Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

Pfingsten 2024
(Acta 2, 1-18 / Joh 14, 15-27)

Liebe Gemeinde,

wissen sie, welche religiösen Gemeinschaften derzeit am stärksten wachsen? – Nein, nicht der Islam, wie mancher vielleicht vermuten würde. Am stärksten wachsen die Pfingstkirchen, also die Glaubensgemeinschaften, die sich in besonderer Weise vom Heiligen Geist inspiriert fühlen. Besonders in Afrika und Südamerika breiten sie sich aus, füllen ganze Fußballstadien und bauen neue Kirchen. Und ihre geistbewegten Gottesdienste sind oftmals schon sehr beeindruckend.

Nun können wir uns natürlich freuen, dass mit den Leipzig Gospel Singers & Band etwas von diesem Flair in unserem Pfingstgottesdienst heute spürbar wird. Und dafür erstmal herzlichen Dank! Wissen tun wir alle aber auch: Wir in Deutschland und Europa sind von diesem Wehen des Geistes ansonsten offenbar ziemlich weit entfernt. Hier weht kein Lufthauch, sondern hier ist – so scheint es - eher die Luft raus. Gemeinden schrumpfen. Die Kirche ist zuweilen nur noch eine Verwaltungsbehörde. Und viele Leute haben das Gefühl, das diese Institution doch sowieso nichts mit ihnen und ihrem Leben zu tun hat.

So seltsam es nun aber klingen mag: Mit dieser Situation sind näher an den Jüngern und der Pfingstgeschichte von damals dran, als man denken würde. Und die Pfingstgeschichte weist uns extra darauf hin, denn da heißt es ausdrücklich, dass all das, was uns erzählt wird, in den letzten Tagen geschieht.

In den letzten Tagen, damit sind die 50 Tage zwischen Pessach und Schawuot gemeint – bei uns in etwa die Zeit zwischen Ostern und Pfingsten. Im Unterschied zu unserer Osterzeit, ist dies im jüdischen Festkalender aber keine Freudenzeit, sondern eine Trauerzeit: In dieser Zeit denk man an die Verstorbenen. Man feiert nicht groß und heiratet z.B. auch nicht.

Zu dieser Zeit gehörte für die Jünger damals also nicht etwa nur die Botschaft von Ostern und die Begegnung mit dem Auferstandenen. Zugleich gehörten alle Zweifel und alle Verunsicherung dazu, bei den Frauen am Grab, bei Thomas und bei Petrus, bei den Emmausjüngern und all den anderen damals direkt Beteiligten.

Zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Verzweiflung und Vertrauen standen die Jünger damals. Und genau das finde ich bei uns heute wieder, in der ev. Kirche in Deutschland genauso wie in unseren pommerschen Gemeinden. Damit sind wir aber ganz dicht an der Pfingstgeschichte dran. Und etwas vollmundig könnt man deshalb vielleicht sogar sagen: wer, wenn nicht wir, sind deshalb geradezu prädestiniert für das Wunder von Pfingsten heute?!

Nun beschreibt die Bibel sehr eindrücklich, was da damals abging. Gottes Geist hielt Einzug. Er befeuerte und beflügelte die Jüngerinnen und Jünger, so sehr, dass alle Schwierigkeiten und Widrigkeiten des Alltags sie nicht mehr stoppen konnten und etwas in Gang kam, was bis heute weiterwirkt. - Ob das bei uns genauso zu erwarten ist...? Immerhin sind wir hier in Pommern und da ist schon die Gemütslage in der Regel etwas anders…

Aber trotz aller Schwierigkeiten aufbrechen, in seinem Geist den eigenen Weg mutig gehen, dafür gibt es auch mitten unter uns kraftvolle Beispiele. Und ein Beispiel dafür seid ihr, unser Eisernes Hochzeitspaar Renate und Hartmut Gums.

Vor 65 habt ihr beiden in Baabe geheiratet. Und eure Hochzeit damals, die war genau dies: Eure Antwort auf all die Schwierigkeiten und Unsicherheiten, vor und in denen ihr damals standet. Eure Antwort war damals eine wirklich pfingstliche. Sie lautete: Jetzt erst recht! Und der Spruch, den ihr euch damals als Trauspruch ausgesucht habt, der unterstreicht genau dies. Er lautet nämlich: Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. (Hebräer 10, 35)

Das ist Pfingsten, denn Pfingsten bedeutet, das Vertrauen nicht wegzuwerfen. Trotz aller Zweifel und Probleme, trotz aller Unsicherheiten und aller offenen Fragen am Vertrauen zu sich selber und zueinander, zum Leben überhaupt und zu Gott festzuhalten, das ist das Geheimnis von Pfingsten und das Geheimnis eurer Ehe. Und mit 65 reich gefüllten Jahren, mit Kindern und Schwiegerkindern, mit 7 Enkeln und 13 Urenkeln seid ihr im Sinne eures Trauspruches für dieses Vertrauen auch reich belohnt worden.

