Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

Zeit, zu heiraten
(Jes 62, 1-5, Joh 2, 1-11)

Liebe Gemeinde,

diese Hochzeitgeschichte aus dem Johannesevangelium hat – auf den ersten Blick betrachtet – zwei Höhepunkte. Der traurige Höhepunkt ist die erschreckende Erkenntnis: Der Wein ist alle; was das für ein Hochzeitsfest bedeutet, kann man sich vorstellen. Der schöne Höhepunkt ist die Hilfe Jesu: Er sorgt für neuen Wein und hilft damit den Brautleuten in ihrer schwierigen Lage.

Auf den ersten Blick betrachtet handelt es sich also um eines der vielen Wunder, die Jesus tut, um Menschen in Not zu helfen. Und doch ist dies nur die eine Seite dieser Geschichte, eben das, was man äußerlich erkennen kann. Daneben hat diese Geschichte aber noch eine zunächst eher verborgene innere Seite, eine Seite, die direkt mit uns zu tun hat. Und auf diese Seite weisen uns drei Merkwürdigkeiten in dieser Erzählung hin.

Die erste Merkwürdigkeit ist, dass diejenigen, die bei einer Hochzeit im Mittelpunkt stehen, gar nicht erwähnt werden. Im Mittelpunkt einer Hochzeit steht natürlich das Brautpaar, Johannes aber erwähnt es nicht einmal - warum?

Die Antwort finden wir in der Bibel, im Alten Testament. Dort haben Braut und Bräutigam nämlich eine tiefe symbolische Bedeutung und der Text der ersten Lesung aus dem Propheten Jesaja (Jes. 62, 1-5) hat genau davon erzählt: Die Braut, das ist Jerusalem, die Heilige Stadt, die damals das Zentrum des jüdischen Glaubens ist. Und wenn sie sich für ihren Bräutigam schmückt, dann schmückt sie sich für Gott. Denn der Bräutigam Jerusalems, das ist Gott selbst.

Braut und Bräutigam sind also das Bild für die Verbindung zwischen Gott und den Menschen. Das hat Johannes gewusst und das haben seine Leser gewusst. Und durch die Worte Johannes des Täufers bezieht er diese Deutung auf Jesus, denn der sagt nur wenige Verse nach unserer Geschichte über Jesus: Wer die Braut hat, ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber steht dabei und freut sich. Er muss zunehmen, ich aber muss abnehmen. (Joh 3, 29f)

Warum erwähnt Johannes das Brautpaar nicht? – Weil für ihn und seine Hörer und Leser völlig klar ist: Wir sind die Braut. Der Bräutigam ist Gott, der in Jesus zu uns kommt. Die Hochzeit ist das Zeichen dafür. Und wir haben die Geschichte richtig verstanden, wenn wir begreifen: Dieser Jesus kommt zu uns; durch ihn erscheint Gott in unserem Leben. Und er will uns ein Leben lang begleiten, eben wie ein guter Ehepartner.

Soviel zur Braut und zum Bräutigam. Die zweite Merkwürdigkeit in unserer Geschichte ist das Gespräch Jesu mit seiner Mutter. Seine Mutter will, dass er hilft. Er aber weist sie ungewohnt schroff zurück: Was willst du von mir? Meine Stunde ist noch nicht gekommen!

Wieso reagiert Jesus so abweisend? – Nun, mich erinnern diese Worte an den Spruch aus dem 1. Buch Mose, den wir bei jeder Trauung hören: Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und an seiner Frau hängen und die beiden werden ein Fleisch sein. So sagen wir. Und wir sagen das, weil wir genau wissen: Trauung, also innige Verbindung, bedeutet zugleich auch Trennung. Die Brautleute müssen sich wenigsten ein Stück weit von ihren Familien trennen, damit Raum wird für die neue Verbindung.

Dass das durchaus schmerzlich sein und zu Konflikten führen kann, das werden manche unter uns kennen, die ihre Kinder haben ziehen lassen müssen. Meine Kinder lassen sich ja überhaupt nicht mehr bei mir sehen. höre ich dann öfter bei Hausbesuchen. Ich sage dann gerne, dass diese Trennung und die damit verbundenen Konflikte unvermeidlich sind, wenn die neue Verbindung gelingen soll. Und ich sage auch gerne dazu, dass die Kinder nur wiederkommen, wenn wir Älteren sie dennoch gehen lassen.

