Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

Einfach gehen?!
(Lk 9, 57-62 / Prediger 3)

Liebe Gemeinde,

genau 20 Jahre ist es her, da war ich mit meinen Eltern in Hinterpommern unterwegs. Stettin, Kolberg, Leba, Dramburg waren einige Stationen dieser Reise. Viele Eindrücke dieser Reise sind mir bis heute in lebhafter Erinnerung. Und ein Grund dafür ist wohl, dass dies eine Reise in die Vergangenheit war. Denn meine Mutter stammt aus Hinterpommern. Und gemeinsam mit ihr haben wir auf dieser Reise einige Stationen ihrer Kindheitsgeschichte, ihrer Familiengeschichte und ihrer Fluchtgeschichte von 1945 noch einmal besucht.

Es war die Reise in eine Zeit, in der für meine Mutter unendlich viel verloren ging: Die Heimat, die Familie als sicherer und schützender Raum und die Orte der Familiengeschichte. 12 Jahre war sie da gerade alt. Wie tiefgreifend diese Verluste waren, das habe ich erst durch diese Reise wirklich begriffen. Denn wer Heimat und Geschichte und Familie verliert, dem geht ein Teil der eigenen Identität verloren. Und meine Mutter hat dieser Verlust ihr Leben lang nicht mehr losgelassen.

Gerade deshalb bin ich aber froh, dass wir diese Reise damals gemacht haben. Denn ich habe meine Mutter seitdem besser verstanden. Und ich glaube, auch für sie war es ein Segen, sich zu erinnern und manches endlich auszusprechen zu können.

Die Heimat verlassen müssen. Die Orte der eigenen Geschichte aufgeben müssen. Und die Familie als schützenden Raum verlieren: – Mit diesen Erfahrungen aus der Geschichte meiner Mutter komme ich auf unseren Predigttext aus dem Lukasevangelium. Weil Jesus mit seinen Worten genau dies fordert:

Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann. Damit sagt er: Wer mir nachfolgt, der wird keine Heimat, kein Zuhause mehr haben.

Lass die Toten ihre Toten begraben. So sagt Jesus dem, der seinen Vater zu Grabe tragen will. Das ist der Abschied von der eigenen Geschichte. Denn ursprünglich sind wir dort zu Hause, wo unsere Vorfahren begraben sind.

Und: Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes. Das sagt Jesus dem, der sich von seiner Familie verabschieden will. Und das ist der wohl radikalste Bruch mit der Familie: Zu gehen ohne auf Wiedersehen zu sagen.

Abschied nehmen von der Heimat, von der eigenen Geschichte und von der Familie. - Wie kann Jesus so etwas verlangen, er, dem das achtsame Miteinander der Menschen untereinander doch so wichtig ist? Wie kann er sowas wollen? – Auf der Suche nach einer Antwort möchte ich den Predigttext zunächst kurz zur Seite legen und auf den Lesungstext aus dem Alten Testament schauen, von dem sie sicherlich noch einige Verse im Ohr haben:

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:
Geboren werden hat seine Zeit und sterben hat seine Zeit;
pflanzen hat seine Zeit und ausreißen hat seine Zeit;
abbrechen hat seine Zeit und bauen hat seine Zeit;
weinen hat seine Zeit und lachen hat seine Zeit;
klagen hat seine Zeit und tanzen hat seine Zeit;
Steine wegwerfen hat seine Zeit und Steine sammeln hat seine Zeit;
Gott aber hat alles schön gemacht zu seiner Zeit und allen Dingen die Ewigkeit ins Herz gelegt. (Prediger 3)

Diese Worte kann man auf zweierlei Weise verstehen. Eine Möglichkeit ist, sie als Mahnung zu hören: Vergiss nicht, das Leben hat nicht nur Sonnenseiten. Auch die Schattenseiten gehören zum Leben dazu. Und du bist gut beraten, wenn du dich beizeiten daran gewöhnst, dass es nicht nur geboren werden, bauen, lachen und tanzen gibt, sondern auch sterben, einreißen, weinen und klagen.

Aber so wahr das natürlich ist: Ich glaube, diese Deutung greift zu kurz, weil die Weisheit, die darin steckt, dann doch eher banal wäre. Ich glaube vielmehr, dass uns diese Worte mehr sagen wollen. Dies nämlich, dass es für alles – im Fröhlichen wie im Traurigen - einen richtigen Zeitpunkt gibt. Für das Geborenwerden genauso, wie für das Sterben. Für das Lachen genauso wie für das Weinen. Für das Einreißen genauso wie für das Bauen.

