Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)
Engel beherbergen - von Gästen und Gastgebern
(Gen 18, 1-8 / Hebr. 13, 1-6)
Liebe Gemeinde,
ein paar Tausend Leute sind es schon, die jährlich bei uns zu Gast sind. In unseren Kirchen, in unseren Gottesdiensten und natürlich auch in unserer Ausstellung im Pfarrwitwenhaus Gr. Zicker. Und das geht nur, weil es ganz viele liebe Ehrenamtliche gibt, die dafür sorgen, dass die Türen offen sind und die Gäste reinschauen können.
Mit den Ehrenamtlerinnen aus dem Pfarrwitwenhaus treffen wir uns alle sechs Wochen, um alle Nötige zu besprechen. Dazu gehört auch, dass wir schauen, wie die letzten Wochen so gelaufen sind. Und was glauben sie, worüber wir da in aller Regel zuerst reden?
In aller Regel erzählen die Mitarbeiterinnen zuerst über die seltsamen Gäste: Dem Einen sind zwei 2,- € Eintritt zu viel. Die Zweite will unbedingt ihren Hund mit reinnehmen. Und der Dritte kann nicht verstehen, dass es hier keine öffentliche Toilette gibt.
Um es klar zu sagen: Diese seltsamen Leute sind die absolute Minderheit. Die überwältigende Mehrheit ist freundlich und dankbar. In Erinnerung bleiben aber trotzdem oft die seltsamen Begegnungen. Und das hat auch einen ganz simplen psychologischen Grund: Diese Erlebnisse fordern uns emotional weit mehr heraus als die ‚normalen‘ Begegnungen. Sie brauchen viel mehr Energie, meine Energie. Und deshalb graben sie sich viel tiefer in mein Gedächtnis und oft auch in meine Seele ein.
Nun gäbe es für dieses Problem eine sehr einfache Lösung. Sie lautet: Zusperren. Das würde uns solche seltsamen Begegnungen ersparen. Niemand zwingt uns, unsere Kirchen oder das Pfarrwitwenhaus Fremden zu öffnen. Es gibt aber gute Gründe, gerade das nicht zu tun. Und auch von diesen guten Gründen erzählen die Mitarbeiterinnen bei unseren Treffen.
Da war zum Beispiel vor wenigen Wochen ein alter Herr. Der hat sich das Pfarrwitwenhaus in Gr. Zicker lange und intensiv angeschaut. Dann ist er gegangen. Aber am nächsten Tag war er wieder da, und zwar mit seiner Tochter. Er hat ihr ein Foto in der guten Stube gezeigt, dass 1955 vor dem Haus aufgenommen worden ist. Auf diesem Foto sind – neben dem Haus – ein paar Personen in Mönchguter Tracht zu sehen. Und er zeigt auf den jungen Mann auf dem Bild und sagt: Das bin ich. Da war ich 70 Jahre jünger. Aber ich hab‘ mich sofort wiedererkannt!
Wer als Gast zu uns kommt, das wissen wir im Vorhinein nicht. Und ja, es gibt auch unliebsame Überraschungen. Es gibt aber auch wunderschöne Erlebnisse. Erlebnisse wie dieses, wo sich in einem Bild der Kreis eines Lebens schließt und wir durch diesen alten Herrn sogar noch etwas über das Haus und die Bewohner damals erfahren haben. Und wenn ich in die Gästebücher unserer Kirchen schaue, dann kann ich auch dort nachlesen, wie vielen Menschen diese offenen Orte aus den verschiedensten Gründen zu wichtigen Lebensstationen geworden sind. Und das ist der gute Grund, warum wir nicht alles zusperren, sondern uns aufmachen: Damit schöne Erfahrungen und Erlebnisse wie diese nicht ausgesperrt, sondern möglich gemacht werden.
