und ihn spüren: Die Hände. - Die Beine. - Die Schultern. - Den Atem.

Die dritte Frage dieser Geschichte an jeden von uns lautet deshalb: Bist du bereit, dich befreien zu lassen? Bist du bereit, alles loszulassen, um in diesem Augenblick ganz im hier und jetzt zu leben?

(Musik)

 

 

Auch wenn Petrus das gerne gehabt hätte: Auf dem Berg der Verklärung werden keinen Hütten gebaut. Der vierte und letzte Schritt unserer Bergwanderung mit Jesus ist nämlich der Schritt zurück in den Alltag. Und dieser Schritt klingt in unserer Geschichte so:

Noch während er redete, warf eine leuchtende Wolke ihren Schatten auf sie und aus der Wolke rief eine Stimme: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe. Auf ihn sollt ihr hören! Als die Jünger das hörten bekamen sie große Angst und warfen sich mit dem Gesicht zu Boden. Da trat Jesus zu ihnen, fasste sie an und sagte: Steht auf und fürchtet euch nicht! Und als sie aufblickten, sahen sie nur noch Jesus.

Steht auf und fürchtet euch nicht! In diesem Satz ist das ganze ‚Programm‘ Gottes, das Evangelium zusammengefasst. Auf den Punkt gebracht könnte man sagen: Fürchtet euch nicht, das ist die Weihnachtsbotschaft. Und Steht auf, das ist der Blick von Ostern, die Auferstehung mitten im Leben.

Ich finde, das ist eine gute Botschaft auch für dieses Jahr 2026. Weil auch für dieses Jahr gilt: Ob wir die Wege dieses Jahres gehen wollen oder nicht, das liegt oft nicht in unserer Hand. Aber wir können ein Stück weit entscheiden, wie wir sie gehen wollen. Und die Freiheit dazu gewinnen wir, wenn wir – wie es unsere Geschichte sagt – auf Jesus hören und ihm auf seinem Weg nachfolgen. Und deshalb:

- Sei bereit, Abstand zu nehmen und ab und an aus deinem Alltag herauszutreten.
- Sei bereit, dich zu wandeln um dich selbst und die Welt in einem neuen Licht zu sehen.
- Sei bereit, alle Sorgen loszulassen und ganz in diesem Augenblick zu sein.
- Und sei bereit, dann wieder zurückzugehen in den Alltag mit all seinen Höhen und Tiefen, so, wie Mose und Elia und Jesus und Petrus und Johannes und Jakobus…

In diesem Sinne: Steh auf und fürchte dich nicht!

Amen

(Nach einer Idee von Magdalene Hellstern-Hummel und Frank Puckelwald)

 

1. Februar 2026 - Pastor Olav Metz

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