Die griechische Sprache hat für diesen richtigen Moment sogar ein eigenes Wort. Es ist der Kairos. Den Kairos zu finden, das heißt zum Beispiel, nicht zu lachen, wenn mir eigentlich zum Heulen ist, und nicht zu klagen, wenn es mir eigentlich gut geht, sondern mit den Lachenden zu lachen aber auch mit den Weinenden zu weinen. Denn ob wir weinen oder lachen, ob wir klagen oder tanzen, ob wir geboren werden oder sterben, nichts von all dem ist grundsätzlich verkehrt. Verkehrt kann nur der Zeitpunkt sein, an dem wir dies oder jenes tun oder dies und jenes mit uns geschieht. Weil all dies auch zur Unzeit geschehen kann.

Mit diesem Gedanken komme ich jetzt wieder auf unseren Predigttext zurück und deute die Worte Jesu in diesem Licht so: Es ist nicht grundsätzlich verkehrt ein Zuhause zu haben. Es ist auch nicht grundsätzlich falsch, die Eltern zu begraben und ihr Grab in Ehren zu halten. Und es ist auch nicht gegen Jesu Gebot, meine Familie gern zu haben und mich - wenn ich gehe - zu verabschieden. Denn all dies gibt auch uns als Christen ein großes Stück unserer Identität.

ABER: Manchmal gibt es Momente, in denen all diese Bindungen zu eng werden. Denn unsere Identität lebt eben nicht nur von dem, was wir familiär und geschichtlich mitbekommen haben, sondern genauso davon, wer wir aus uns heraus sind und wer wir werden können. Wenn das nicht mehr möglich ist, dann ist der Kairos da, aus alten Bindungen aufzubrechen. Weil uns diese dann nicht mehr helfen, sondern uns fesseln. Und das hat direkt etwas mit dem Glauben zu tun. Denn Glauben heißt, dass wir gerade dann darauf zu vertrauen wagen, dass Gott uns hält und trägt, selbst wenn alle anderen Bindungen fragwürdig werden oder gar zerbrechen.

Ob wir aber aufbrechen oder ob wir bleiben, darüber entscheidet der Augenblick, der Kairos. - Für meine Mutter war der Aufbruch damals gewiss nicht der Kairos. Und die Traumata, die sie und viele andere erlitten haben, die zeigen auf erschütternde Weise, dass das alles damals eine grenzenlose körperliche und seelische Überforderung war.

Nicht verschweigen will ich aber, dass sich für meine Mutter selbst auf diesem traumatischen Weg gezeigt hat: Der Glaube kann selbst dann noch Halt und Hilfe sein. Für sie waren es die Kirchenlieder, die sie auswendig konnte und auf der Flucht gesungen hat. Und ich weiß um viele Flüchtlinge, für die in dieser Zeit der Glaube in ähnlicher Weise zum letzten verbleibenden Halt geworden ist, genauso, wie es der 34. Psalm beschreibt, den wir eingangs gesprochen haben.

Und was bleibt für uns festzuhalten, für uns, die wir in einer ganz anderen Zeit und Lebenswelt stehen? – Ich möchte auf diese Frage mit zwei Wünschen antworten.

Erstens wünsche ich mir, dass wir unsere Heimat, unsere Geschichte und unsere Familien achten und in Ehren halten und als ein großes Geschenk verstehen. Wie wertvoll und gar nicht selbstverständlich sie sind, das ahnen wir heute vielleicht sogar wieder mehr als noch vor 5 oder 10 Jahren. Sie sind ein hohes Gut und es wäre Sünde, sie zur Unzeit verlassen zu wollen.

Zweitens wünsche ich mir aber, dass wir dennoch im richtigen Augenblick aufzubrechen wagen, dass wir Heimat, Geschichte oder Familie zu verlassen wagen, wenn diese Bindungen zu eng werden. Das Gewohnte kritisch zu hinterfragen und sich gegebenenfalls auch davon zu lösen, das wird immer wieder nötig sein, wenn der Kairos es erfordert und wenn wir weiterkommen wollen, persönlich, in unserer Familie aber auch in unserer Gesellschaft.

Jesus nachfolgen heißt für mich deshalb, den Kairos zu erkennen: Für das Aufbrechen genauso wie für das Bleiben. Für das Lachen genauso wie für das Weinen. Für das Geborenwerden genauso wie für das Sterben. Wenn ich da den richtigen Weg wähle, dann folge ich Jesus nach. - Gebe Gott seinen Segen, dass mir und das uns allen das gelingt.

Amen

12. März 2023 - Pastor Olav Metz

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