Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

Wasser vom Himmel
(Genesis 6-9 / Joh 7, 37-39)

Liebe Gemeinde,

mit dieser Predigt machen wir ein kleines Sammelsurium, ein Sammelsurium zum Thema Wasser. Und damit wir uns in der Fülle, die sich da anbietet, nicht gänzlich verlieren, strukturieren wir dieses Sammelsurium mit einem Lied. Dieses Lied finden sie auf ihrem Liedblatt. Weil es ein neues Lied ist, hören wir die Melodie zunächst mal von den Bläsern und dann versuchen wir es mit dem ersten Vers.

  1. Wasser vom Himmel, fließe zur Erde, du gibst der Schöpfung Wachstum und Kraft.

Ohne Wasser gibt es kein Leben. Das wissen wir alle. Wie schwierig es wird, wenn Wasser fehlt, das war gestern ein Thema in den Nachrichten. In NRW sinkt der Grundwasserspiegel flächendeckend dramatisch. Und wie dem zu begegnen ist, da ist guter Rat im wahrsten Sinne des Wortes teuer werden. Auch in den Nachrichten war gestern die bedrohliche Seite des Wassers: Die Überschwemmungen in der japanische Provinz Kyhshu haben dramatische Ausmaße angenommen.

Von beiden, von der lebenswichtigen und von der lebensbedrohlichen Seite des Wassers, erzählt die Sintflutgeschichte. Zur bedrohlichen Seite werden wir gleich noch kommen. Zunächst aber zur lebenserhaltende Seite, die in dieser Geschichte durch ein ‚Wasserzeichen‘ gesetzt wird. Und das ist der Regenbogen.

Dieser Regenbogen ist ein Zeichen des Bundes, den Gott in die Wolken setzt. Dieser Bogen ist aber nicht nur das Bundeszeichen zwischen Gott und uns Menschen. Er ist vielmehr das Bundeszeichen zwischen Gott und seiner gesamten Schöpfung, der er Leben und Kraft geben will. Das heißt, wenn die Natur den Regen braucht, sollten wir ihn als gute Gabe Gottes dankbar annehmen, auch wenn wir vielleicht gerade lieber Sonnenschein hätten. In diesem Sinne singen wir jetzt noch einmal den ersten Vers vom Wasser und seiner Bedeutung für die ganze Schöpfung und schließen dann gleich den zweiten an.

  1. Wasser vom Himmel, fließe zur Erde, du gibst der Schöpfung Wachstum und Kraft.
    2. Wasser der Quelle, ströme zum Meer hin; dir gleicht mein Leben: mündet in Gott.

Wasser fließt, Wasser strömt. Es ist deshalb das Element der Wandlung, der Veränderung. Und es ist deshalb auch ein gutes Bild für unser menschliches Leben mit all seinen Veränderungen und Wandlungen. Aber die Wandlungsfähigkeit des Wassers führt noch weiter. Die folgende kleine Geschichte beschreibt das so:

Ein Strom wollte durch die Wüste zum Meer, doch wie schnell er auch in den Sand fließen mochte, sein Wasser wurde dabei aufgesogen und verschwand. Da hörte er eine Stimme, die aus der Wüste kam und sagte: „Der Wind durchquert die Wüste und der Strom kann es auch. Du musst dem Wind erlauben, dich zu deinem Bestimmungsort hinüber zu tragen.“ - „Aber wie soll das zugehen?“ - „Indem du dich von ihm aufnehmen lässt“ - „Aber kann ich nicht derselbe Fluss bleiben, der ich bin?“ - „In keinem Fall kannst du bleiben, was du jetzt bist“, flüsterte die geheimnisvolle Stimme. „Was wahrhaftig wesentlich an dir ist, wird fortgetragen und bildet wieder einen Strom.“ Und der Fluss ließ seinen Dunst aufsteigen in die Arme des Windes, der ihn willkommen hieß, sachte und leicht aufwärts trug und ihn, sobald sie den Gipfel des Gebirges erreicht hatten, wieder sanft herabfallen ließ. Schöner und frischer als je zuvor.

Das Wasser ist das Element der Wandlung. Es ist der einzige Stoff, der auf der Erde in drei Formen vorkommt: Flüssig als Wasser, gasförmig als Wasserdampf und fest als Eis. Wenn wir diese Wandlungsfähigkeit als Bild verstehen und auf uns Menschen übertragen, dann heißt das: Auch wir werden nicht die bleiben, die wir sind. Aber wenn wir uns zu wandeln wagen, wenn nötig auch über die Grenzen unserer Vorstellungskraft hinweg, dann werden wir getragen oder wie es das Lied ausdrückt: Wir münden in Gott. Deshalb singen wir jetzt nochmal den zweiten Vers und schließen dann gleich den Vers drei an.

  1. Wasser der Quelle, ströme zum Meer hin; dir gleicht mein Leben: mündet in Gott.
    3. Wasser der Wüste, brich aus dem Felsen; Gott will dich tränken, Volk auf dem Weg.

Fast auf den Tag genau 31 Jahre ist es her, da habe ich geheiratet. Es war ein heißer Sommertag. Nach der Trauung in der Kirche gings zum Mittagessen in die HO-Gaststätte. Dort wartete ein Baumstamm, der zu zersägen war – eine schweißtreibende Angelegenheit. Und dann gab es – Brot und Salz.

Das trockene Brot mit reichlich Salz im eh schon trockenen Mund: Ich glaube, ich habe nie in meinem Leben eine solche Sehnsucht nach einem Schluck Wasser gehabt, wie in diesem Moment. Es hat damals noch eine ganze Weile gedauert, bis es tatsächlich was zu trinken gab. Aber ich habe den Sekt, der dann gereicht wurde, als wahrhafte Erlösung empfunden.