Das Spannende ist nun aber: Das ist nicht nur wichtig für die Menschen, die als Gäste zu uns kommen. Es ist genauso wichtig für uns. Und damit bin ich jetzt bei unserem Predigttext aus dem Hebräerbrief und seiner alttestamentlichen Vorgeschichte. Weil sie genau darum wissen.
Im Hebräerbrief sagt das so: Vergesst die Gastfreundschaft nicht. Denn auf diese Weise haben manche, ohne es zu wissen, Engel als Gäste aufgenommen. Damit spielt er auf die Geschichte von Abraham und den Besuch der drei Männer bei ihm an, die wir in der ersten Lesung gehört haben. Abraham nimmt die Männer auf und bewirtet sie. Und am Ende erweisen sie sich für ihn als Boten Gottes, die ihm die Geburt seines Sohnes Isaack verheißen und so zum Segen für ihn und sein Haus werden.
Ja, das Fremde ist immer eine Herausforderung, weil ich nicht in gewohnter Weise darauf reagieren kann. Das kostet Kraft und diesen Aufwand würde ich mir oft gerne ersparen. Die Bibel aber sagt: Diese Kraft ist sinnvoll eingesetzt. Weil nichts bleibt, wie es ist, weder in unserer Welt noch in meinem Leben. Und weil wir alle deshalb immer wieder alte Muster verlassen und neue Wege wagen müssen.
Deshalb, so der Hebräerbrief, sollen wir auch die Gefangenen nicht vergessen und die, die misshandelt werden. Weil wir alle in einem verletzlichen Körper leben. D.h., weil sich auch meine Situation sehr schnell ändern kann und ich es dann selbst bin, der auf Aufnahme und Hilfe angewiesen ist.
Und deshalb sollen wir auch nicht immer mehr haben wollen, sondern zufrieden sein mit dem, was wir haben. Weil nicht nur der Körper verletzlich ist, sondern unsere gesamte Lebenssituation. Ich glaube, besonders das spüren viele Menschen heute sehr deutlich. Und ich denke, es wäre ein wirklicher Fortschritt, wenn wir persönlich und als Gesellschaft drauf nicht mit Angst und Frust reagieren, sondern mit Zufriedenheit im Blick auf das, was wir dennoch haben. Und mit Mut im Blick auf die Veränderungen, die die Zukunft natürlich bringen wird.
Bleibt die Frage, woher die Kraft dazu kommen soll. – Und da sagt der Hebräerbrief ganz eindeutig: aus dem Gottvertrauen. D.h., aus dem Vertrauen, das Gott uns nicht verlässt – trotz aller persönlichen und gesellschaftlichen Veränderungen. Was bleibt sind nämlich nicht wir und es sind auch nicht unsere Lebensbedingungen. Wir haben hier keine bleiben Stadt. Was bleibt ist allein diese Zusage Gottes, dass er uns durch alle Veränderungen hindurch begleitet.
Das ist die bleibende Stadt. Zu der können wir finden, wenn wir uns den Veränderungen des Lebens und der Welt nicht verweigern. Das ist es auch, was uns Kraft geben kann. Und dann werden wir Zukunft haben – wie Abraham.
Und damit bin ich jetzt am Schluss wieder bei den Gästen, die zu uns kommen, den netten genauso wie den seltsamen. Ich glaube, wir brauchen sie, weil sie uns heute zeigen: Zukunft werden wir nur haben, wenn wir uns dem Fremden, dem Unberechenbaren, dem Mühsamen und auch Kräftezehrenden nicht verweigern, sondern uns ihnen öffnen. Das Fremde, das Neue, das Andere ist der Weg, der mich neu ins Leben führt. Und es kann so zum Segen für mein Leben werden.
In diesem Sinne wollen wir jetzt gemeinsam singen: Vertraut den neuen Wegen, die Gott der Herr uns weist. Und dieser Segen Gottes, der höher ist als all unsere menschlichen Vernunft und Unvernunft, der komme so zu uns und bleibe bei uns, jetzt und alle Zeit.
Amen
19. Juli 2026 - Pastor Olav Metz
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