Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)
Recht des Stärkeren oder Stärke des Rechts?
(1. Kön 3, 5-15 / Lk 18, 1-8)
Liebe Gemeinde,
es wäre wunderbar, wenn es mit dem Frieden einfacher wäre, im Kleinen wie im Großen. Aber es ist nicht einfach, im Gegenteil. Gerade die letzten Jahre haben uns nachdrücklich vor Augen geführt, wie fragil der Frieden in der Welt ist und wie schnell alles aus den Fugen geraten kann.
Zu den Schwierigkeiten gehört, dass es zunehmend wieder Akteure gibt, die auf das Recht des Stärkeren setzen und nicht mehr auf die Stärke des Rechts. Das empfinde ich als frustrierend, besonders in Ländern, in denen ich einen Rückfall in diese Denk- und Handlungsmuster nicht (mehr) für möglich gehalten hätte.
Umso wichtiger ist es aber, dass wir darüber nicht resignieren, sondern mit Penetranz auf der Stärke des Rechts beharren. So, wie die Witwe, von der Jesus im Evangelium erzählt: sie gibt nicht auf, ihr Recht einzufordern, und zermürbt mit ihrer Penetranz am Ende sogar den gottlosen Richter.
Aber was heißt das konkret? - Um uns diese Frage zu beantworten, ist Ekkehard Griep heute hier. Er hat Stimmen von Menschen gesammelt, die bei der UNO gearbeitet haben oder bis heute arbeiten. Und einige dieser Stimmen wollen wir in diesem Gottesdienst zu Wort kommen lassen, weil die UNO genau dies will: gegen das Recht des Stärkeren das Völkerrecht zu setzen und zu stärken.
Die erste eindrückliche Stimme ist die von Wolfgang Schomburg. Er war von 2001-2008 ständiger Richter an den Internationalen UN-Strafgerichtshöfen für das frühere Jugoslawien und für Ruanda. Und aus seiner Erfahrung schreibt er das Folgende:
Internationale Strafgerichtsbarkeit ist möglich. Durch die Einrichtung der beiden ad-hoc-Tribunale für das frühere Jugoslawien und Ruanda durch die UN wurden zum ersten Mal nach Nürnberg (und Tokio) auch diejenigen strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen, die sich als über dem Gesetz stehend glaubten. Viele Verurteilte, aber auch aus den unterschiedlichsten Gründen Freigesprochene mussten erkennen, dass sie auch in bewaffneten Konflikten rechenschaftspflichtig sind und mit harten Strafen und deren Verbüßung rechnen müssen. Die UN haben hier ein über Jahrhunderte eingefordertes Exempel statuiert, das potenzielle Täter jedenfalls abschrecken kann, Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder Kriegsverbrechen zu begehen.
Das alles überragende Signal an die internationale Gemeinschaft ist, dass Richter, Staatsanwälte und Verteidiger aus allen Kontinenten … miteinander effektiv auch auf dem Gebiet des Strafrechts zusammenarbeiten… Voraussetzung ist aber der politische Wille aller Staaten, unabhängigen Richtern diese … Kooperation über alle von Geografie, Rechtssystemen und Kulturen gesetzten Grenzen hinweg zu ermöglichen. (S. 215f)
Und eine zweite juristische Stimme soll an dieser Stelle zu Wort kommen: Markus Pallak ist seit 2003 bei der UNO und ist Persönlicher Referent des Rechtsberaters der Vereinten Nationen. Er sagt:
Wenn man sehr viel mit dem Thema internationale Strafjustiz und dem Kampf gegen die Straflosigkeit zu tun hat, dann gibt es viele emotionale Momente… Ich kenne keinen, den der Besuch der Völkermordgedenkstatte in Kigali (Ruanda) kaltgelassen hätte, ebenso wie in Kambodscha das S-21 Foltergefängnis in Phnom Penh oder die Killing Fields. Treffen mit Opfern oder Hinterbliebenen sind sehr emotional. Das kann auch positiv sein, wie bei der feierlichen Schließung des Sondergerichts für Sierra Leone im Dezember 2013 in Freetown, bei der wir den überragenden Beitrag der Arbeit dieses Gerichts und seines Personals für die Konsolidierung des Friedens in einer ganzen Region gewürdigt haben. Man trifft in diesem Zusammenhang immer kleine und auch große Helden. Und man versteht, warum die Straflosigkeit für internationale Verbrechen, unvorstellbar brutale Verbrechen, endlich ein Ende haben muss. (S.159f)
Dass die Stärke des Rechts über dem Recht des Stärkeren steht, ist keine Selbstverständlichkeit. Es braucht Menschen, die penetrant darauf beharren, egal, aus welcher Richtung der Geist der Zeit gerade weht. Dafür braucht es einen gemeinschaftlichen Willen. Und es braucht Pragmatismus, um aktuelle Lösungen zu finden.
„Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick.“ Diese Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland, die letztes Jahr erschienen ist, bemüht sich um diesen Pragmatismus. Unstreitig ist dabei, dass es für uns als Kirche einen „Primat des Gewaltverzichts“ gibt (S. 24). Gewaltfreiheit ist und bleibt oberstes Gebot. Ernstgenommen wird aber auch, dass es „…in unserer erlösungsbedürftigen Wirklichkeit immer Akteure geben ((wird)), die Friedensordnungen und lebensförderliche Strukturen aus unterschiedlichen Motiven bewusst untergraben oder zerstören“.
Dem versucht die Denkschrift Rechnung zu tragen, wohl wissend, dass dies ein schwieriger Weg ist. Schwierig auch deshalb, weil gerechter Frieden mehr ist als nur die Abwesenheit von Krieg. Gerechter Frieden braucht immer auch den Schutz vor Gewalt, die Förderung von Freiheit, den Abbau von Not und die Anerkennung kultureller Vielfalt. (EKD S. 36) Und dabei sind auch ökologische Aspekte unbedingt zu berücksichtigen.
Das ist – das zeigt auch der Umfang der Denkschrift - nicht einfach. Aber nur wenn wir das wollen, wollen wir wirklichen Frieden und nicht nur unsere private Ruhe. Und den Unterschied zwischen diesen beiden hat der polnisch-jüdische Lyriker Julian Tuwim mal sehr bissig in einem kleinen Zweizeiler formuliert. Er schreibt:
Sie verlangen gar nicht Frieden. Sie wollten nur keinen Krieg.
Als ob Nichtvorhandensein von Krieg das gleiche wie Frieden wäre!
Wollen wir wirklich gerechten Frieden? Und wenn ja, wie geht das? – Mit dieser Frage komme ich jetzt wieder zur UNO zurück. Denn hier arbeiten viele Menschen, die dafür kämpfen. Drei Stimmen, die sowohl von den Schwierigkeiten als auch von dem großen Einsatz dieser MitarbeiterInnen erzählen, hören sie jetzt. Die erste ist Angela Kane, die bis 2015 in verschiedenen Funktionen bei der UNO gearbeitet hat. Auf die Frage, wo sie konkret etwas hat bewirken können, antwortet sie:
Die Verhandlungen zur Polizei in El Salvador (1990–1992) waren sehr schwierig, weil die Polizei »Militär pur« war. Es ging darum, eine Militärpolizei umzuwandeln in eine zivile Polizei. Wir mussten natürlich auch mit den Guerillas sprechen – was die Regierung absolut nicht wollte. Wir hatten verschiedene Vorstöße unternommen, sie zu treffen, das waren zum Teil abenteuerliche Fahrten, über verschiedene Priester, dann mussten wir einen Berg hochklettern und dann sitzen die da alle mit Kalaschnikows um uns herum. Aber das war entscheidend, weil uns dann auch gesagt wurde: Es gibt in der Polizei keine Frauen, es gibt nur militärische Uniformen. Man musste also das Erscheinungsbild ändern: Die Polizei ist nicht Militär, ist keine Armee, sondern man muss die Polizei als Helfer sehen. So haben wir tatsächlich vorgeschlagen: keine Uniformen. Stattdessen für Männer Hosen und weißes Hemd, für Frauen Rock und weiße Bluse. Vorher gab es keine Frauen in der Polizei. Das hat sich dann sehr stark geändert, auch die Ausbildung. (S. 78)
Frieden durch Gespräche und den Aufbau einer zivilen Polizei. Das ist war in El Salvador ein Weg zum Frieden. Ein anderer Weg ist der Aufbau der Infrastruktur. Hier erzählt Daniel Maier über seine Arbeit in Afghanistan folgendes:
