Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

Große Schwächen - Starke Geschichten
(2. Korinther 12, 1-10)

Liebe Gemeinde,

meine Kraft ist in den Schwachen mächtig: diese Worte aus unserem heutigen Predigttext kennen Sie sicherlich alle; es sind geradezu geflügelte Wort. Vielleicht werden sie bei der Lesung aber auch gemerkt haben, dass die Übersetzung etwas anders war, als wir sie von Martin Luther kennen. Und bevor wir schauen, was diese Worte heute für uns bedeuten können, möchte ich kurz erklären, warum ich hier etwas anders als Luther übersetze.

Da ist zunächst die Sache mit der Schwachheit, asthenaia im Griechischen: Luther übersetzt das mit die Schwachen. Eigentlich heißt astheneia aber eher Schwachheit. Oder besser noch Kraftlosigkeit oder Ohnmacht.

Nun ist die Übersetzung die Schwachen grundsätzlich möglich. Die Schwierigkeit ist nur, dass dann das Prädikat des Satzes nur noch in dem Wörtchen ist besteht: ist in den Schwachen mächtig. Eigentlich lautet es aber teletei und das meint, etwas ans Ziel bringen, etwas erfüllen oder vollenden. So wie Jesus am Ende am Kreuz sagt: Es ist vollbracht.

Ich habe den Vers etwas anders übersetzt, damit das wieder herauszuhören ist und der Satz lautet dann: Der Herr spricht: Lass Dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft kommt in der Schwachheit zur Vollendung. (2. Kor 12, 9)

Was bedeuten diese Worte für uns heute? – Lassen sie mich zunächst sagen, was sie nicht bedeuten:

Zunächst einmal sind sie keine versteckte Kritik an den Starken nach dem Motto: Stark sein ist gut, aber Schwachsein ist bei Gott eigentlich besser. Es geht nicht darum, denen ein schlechtes Gewissen zu machen, die kraftvoll anpacken, so, wie ja auch Paulus selber es getan hat.

Diese Worte sind auch keine billige Entschuldigung für diejenigen, die die Hände in den Schoss legen und nichts tun. Und sie sind auch nicht dazu geeignet, die Dinge einfach Gott zu überlassen. Denn seine Kraft ist ausdrücklich nicht jenseits der Schwachheit mächtig, sondern sie kommt in den Schwachen bzw. in der Schwachheit zur Vollendung.

Meine Kraft kommt in der Schwachheit zur Vollendung: Wie das konkret aussehen kann, das möchte ich ihnen jetzt mit einer kleinen Geschichte erzählen. Und ich sage gleich: Auch wenn diese Geschichte zunächst wie ein Märchen klingt, sie ist wahr und genau so geschehen.

Es war einmal ein König, der über viele Jahre nach bestem Wissen und Gewissen ein großes Reich regiert hatte. Als der König starb, bestieg der älteste seiner Söhne den Thron. Und er übernahm das Amt in schwere Zeiten, denn es drohte Krieg.

Der neue König aber nahm die Amtsgeschäfte nicht sonderlich ernst. Er führte ein ausschweifendes Leben. Und wenn man in guten Zeiten über seinen lockeren Lebenswandel vielleicht noch hinweggesehen hätte, jetzt machte ihn dieser untauglich für das Königsamt. So musste er nach kurzer abdanken und sein jüngerer Bruder wurde König.

Dieser war aus anderem Holz geschnitzt: Er erkannte die Zeichen der Zeit. Er war sich seiner Verantwortung bewusst. Und er wusste, was seine Aufgabe war: Das Volk einen, ihm Mut machen und ihm eine Stimme geben. Das Volk brauchte gerade jetzt sein Wort denn sein Wort hatte Gewicht.

Das Schlimme war nur: Er konnte nicht reden. Er stotterte. Schon im kleinen Kreis hatte er Mühe, etwas fehlerfrei zu sagen. Auftritte vor Publikum aber gerieten ihm regelmäßig zum Fiasko. Und jetzt sollte er vor dem ganzen Volk reden und sogar im Radiosprechen… – Ja, er war König. Und er wurde gebraucht. Aber er versagte, weil er stotterte!