Wenn ich eure Erfahrung aus 65 Lebensjahren jetzt auf uns als Kirche und Gemeinde übertrage, dann bedeutet das: Pfingsten heißt, dass auch wir heute unser Vertrauen nicht wegwerfen. Auch wir können – wie ihr damals – sagen: Jetzt erst recht! Und dann kann es auch bei uns losgehen.

Dafür müssen wir aber jetzt noch zwei Dinge klarkriegen. Das erste ist: Wir müssen klarkriegen, was wir wollen. Im Bibeltext heißt es nämlich ausdrücklich: Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure jungen Männer (und ich ergänze: auch die Frauen) werden Visionen haben und eure Alten werden Träume habe. Und das bedeutet: Wir brauchen Hoffnungen, wir brauchen Träume und Visionen.

In der Zukunftswerkstatt, die es seit diesem Jahr in unserer Gemeinde gibt, passiert genau dies: Es werden Visionen entwickelt und neue Wege gesucht. Und weil Pfingsten ja bedeutet, dass der Heilige Geist nicht nur auf den Pastor oder auf ein paar Gemeindeglieder in der Zukunftswerkstatt ausgegossen wird, sondern auf alle, deshalb werde ich jetzt eine kleine Predigtpause machen.

In dieser Pause soll es jetzt aber nicht still werden, im Gegenteil. Ich bitte sie vielmehr, mit ihren Nachbarinnen und Nachbarn ins Gespräch zu kommen, ins Gespräch über ihre Träume und Visionen für unsere Kirche und unsere Gemeinden, für unseren Glauben und unsere Welt. Suchen sie nach Träumen und Visionen und bringen sie sie ins Gespräch. Und nach der Pause würde mich dann interessieren, was ihnen da eingefallen ist.

(Pause)

Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure jungen Männer und Frauen werden Visionen haben und eure Alten werden Träume habe. - Wenn wir Träume und Visionen haben, ist dies ein Zeichen für das Wirken des Heiligen Geistes. Ob der wirkt und durch ihn auch bei uns Pfingsten ist, das würde ich jetzt gern herausfinden, indem ich sie einfach frage: Haben sie Träume und Visionen? Und wenn ja: Welche?

(Antworten)

Ich danke ihnen und freue mich, dass wir offenbar durchaus nicht geist- und ideenlos sind. Es gibt Träume und Hoffnungen mitten unter uns. Und die zeigen: Der Geist Gottes ist auch heute unter uns lebendig auch wenn es vielleicht bei uns nicht ganz so enthusiastisch zugeht wie in den Pfingstkirchen. Dass hätten wir damit schon mal klar.

Ein zweites zeigt Pfingsten nun aber auch: Wir müssen unseren Teil tun, damit diese Visionen Hand und Fuß bekommen. Wir müssen den Mund aufmachen und unsere Hände und Füße rühren. Wir müssen uns raustrauen, so, wie die Jünger damals. Nicht immer werden wir damit verstanden werden. Das war schon bei den Jüngern damals so. Aber nur so hat sich ihnen die Zukunft geöffnet und nur so kann sie sich auch uns öffnen.

Was zu machen ist oder genauer noch: Was jede und jeder von uns machen kann, auch das kann natürlich nicht ich sagen. Ob diakonischer Dienst oder Seelsorge, ob Büroarbeit oder Gebet, ob Spende oder Musik, es gibt vielfältigste Möglichkeiten. Und da bitte ich Sie, jetzt nochmal kurz einen Moment still zu halten. Überlegen sie kurz: Was kann und was will ich tun, damit der Heilige Geist spürbar wird, in mir und durch mich? Und keine Sorge: Was ihnen da einfällt, das werde ich nicht abfragen, weil das dann eine Sache zwischen ihnen und dem Heiligen Geist ist.

(Pause)

Pfingsten heißt, das der Heilige Geist spürbar wird, mitten in unserem Leben. Dass es diesen Geist auch heute gibt, daran habe ich keinen Zweifel. Wenn jede und jeder von uns von seinen Träumen und Visionen etwas Wirklichkeit werden lässt, in unserer Kirche und in unserer Welt, dann ist Pfingsten, heute und hier. Und dann ist mir um unsere Zukunft nicht bange.

Amen

 

 

 

19. Mai 2024 - Pastor Olav Metz

 

Wenn Sie auf die Predigt reagieren möchten, schreiben Sie einfach eine Email an moenchgut@pek.de. - Ich freue mich über Rückmeldungen.