Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

Geh aus, mein, Herz, und suche Freud!
Predigt zum Schaustellergottesdienst
(Jes 55, 1-5 und Mt 11, 28-30)

Liebe Gemeinde,

Geh aus, mein Herz, und suche Freud: Diese wunderbare 15-strophige Einladung zur Freude an der Welt und zur Freude am Leben hat Paul Gerhardt 1653 geschrieben. Und es lohnt, sich das ausdrücklich bewusst zu machen, weil schon dieses Datum zeigt: Hier geht es nicht darum, Spaß am Leben zu haben, weil alles gut und in Ordnung ist. Es geht um Lebensfreude, die spürbar wird, auch wenn viele Dinge im Leben eben nicht schön und wohl sortiert sind.

So war es nämlich bei Paul Gerhardt und seine Lebensgeschichtete zeigt uns das sehr eindrücklich: Geboren 1607, verliert er früh beide Eltern. Er wächst bei Verwandten in Gräfenhainichen auf, die ihn auf ein Internat schicken. Dort, an der Grimmaer Fürstenschule dürfen die Schüler auch außerhalb des Unterrichts nur Latein sprechen. Auf dem Lehrplan stehen Religion, Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Musik und Astronomie. Und auch Dichten: alte Antike Texte werden um- und nachgedichtet.

Nach der Schule studiert Paul Gerhardt in Wittenberg Theologie, 14 Jahre lang. Das dauert auch deshalb so lange, weil er sich seinen Lebensunterhalt selbst verdienen muss. Er unterrichtet die Kinder des Ortspfarrers. Und er beginnt, Lieder zu schreiben. Denn das 17. |ahrhundert ist eine Zeit des Singens und der frommen Poesie – trotz, oder vielleicht gerade wegen der großen Katastrophen dieser Zeit: der Pest und des Dreißigjährigen Krieges.

Der Krieg beginnt, als Paul Gerhardt elf Jahre alt ist und zieht in mehreren Wellen über das Land. Als er 1848 endet, ist die Hälfte der Bevölkerung im damaligen Brandenburg tot (Berlin hat nur noch 6.000 Einwohner), Städte und Dörfer liegen in Schutt und Asche, Felder liegen brach und viele der Überlebenden hungern und fallen Seuchen zum Opfer.

All diese Not erlebt Paul Gerhardt. Als Pfarrer der Nikolaigemeinde in Berlin bekommt er aber außerdem auch noch berufliche Probleme. Zwischen ihm als lutherischen Pastor und dem reformierten Kurfürsten kommt es zum Streit - bis dahin, dass Paul Gerhardt sein Pfarramt nicht mehr ausüben darf. Und auch sein privater Lebensweg ist ein Leidensweg: Erst mit 44 Jahren kann er überhaupt heiraten, aber vier seiner Kinder sterben früh und nach nur 13 Ehejahren stirbt dann im Alter von nur 46 Jahren auch noch seine Frau.

Not und Sorgen bestimmen weitgehend sein Leben und das Leben der Menschen in dieser Zeit. Auf der anderen Seite gibt es aber auch einen unglaublichen Lebenswillen. Wer überlebt hat, will leben und ja, auch das Leben genießen: Man bewundert das höfische Zeremoniell und die Gärten des Adels. Man ahmt es nach, wo man kann. Und man besingt Narzissus und die Tulipan - ausgerechnet Tulpen, die ein Vermögen kosten und in Niederlanden damals ein sündhaft teures Spekulationsobjekt sind!

Diese Spannung zwischen der Not der Zeit und dem Willen zum Leben, genau die steckt in den Liedern von Paul Gerhardt: Geh aus, mein Herz, und suche Freud – Die Freude, um die es Paul Gerhard geht, ist eben nicht die Freude darüber, dass die Welt und das Leben schön, heil und in bester Ordnung sind. Ihm geht es vielmehr um eine Lebensfreude, die trägt trotz allem, was im Leben schwer und furchtbar und finster ist.