Du führst mich zum frischen Wasser und erquickst meine Seele, so haben wir vorhin im 23. Psalm gebetet. Das Gott uns zu trinken gibt, gerade auf den Durststrecken des Lebens, das ist eine der wohl ältesten Erfahrungen, die Menschen mit Gott gemacht haben. Und wenn ich mir dann noch klar mache, dass wir Menschen zu 70 % aus Wasser bestehen und das Wasser ein Bild für die Lebensgabe Gottes ist, dann heißt das sogar: Er ist selber in mir und ich lebe in ihm und durch ihn. Deshalb singen wir jetzt gleich nochmal den dritten Vers und schließen dann Vers vier an.

  1. Wasser der Wüste, brich aus dem Felsen; Gott will dich tränken, Volk auf dem Weg.
    4. Wasser aus Heimweh, Tränen, die heilen; Gott, lass mich weinen, wasch mein Gesicht.

Bei diesem Vers fällt mir eine andre persönliche Wassergeschichte ein. Viele Jahre bin ich im Sommer mit dem Zingster Singkreis in Zingst auf dem Zingsthof gewesen, direkt an der Ostsee gleich hinter der Düne gelegen. Da gehörte das Baden zum täglichen Programm, natürlich bei jedem Wetter.

An einem Tag mit stürmischem Westwind waren wir wieder im Wasser. Und das war ein tolles Erlebnis - bis ich vom Wasser zu dicht an die Buhne getrieben wurde. Ich verlor den Boden unter den Füßen, weil das Wasser durch den Sog an der Buhne deutlich tiefer war. Und ich kam auch nicht mehr von der Buhne weg, weil der Wellendruck zu groß war.

Die einzige Möglichkeit war, irgendwie über die Buhne wegzukommen, was mir am Ende Gott sei Dank auch gelang. Mit blutigen, von den Muscheln an den Buhnenpfählen bös zerkratzen Beinen stand ich am Ende wieder am Strand und habe erst da begriffen, wie gefährlich die Situation eigentlich gewesen ist.

Damit sind wir bei der eingangs bereits erwähnten bedrohlichen Seite des Wasser. Wasser kann gefährlich werden, kann uns Leid zufügen, kann uns umbringen. Es ist ein gewaltiges Element, das wir nicht unterschätzen sollten. Klug sind wir aber beraten, wenn wir auch das als Zeichen verstehen: Als Zeichen für die Grenzen unserer Möglichkeiten. Als Zeichen dafür, das Gott, der mit seiner ganzen Schöpfung im Bunde ist, uns zuweilen schmerzlich unsere Grenzen zeigt (manchmal vielleicht sogar – wie damals bei Noah – um damit Böses auszulöschen). Und als Zeichen der Demut, die wir deshalb in dieser Welt und vor Gott ruhig öfter mal an den Tag legen sollten. So singen wir auch diesen leidvollen Vers noch einmal und dann den fünften und letzten Vers.

  1. Wasser aus Heimweh, Tränen, die heilen; Gott, lass mich weinen, wasch mein Gesicht.
    5. Wasser des Lebens, sprudelnder Quellgrund, Christus, du Wahrheit, still meinen Durst.

Wer an Christus glaubt, aus dem werden Ströme lebendigen Wassers fließen. So sagt Jesus im Johannesevangelium, das wir vorhin gehört haben. Danach haben wir gesungen Ins Wasser fällt ein Stein, und haben mit diesem Lied von der Liebe gesungen, die in unserem Leben ihre Kreise ziehen soll. Und wir haben damit zum Klingen gebracht, was christlicher Glaube bedeutet: Die Nachfolge Christi in dieser Liebe. Wie das gehen kann und worauf wir dabei achten sollten, das hat Bernhard von Clairvaux in einem kleinen, über 900 Jahre alten Text beschrieben, in dem er Liebe mit dem Wasser vergleicht. Unter der Überschrift „Die Schale der Liebe“ schreibt er das folgende:

Wenn du vernünftig bist,
erweise dich als Schale und nicht als Kanal,

der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt,
während jene wartet, bis sie gefüllt ist.

Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt,
ohne eigenen Schaden weiter.

Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen
und habe nicht den Wunsch
freigiebiger zu sein als Gott.

Die Schale ahmt die Quelle nach.
Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist,
strömt sie zum Fluss, wird sie zur See.
Du tue das Gleiche!
Zuerst anfüllen, und dann ausgießen.

Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen,
nicht auszuströmen.

Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst.
Wenn du nämlich mit dir selber schlecht umgehst,
wem bist du dann gut?

Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle,
wenn nicht, schone dich.

In diesem Sinne möge Christus uns füllen, damit wir nicht ausströmen und leer werden, sondern überströmen und dabei selber erfüllt bleiben. Möge uns sein Wasser des Lebens so füllen und beleben. Und als gemeinsames Amen singen wir jetzt noch einmal alle fünf Verse des Liedes.

Wasser vom Himmel, fließe zur Erde, / du gibst der Schöpfung Wachstum und Kraft.
Wasser der Quelle, ströme zum Meer hin; / dir gleicht mein Leben: mündet in Gott.
Wasser der Wüste, brich aus dem Felsen; / Gott will dich tränken, Volk auf dem Weg.
Wasser aus Heimweh, Tränen, die heilen; / Gott, lass mich weinen, wasch mein Gesicht.
Wasser des Lebens, sprudelnder Quellgrund, / Christus, du Wahrheit, still meinen Durst.

 

 

Pastor Olav Metz - 5.7.2020