In meinem zweiten Jahr in Afghanistan habe ich im Verkehrsministerium gearbeitet, in einem Projektteam für Infrastrukturprogramme. …es war zu untersuchen, welche Auswirkungen z. B. der Straßenbau in einer Region haben kann, um Zugang zu Bildung, Märkten, aber auch Gesundheitseinrichtungen zu ermöglichen. In diesem Zusammenhang hatte ich das Privileg, durch Afghanistan zu reisen und mich mit Dorfältesten zu unterhalten. So saßen wir in der Provinz Paktia, in der Nähe von Gardez, im Dezember 2005 auf einem Teppich, unter freiem Himmel, Tee wurde serviert. .. Und wir haben uns unterhalten, ob und wie diese Straße dort das Leben der Menschen verändert. … als Dankbarkeit für den Besuch habe ich zum Schluss einen Turban bekommen, der mir dann von dem Dorfältesten um den Kopf gewickelt wurde. Ich glaube, ich hatte selten ein so stolzes Lachen; natürlich hatte ich das Gefühl, dass das unverdient war, denn ich war weder der Ingenieur dieser Straße noch der Projektmanager. Aber in dem Fall war ich der Repräsentant vor Ort, mit 28 Jahren, und hatte dieses unglaubliche Gefühl: Da kommt mir Dankbarkeit entgegen, die ich stellvertretend annehme und dann auch für die weitere Arbeit mitnehme. (S. 164)
Dieses Beispiel zeigt, wieviel möglich ist und was das auch den Mitarbeitern persönlich bedeutet. Gerade Afghanistan zeigt aber auch, dass es keine Erfolgsgarantie gibt und die Dinge im schlimmsten Fall am Ende in eine völlig andere Richtung abdriften… Vor diesem Hintergrund hat mich aber besonders ein Gedankengang von Ursula Müller berührt, die von 2017-2020 Beigeordnete Generalsekretärin und Stv. UN-Nothilfekoordinatorin war. Sie sagt:
((Ganz besonders)) notwendig (ist es), den Einfluss von Frauen und Mädchen zu stärken – besonders … in humanitären Krisen... Die Gleichung ist einfach. Wenn Sie in Frauen und Mädchen investieren, investieren Sie effektiv in ganze Gemeinschaften. Dies hat sich immer wieder bewährt. Wenn wir Mädchen zur Schule schicken, verbessert sich die Gesundheit der Kinder, und frühe Ehen werden reduziert. Wenn mehr Frauen am bürgerlichen und politischen Leben teilnehmen, sehen wir inklusivere, egalitärere und demokratischere Gesellschaften. Wenn mehr Frauen auf dem Arbeitsmarkt sind, wachsen und diversifizieren sich die Volkswirtschaften, mit besseren Ergebnissen für ihre Familien. Untersuchungen zeigen, dass Frauen bis zu 90 % ihres Einkommens in ihre Familien reinvestieren, verglichen mit 30 bis 40 % bei Männern.
Kurz gesagt, die Unterstützung von Frauen und Mädchen ist ein Ressourcenmultiplikator mit Vorteilen, die sich auf ganze Gesellschaften erstrecken und für viele Generationen Auswirkungen haben. (S. 230)
Das nicht das Recht des Stärkeren regiert, sondern die Stärke des Rechts, das ist Voraussetzung für einen gerechten Frieden, auch und gerade für Frauen und Mädchen. Weil gerechter Frieden weit mehr ist als nur die Abwesenheit von Krieg. Es geht nicht ohne den Schutz vor Gewalt, die Förderung von Freiheit, den Abbau von Not und die Anerkennung kultureller Vielfalt.