Wie schwer dieser Weg oft ist, davon erzählen Lieder wie Befiel du deine Wege oder die Liedverse, die wir nach dem Kyrie gesungen haben: Auch, dass doch diese böse Zeit bald wiche guten Tagen, damit wir in dem großen Leid nicht möchten ganz verzagen... Aber selbst aus diesen Liedern ist die Hoffnung herauszuhören, dass wir bei Gott trotz allem aufgehoben sind. Dein Gott, der Ursprung aller Ding, ist selbst und bleibt dein Gut. Und das gilt für Paul Gerhardt auch noch im Angesicht des Todes: Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not; / stärk unsre Füß und Hände und lass bis in den Tod / uns allzeit deiner Pflege und Treu empfohlen sein, / so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein.

Wie sich das für ihn persönlich angefühlt hat, wissen wir nicht. Nach dem Tod seiner Frau hat er wahrscheinlich überhaupt nicht mehr gedichtet, jedenfalls sind keine Lieder aus dieser Zeit bekannt. Seine letzte Pfarrstelle hat er in Lübben im Spreewald. Dort stirbt er am 27. Mai 1676. Und viele seine Lieder wäre wohl heute längst vergesse, wenn nicht Komponisten und Sänger sie gesammelt und in die Welt getragen hätten. 26 seiner Lieder stehen bis heute in unserem Gesangbuch.  Und das sind - neben denen, die wir heute singen - so berührende Lieder wie Ich steh an deiner Krippen hier, O Haupt voll Blut und Wunden, Die güldne Sonne oder auch das Abendlied Nun ruhen alle Wälder.

Bleibt die Frage, was das alles mit uns heute zu tun hat. Und da erzähle ich jetzt mal kurz von einem Gespräch mit dir, Enrico, im letzten Jahr. Auch ihr wisst ja, dass das Leben nicht immer eitel Sonnenschein ist. Ihr wisst es auch eigener Erfahrung - auch beruflich mit eurem Schaustellergeschäft. Und ihr wisst es von den Menschen, die hierherkommen. Aber gerade deshalb ladet ihr die Menschen ein, zu kommen. Damit sie ein paar freudvolle Momente erleben, auch wenn ihr Leben vielleicht gerade alles andere als freudvoll ist.

Und da kann ich jetzt nur hoffen, dass ganz viele Menschen zu euch kommen. Weil ganz viele Menschen in Sorgen und Nöten, in Angst und Verunsicherung leben und viele darüber die Lebenslust und Lebensfreude verlieren. Damit sie die für einen Moment wieder entdecken, deshalb kann man bei euch z.B. Autoscooter fahren. Und deshalb passen die Lieder von Paul Gerhardt auch so wunderbar an diesen Ort. Weil er – gegen alle schweren Erfahrungen des Lebens – das gleiche wollte und deshalb sich selbst und uns allen ins Stammbuch des Lebens geschrieben hat: Geh aus, mein Herz, und suche Freud‘.

In dieses Lied wollen wir jetzt einstimmen und nach und nach 11 der 15 Verse singen – nochmal eine echte Herausforderung für die Bläser. Aber dass ist mir jetzt am Schluss ganz wichtig, weil uns diese Worte nochmal zeigen: Es gibt eine wunderbare Fülle des Lebens und der Welt - auch heute. Für diese Fülle müssen wir nichts bezahlen – so wie Jesaja es sagt. Sie ist da. Sie kann unsere Seele ernähren. Und sie ganz uns froh machen.

Deshalb: Geh aus, mein Herz, und suche Freud‘. Weil die Lebensfreude die Lasten, die das Leben eben mit sich bringt, leichter machen kann, so, wie Jesus es sagt. Das ist es, was Gott für unser Leben will. Von unserer ersten bis zu unserer letzten Reise. Und ich glaube, das brauchen wir heute genauso, wie Paul Gerhardt und seine Zeitgenossen vor 350 Jahren.

Amen

14. Juni 2026 - Pastor Olav Metz

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