Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

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Wessen Geistes Kind sind wir?
(2. Tim 1, 6-8.13-14)

Liebe Gemeinde,

wessen Geistes Kind sind wir, wir als Kirche, wir als christliche Gemeinde? Welcher Geist leitet uns, wenn wir heute unsere frisch renovierte Pfarrscheune offiziell in Gebrauch nehmen? Und welchem Geist vertrauen wir, wenn wir heute Hilda Dumrath taufen?

Folge ich Paulus und seinen Worten aus dem 2. Timotheusbrief, dann sollen wir uns als erstes erinnern. Erinnere dich, so rät er seinem Freund Timotheus. Und mit dem neuen Pfarrarchiv wollen wir genau dies: Uns erinnern und diese Erinnerungen auch für kommende Generationen bewahren.

Wessen Geistes Kind sind wir? – Als Antwort auf diese Frage, habe ich mir in der letzten Woche im Pfarrarchiv vier Archivalien ausgesucht, die auf ihre Weise von dem Geist erzählen, der uns leiten soll. Und das erste Stück ist diese Akte hier.

„Impflisten“ steht da drauf und es sind auch Impflisten drin. Diese stammen aber nicht etwa aus dem Jahre 2021 sondern sind gute 200 Jahre älter: Magister Odebrecht, von 1801 bis 1820 Pfarrer in Groß Zicker, berichtet hier über die Pockenimpfung auf Mönchgut. Und aus der Zeit von Pastor Ehrenfried Schulz (1828-1844 Pastor in Groß Zicker) stammen die Auflistungen der geimpften und nicht geimpften Kinder.

Welcher Geist hat die Pastoren und die Gemeinde damals geleitet? – Um es mit den Worten unseres Bibeltextes zu sagen: Es war nicht ein Geist der Angst, sondern ein besonnener Geist, der mit Kraft und mit Liebe nach Lösungen sucht. Dieser Geist ist damals zum Segen geworden, denn trotz aller Komplikationen und Impfdurchbrüche, die es auch damals gab, ist diese Impfung entscheidend dafür gewesen, dass die Pocken als Volksseuche ausgerottet werden konnten.

Ich finde, genau diesen Geist brauchen wir auch heute. Und für mich sind die Pastoren von damals ein eindrückliches Beispiel dafür, dass man auch vor so schwierigen Dingen wie einer Pandemie nicht in Angst erstarren muss, sondern besonnen mit ihnen umgehen kann. Das brauchen wir auch heute.

Wessen Geistes Kind sind wir? – Ein zweiter Hinweis steckt in diesem Bild hier. Auf ihm ist – neben der Zickerschen Kirche - Emil Steurich zu sehen, der von 1887 bis 1921 Pastor in Groß Zicker war. In den 34 Jahren seines Dienstes hat gerade er unendlich viel für die Erhaltung der Kirchen und für die Erhaltung der Volkskultur auf Mönchgut getan. Und auch die erste Sortierung des Pfarrarchivs, auf der wir bis heute fußen, ist zu seiner Zeit durch den Pfarrvikar Tausch vorgenommen worden.

Emil Steurich wusste, wie wichtig es ist, sich seiner Wurzeln bewusst zu sein. Dieses geistige und geistliche Anliegen hat ihn geleitet. Und deshalb hat er den Mönchgutern damals einen kräftigen Spruch ins Stammbuch geschrieben. Er hat nämlich gesagt: Haltet fest an Eurer Tracht, an Eurer Eigenart, an Eurem Land! Was ihr aufgebt, ist unwiederbringlich verloren, und aus Euch wird ein Geschlecht von Reiseführern, Lohndienern und Hausknechten!

Ohne den Reiseführern, Lohndienern und Hausknechten von heute damit Unrecht tun zu wollen: Ich habe den Eindruck, es ist genau das geschehen, was Emil Steurich damals befürchtet hat: Von dem, was Mönchgut vor 100 Jahren ausgemacht hat, ist – mal abgesehen von der Landschaft nicht mehr viel übrig. Und ich empfinde auch die Zerstörung seiner historischen Grabstelle als ein besonders trauriges Zeichen für diese Entwicklung.

Umso wichtiger ist es, das, was noch da ist, zu schützen und zu bewahren. Und ich sage ausdrücklich: Dazu gehört für mich im Sinne Steurichs nicht nur die Volkskultur, sondern auch der christliche Glaube, denn das ist der Geist, der auch unsere Mönchguter Region geprägt hat.