Diesen Frieden wird es nur geben, wenn wir ihn wollen –auch gegen alle Widerstände und trotz aller Rückschläge. Und das braucht Kraft, viel Kraft. Als letzte Stimme möchte ich deshalb Silke von Brockhausen zu Wort kommen lassen. Die ist seit 2007 bei der UNO, u.a. beim Kinderhilfswerk UNICEF und arbeitet zur Zeit im Gaza-Streifen. Und sie schreibt:
Es war für mich eine sehr herausfordernde, aber auch unglaublich lehrreiche und erfüllende Erfahrung, die UNO-Ebola-Mission in Sierra Leone 2014 mit aufzubauen und täglich mit praktischen Lösungen zur Krisenkoordination beitragen zu können. Dort habe ich echte humanitäre Helden kennenlernen dürfen, die sich trotz panikverbreitender Medienberichte … und trotz der Ansteckungsgefahr rund um die Uhr selbstlos für andere Menschen eingesetzt haben. ... In diesem Einsatz habe ich einige wichtige Erfahrungen gemacht, zum Beispiel wie wichtig es ist, als externe Helfer notwendige Bescheidenheit und ehrliche Anteilnahme am Schicksal unserer Mitmenschen an den Tag zu legen. Dass wir nachhaltige Lösungen nur im Einklang mit der Bevölkerung finden können und als Außenstehende vor allem Frauengruppen vor Ort zuhören sollten, die oft die tiefsten Einblicke in lokale Machtstrukturen und Gebräuche haben... Gegenseitiges Vertrauen mit Menschen vor Ort aufzubauen, aber auch Geduld und Verständnis sind dabei zentral, um kulturelle Missverständnisse und UN-weite bürokratische Hindernisse zu überwinden. In solchen Extremsituationen zeigt sich auch, wie wichtig es für humanitäre Helfer ist, auf sich selbst zu achten und gute Strategien zu haben, mit Stress umzugehen – sich gesund ernähren, Sport treiben, vielleicht sogar Yoga machen und meditieren. (S. 192f)
Haben sie noch im Ohr, was sich König Salomo von Gott wünscht, als ihm die Größe seiner Aufgabe als König bewusst wird? – Richtig, er wünscht sich ein hörendes Herz. Dieses Herz brauchen wir auch heute, wenn wir wirklich helfen und Not wenden wollen. Wir brauchen dieses hörende Herz, um auf die zu hören, die Hilfe brauchen. Und wir brauchen es im Blick auf uns selbst. Damit wir nicht körperlich oder seelisch an der Größe der Aufgabe zerbrechen.
Und damit komme ich jetzt am Schluss noch einmal auf die Worte Jesu zurück. Denn die Witwe, die penetrant um ihr Recht kämpft, die ist bei Jesus ja ein Bild: Ein Bild dafür, wie wir beten sollten.
Beten aber ist nicht nur ein Ausdruck dafür, was uns am Herzen liegt und was wir wirklich wollen. Zugleich ist das Gebet eine Kraftquelle, die wir brauchen, damit wir nicht an der Größe der Aufgabe zerbrechen. Deshalb: beten wir. Für den gerechten Frieden. Und für uns, damit wir es schaffen, heute tapfer und kraftvoll unseren Teil für den gerechten Frieden tun. Es ist nötig, auch heute. – Also: packen wir’s an – in Gottes Namen.
Amen
Alle Zitate der UNO-MitarbeiterInnen wurden dem Buch von Ekkehard Griep „Wir sind UNO“ Herder, Freiburg 2020² entnommen.
9. August 2026 - Pastor Olav Metz und Dr. Ekkehard Griep, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen
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