Das ist die Geschichte von George VI., der 1936 kurz vor Beginn des zweiten Weltkriegs zum englischen König gekrönt wurde. Seine Geschichte ist 2010 in einem beeindruckenden Film nachgezeichnet worden: The King’s speech – Die Rede des Königs. Und ich glaube, seine Geschichte ist ein Wegweiser zu Paulus und zu dem, was er uns mit seinen Worten über die Schwachheit sagen will.

Paulus erging es nämlich ganz ähnlich wie George VI.: Er wusste um seine Verantwortung. Er mühte sich nach Kräften. Aber seine Worte fanden nicht das gewünschte Gehör. Seine Reden waren – anders als seine Briefe –kraftlos und fad.

Genauso wie George VI. litt Paulus unter diesem eigenen Unvermögen. Beide werden deshalb wütend, geradezu cholerisch. Beide ironisieren sich selbst: Paulus bezeichnet sich als Narr - und redet in unserem Predigttext auch so. Und der König stellt sarkastisch fest, dass er als George der Stotterer in die Geschichte eingehen wird. Im Film wird auch gezeigt, wie der König mit Verzweiflung und Resignation zu kämpfen hat. Und ich bin sicher, dass es solche Momente auch bei Paulus gegeben hat.

Menschen, die unter ihrem eigenen Unvermögen leiden, weil sie um ihre Verantwortung wissen, weil sie so viel mehr wollen und es nicht schaffen: Ich glaube, diesen Menschen gilt Paulus‘ Satz: Lass Dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft kommt in der Schwachheit zur Vollendung. Und was diese Zusage bewirken kann, das können wir nochmals bei Paulus und George VI. sehen.

Beide resignieren nämlich nicht ab, sondern stellen sich: ihrer Schwachheit und ihrer Verantwortung. Der König findet einen Lehrer, der ihn fortan begleitet. Gemeinsam suchen sie nach Brücken, die helfen: Singen z.B. oder sich selbst beim Reden nicht hören. Er bezieht den Körper mit ein. Er bezieht die Verletzungen seiner Kindheit mit ein. Und er übt, übt, übt.

Und auch Paulus redet trotzdem, nimmt Hohn und Spott in Kauf und macht weiter um der Sache Willen und im Vertrauen auf Gottes Gnade.

Lass Dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft kommt in der Schwachheit zur Vollendung. - Es ist keine rhetorisch starke Rede, die George VI. am 3. September 1939 im Radio hält, als England in den Krieg eintritt. Sie ist nicht perfekt. Aber sie ist wahrhaftig, nicht zuletzt deshalb, weil jeder weiß, welche unendlichen Mühen ihm diesen Worten gekost haben.

Und darin, so glaube ich, zeigt sie sich die Kraft, die in der Schwachheit zur Vollendung kommt: Wenn ich das, was zu tun ist, zu tun wage, auch wenn ich ganz genau um meine Schwächen weiß, dann kann es geschehen, dass ich in aller Schwäche mehr zu bewegen vermag, als ich jemals für möglich gehalten hätte.

Nicht, weil ich perfekt bin. Wohl aber, weil ich glaubwürdig bin.
Nicht, weil ich vollkommen bin. Wohl aber, weil ich wahrhaftig bin.
Nicht, weil ich stark bin. Wohl aber, weil seine Kraft auch in meiner Schwäche zu wirken vermag.

Wenn ich es schaffe, so mit meinem eigenen Imperfekten, meinen eigenen Unvollkommenheiten, meinen eigenen ‚Behinderungen‘ zu leben, dann lebe ich aus der Gnade Gottes. Und ich denke, diese Gnade brauchen wir alle, weil wir alle auf diese oder jene Weise unsere „Störungen“ haben.

Deshalb gilt dieser Satz uns allen: Lass Dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft kommt in der Schwachheit zur Vollendung. Es ist unsere Aufgaben, dieser Gnade zu vertrauen. Damit wir unserer Verantwortung heute gerecht werden können. Und damit wir dann das Nötige und uns Mögliche heute tapfer tun. Genauso, so wie Paulus und George VI. zu ihrer Zeit.

Amen

 

 

30. Juni 2024 - Pastor Olav Metz

 

Wenn Sie auf die Predigt reagieren möchten, schreiben Sie einfach eine Email an moenchgut@pek.de. - Ich freue mich über Rückmeldungen.