Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

Sicherheit sieht anders aus
(Mk 12, 41-44 / Exodus 16, 2-3.10-20)

Liebe Gemeinde,

es gibt Bibeltexte, die klingen in neuen anderen Zeiten plötzlich ganz anders. Ein solcher Text ist für mich das Evangelium dieses Sonntags. Und die Zeit, in der er für mich plötzlich anders klingt, ist jetzt.

Ein Grund dafür ist, dass sich in unserer Kirche etwas tut, und zwar in Sachen Geld. Mit großem personellem, finanziellem und technischem Aufwand wird in den Landeskirchen das Finanzsystem umgestellt, von der einfachen Buchführung, der sogenannten Kameralistik, auf die kaufmännische Buchführung, die sogenannte Doppik.

Groß sind die Ziele, die mit diesem Mammutprojekt erreicht werden sollen: Kontrolle des Ressourcenverbrauchs, Generationengerechtigkeit, Zukunftssicherung…, um nur einige zu nennen. Ländereien, Gebäude und Ausstattungsstücke werden dafür bewertet. Es werden Abschreibungen eingeführt, sogar für Kirchengebäude. Und es müssen zukünftig entsprechende Rücklagen gebildet werden, um diese Wertverluste auszugleichen.

Mit dieser Umstellung geht es den Kirchen - nach meinem Eindruck - vor allem darum, trotz sinkender Mitgliederzahlen durch ‚Ansparen‘ den gewohnten Standard zu halten und so die Zukunft zu sichern. Und vor diesem Hintergrund höre ich die Worte Jesu über die arme Witwe heute neu.

Ich höre neu, dass uns Jesus eine Frau zum Vorbild setzt, die alles weggibt und damit im Sinne unserer Finanzlogik völlig unverantwortlich handelt. Er stellt sie allen, die darauf achten, schon noch genug für sich selbst zurückzubehalten, als positives Beispiel ausdrücklich gegen. Und das geht nicht spurlos an mir vorüber. Denn zu diesen ‚Leuten‘ zählen ich und zählen wir als Kirche augenscheinlich auch.

Wie gehe ich, wie gehen wir mit diesem Widerspruch um? - Um in der Sache einen Schritt weiter zu kommen, möchte ich zunächst noch einmal auf die biblische Geschichte schauen. Auffällig ist hier nämlich, was Jesus nicht kritisiert. Er kritisiert nicht, dass die Leute Geld haben. Und er kritisiert auch nicht, dass im Tempel Geld gesammelt wird, um es an anderer Stelle hilfreich einzusetzen.

Daraus schließe ich: Geld haben und mit ihm umgehen ist in den Augen Jesu offenbar kein Problem. Das Problem ist vielmehr, welche Erwartungen Menschen in ihr Geld und Gut setzen. Denn da gibt es nun einerseits Leute, die mit Hilfe des Geldes ihre Zukunft sichern wollen, die also vom Geld Sicherheit für ihr Leben erwarten. Und es gibt andererseits Menschen wie diese alte Witwe, die auf diese Absicherung verzichten, und die deshalb ihr Geld loslassen und vollständig einsetzen können, einsetzen als Hilfe für andere.

Nicht das Geld an sich ist für Jesus also problematisch, sondern die Sicherheit, die sich die Leute davon versprechen, dass sie es horten. Mit dieser Präzisierung komme ich jetzt zu uns heute zurück und gebe gerne zu: Als Mitteleuropäer des 21. Jahrhunderts gehöre auch ich zu den Vielen, die geben aber zugleich ihren ‚Sicherheitseinbehalt‘ machen und hoffen, dadurch die eigene Zukunft zu sichern. Genau dies ist nun aber auch der Punkt, der mich die Geschichte von der armen Witwe heute neu hören lässt. Weil mir die Hoffnung, dass mein Geld meine Zukunft sichern könnte, gerade unter den Fingern zerrinnt.

Sie zerrinnt mir, weil wir, wie keine Generation vor uns, unsere Lebensgrundlagen auf dieser Erde zerstören. Ich habe das im Urlaub im Moseltal bei 39 Grad gerade hautnah gespürt. Diese Entwicklung, die trauriger Weise bis heute von der menschlichen Gier nach Besitz und Sicherheit befeuert wird, macht unsere Zukunft mehr als unsicher. Und wir werden sie mit keinem Geld der Welt wieder rückgängig machen können; wir können nur noch versuchen, die Folgen abzumildern.