Wessen Geistes Kind sind wir? - Ein dritter ‚Aufhänger‘ aus dem Pfarrarchiv ist dieses Plakat hier: Sie kennen das Symbol sicherlich: Schwerter zu Pflugscharen war das Zeichen der kirchlichen Friedensbewegung in den 80er Jahren. In welchem Zusammenhang dieses Plakat entstanden ist, weiß ich gar nicht. Ich vermute aber, dass Frieder Jelen es damals in Middelhagen oder Göhren aufgehängt hat.

Auch dieses Symbol ist für mich ein Zeichen für den Geist, der uns leiten soll: Nicht Furcht soll uns bestimmen und am Ende womöglich resignieren lassen, sondern der liebevolle – also gewaltfreie – aber zugleich kraftvolle – also engagierte – Kampf für unsere Heimat und für unsere Welt, für die Menschen auf Mönchgut und für unser Miteinander auf dieser Erde. Ich glaube, auch diesen Geist brauchen wir heute ganz dringend.

Mit welchen Mittel wir das tun – und da denke ich jetzt besonders an den Hungerstreik der Jugendlichen für das Klima - das bleibt immer wieder neu abzuwägen. Deutlich zeigt diese Aktion aber, wie dringlich unser Handeln heute gefordert ist. Und dem dürfen wir uns als Gesellschaft im Allgemeinen und als Christen im Besonderen nicht entziehen.

Wessen Geistes Kind sind wir? - Ein letzter geistlicher Hinweis aus unserem Archiv ist dieser Druck hier. Entstanden ist er 1997 zur damaligen Jahreslosung. Und die lautete: Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme Schaden an seiner Seele.

Ich hoffe, auch auf Entfernung ist zu erkennen, dass die Illustration auf diesem Druck das Pfarrwitwenhaus zeigt. Und das ist nochmal ein Zeichen für den Geist, der uns leiten soll: Angesichts dieses alten Hauses, in dem ja noch in den 80er Jahren jemand gewohnt hat, stellt sich mir immer wieder die Frage, was wir zum Leben wirklich brauchen. Wer kritisch mit sich selber ist, der wird sicher einräumen: Vieles, was ich gewonnen habe oder gewinnen will, was ich habe und haben will, wirklich lebensnotwendig ist das nicht.

Und dies nicht nur im rein äußerlichen Sinn, sondern auch innerlich. Dass wir viel haben bedeutet nämlich nicht, dass wir glücklich werden. Und viel Besitz heißt auch nicht, dass mein Leben am Ende sinnvoll und erfüllt ist.

Bei uns selbst bleiben wir nicht durch äußere Dinge, sondern nur durch unsere innere Haltung, durch den Geist, in dem wir unser Leben gestalten. Und damit komme ich jetzt zu Hilda und ihrer Taufe. Denn der Taufspruch, den ihr als Eltern für Hilda ausgesucht habt, der bringt in einem Satz auf den Punkt, was es heißt, Christ zu sein und in seinem Geist zu leben. Jesus sagt da nämlich: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

In diesem Satz steckt, der Kern des christlichen Glaubens. Und das ist das Vertrauen darauf, das der Gott uns begleitet und an unserer Seite ist und bleibt, egal an welcher Stelle des Lebens wir gerade stehen.

Mit diesem Gottvertrauen sind wir als Christen hier auf Mönchgut nicht in der Mehrheit. Besonders wichtig ist es deshalb, sich dessen nicht zu schämen, sondern diesen Glauben selbstbewusst und liebevoll in die Welt zu tragen. Wenn das gelingt, dann wohnt der Geist Gottes in uns. Wir bewahren mit ihm, was unsere Altvorderen getragen hat und was uns heute genauso tragen und stark machen kann: Die Kraft, die Liebe und die Besonnenheit, die nicht in den Ängsten untergeht, sondern mutig weitergeht.

Dieser Geist Gottes möge Hilda begleiten auf dem Weg ihres Lebens. Und er möge uns alle begleiten. Und wer da mal ins Zweifeln kommt und keine Kraft und keinen Mut mehr hat, der sollte mal in unser Pfarrarchiv schauen. Da gibt es nämlich noch viel mehr Akten und Archivalien, die eindrücklich davon erzählen, was dieser Geist bewirken kann. Mir macht das jedenfalls immer wieder Mut. Und diesen Mut, den brauchen wir alle.

Amen

 

 

19. September 2021 - Pastor Olav Metz