Unserer Geschichte entnehme ich: Auch die Verbindung mit Jesus und die Entscheidung für den Glauben geht oft nicht ohne Trennung von anderen Dingen und zuweilen auch von anderen Menschen. Das führt auch heute zu Konflikten. Die gegenwärtige Polarisierungen in unserer Gesellschaft zum Beispiel, die machen auch vor unserem Glauben und vor unseren Kirchentüren nicht halt. Wenn wir das Zeugnis Jesu und seinen Aufruf zur Nachfolge aber ernst nehmen, dann müssen wir – wie Jesus damals – auch heute Farbe bekennen, auch wenn wir uns damit nicht nur Freunde machen. Weil der Glauben nicht irgendwo auf einer anderen Ebene spielt, sondern mitten in unserem Leben. Und ich glaube, nur wer sich in diese Konflikte wagt, hält sich wirklich an Christus und folgt ihm nach.

Soviel zum Konfliktgespräch zwischen Jesus und seiner Mutter. Die dritte Merkwürdigkeit in unserer Geschichte ist die Sache mit den Krügen. Vielleicht ist ihnen aufgefallen: Das Wasser für den Wein wird nicht etwa, wie man erwarten dürfte, in die leeren Weinkrüge gefüllt, sondern in Gefäße, die für das Wasser zur Reinigung (also für Waschwasser) bestimmt sind.

Wie diese Merkwürdigkeit zu verstehen ist, das zeigt sich, wenn wir zwei Kapitel weiterlesen. Da begegnet Jesu nämlich einer Frau am Brunnen. Und zu dieser Frau sagt er: Wer vom Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, der wird nimmermehr dürsten. (Joh 4).

Diese Worte zeigen: Auch das Wasser ist ein Bild für Jesus. Und dieses Bild deutet Johannes mit der Hochzeitsgeschichte in ganz besonderer Weise. Denn bei der Hochzeit verwandelt Jesus das Wasser ja in Wein. Und damit sagt uns Johannes: Jesus ist nicht nur der Bräutigam seiner Gemeinde und nicht nur das Wasser des Lebens. Er ist auch der Wein. Denn der ist das Zeichen für sein Blut. Und deshalb wird er in Reinigungsgefäße gefüllt, weil dieses Blut reinigt: Sein Blut macht uns rein von aller Sünde. So steht es im 1. Johannesbrief 1, 7.

Wenn ich das auf mich und mein Leben beziehe, dann bedeutet das: Die Verbindung mit Jesus und das Leben im Glauben bewahren mich nicht vor Fehlern oder falschen Entscheidungen. Auch durch den Glauben werde ich nicht zu einem perfekten Menschen. Aber wenn ich mit ihm im Bunde bin, dann müssen diese Dinge nicht an mir kleben bleiben und mich in alle Ewigkeit belasten. Weil er sie abwäscht, mich reinigt und ich deshalb immer wieder neu anfangen kann. Und das Zeichen dafür ist das Wasser, das zu Wein wird, und dafür in Reinigungsgefäße gefüllt wird.

Die Hochzeit zu Kana: Jesus hilft Menschen in einer schwierigen Situation; das ist die äußere Seite dieser Geschichte. Wenn wir aber in das Innere dieser Geschichte eintreten, dann sagt sie uns: Hier kommt Jesus, dein Bräutigam, der Begleiter für dein Leben. Der Weg mit ihm wird dich nicht vor Abgrenzungen und Konflikten bewahren. Und er wird dich auch nicht vor Fehlern und falschen Entscheidungen bewahren. Das ist der Preis der Nachfolge. Aber wenn dir auf diesem Weg was misslingt, muss dir das nicht ewig auf der Seele liegen. Weil er dich reinigt, damit mit du immer wieder neu anfangen kannst.

Epiphanias heißt, dass uns ein Licht aufgeht, dass wir in Jesus diesen Begleiter erkennen und dass wir ihm folgen. Und ich denke, wenn uns das gelingt, dann kann das Leben auch heute ein Fest werden, genauso wie damals auf der Hochzeit zu Kana.

Amen

 

18. Januar 2026 - Pastor Olav Metz

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