Die Sicherheit, die wir angesichts dieser Entwicklung gerne hätten, ist nicht für Geld zu haben. Und so skurril es klingt: Man hat den Eindruck, das Geld selber weiß an dieser Stelle um seine Wirkungslosigkeit und wird deshalb einfach immer weniger wert. Es ist wie mit dem Manna in der Exodusgeschichte: Es verdirbt und nützt niemandem mehr.

Was können wir dagegen tun, als einzelne, als Gesellschaft, als Kirche? - Noch einmal betone ich an dieser Stelle, dass Jesus nicht das Geld oder den Umgang mit ihm kritisiert, sondern die Erwartung, dass wir dadurch Sicherheit für unser Leben schaffen können. Und einer, der diesen Gedanken heute für unsere Zeit neu denkt, ist Christian Felber. Denn auch er hat – wie Jesus – eine Vision vom Zusammenleben der Menschen.

Er möchte, das Geld und Vermögenswerte nicht länger zum Selbstzweck werden, sondern (wieder) zu Mitteln werden, die nicht eigennützig dem Wohl einiger weniger dienen, sondern dem Wohl aller und dem Wohl der ganzen Erde. Gemeinwohlökonomie heißt sein Konzept deshalb und diesem Gemeinwohl soll auch das Geld wieder dienen. Das kann es aber nur, wenn man es nicht sammelt wie die Israeliten das Manna in der trügerischen hoffen, dadurch was für morgen zu haben. Sondern indem man es für das Gemeinwohl einsetzt wie die alte Witwe. Das Buch, das Christian Felber dazu geschrieben hat, ist das zukunftsweisendste, das ich in der letzten Zeit gelesen habe, und ich möchte es ihnen deshalb dringend zur Lektüre empfehlen. Ich glaube, das ist Ökonomie im Sinne Jesu.

Und damit komme ich jetzt wieder auf uns als Christen und auf uns als Kirche zurück. Wenn wir unseren Glauben wirklich ernst nehmen, dann sollte uns eigentlich schon immer klar gewesen sein: Wir Menschen können unsere Zukunft nicht sichern. Weil die Zukunft nicht in unserer Hand liegt, sondern in Gottes Hand.

Das heißt nicht, dass wir nichts für eine gute Zukunft tun könnten. Im Gegenteil. Hier wartet reichlich Arbeit auf uns. Aber gerade wir als Christen sollten davon nicht Sicherheiten fürs Leben erwarten, die auch noch mit angehäuftem Geld und Gut zu erkaufen wäre.

Wie das ganz praktisch und ganz konkret aussehen kann, das hat mir Elsa Böhm gezeigt, die wir letzte Woche zu Grabe getragen haben. Nach dem Tod ihres Mannes und ihres Sohnes, hat sie ihr Haus verkauft. Aber nicht an den Meistbietenden, sondern an ein junges Ehepaar.

Sie ist im Haus wohnen geblieben und sie war so die letzten Jahre gut begleitet. Und ein junges Paar hat hier Wohnraum gefunden, dass sich das sonst, bei den Preisen hier, nicht hätte leisten können. So hat sie mit ihrem Vermögen dem Gemeinwohl gedient. Noch zu ihrem Geburtstag im Frühjahr hat sie mir erzählt, wie glücklich sie ist, das gemacht zu haben. Und ich bin sicher, das ist es, worauf es im Sinne Jesu ankommt.

Meine Hoffnung ist, dass wir als einzelne und besonders als Kirche neu lernen, so im Sinne Jesu zu leben und dem Nächsten und dem Gemeinwohl zu dienen. Ich hoffe, dass wir klug genug sind, mit unserer Kraft und mit unserem Vermögen nicht trügerische Sicherheiten zu schaffen, sondern dass wir Gott vertrauen und dann alles, was wir haben, für unsere Welt und unseren Nächsten einsetzen.

Ich weiß, dass das ein erhebliches Umdenken erfordert. Aber die traditionellen ökonomischen Denkmuster werden uns keine Sicherheit mehr geben können. Es lohnt deshalb das Wagnis, im Geiste Jesu neu zu denken und neu zu handeln. Und die Zeit dafür ist jetzt.

Amen

 

7. August 2022 - Pastor Olav Metz