Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

Die Welt ins Gebet nehmen
(Röm 12, 9-21 / Mt 6, 5-15)

Liebe Gemeinde,

wenn ihr betet, dann sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die viele Worte machen. So legt Jesus es uns ans Herz. Das will ich auch mit dieser Predigt beherzigen und mich auf vier Sätze konzentrieren, die mir heute besonders bedenkenswert erscheinen, drei aus dem Evangelium und einen aus dem Römerbrief.

Der erste dieser Sätze lautet: Unser tägliches Brot gib uns heute. (Mt 6, 11) Dieser Satz aus dem Vaterunser scheint mir heute sehr aktuell, weil hinter diesem kleinen Satz die große Frage steht: Was brauchen wir wirklich zum Leben?

Mein Eindruck ist: Wir hatten uns da im Laufe der Jahrzehnte ganz komfortabel eingerichtet: Eine geregelte Arbeit und ein geregeltes Einkommen. Eine moderate Inflation und ab und zu eine Lohn- oder Rentenerhöhung. Eine gesicherte Versorgung im Supermarkt und wenigsten zweimal im Jahr Urlaub. Im Sommer ein paar warme Tage und im Winter Schnee.

Daran und an noch manche anderen alltäglichen Dinge hatten wir uns gewöhnt. Aber nun gibt es Corona. Es gibt einen Krieg direkt vor unserer Haustür, der den Weizen knapp werden lässt. Es gibt einen Klimawandel, der nicht nur ein Rechenmodell ist, sondern spürbar wird, z.B., wenn das Wasser knapp wird. Und plötzlich sind viele dieser uns lieb gewordenen Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt.

Nun kenne ich manche Menschen, die sich deshalb einfach nur danach sehen, dass alles wieder wird, wie es mal war. Darauf komme ich nachher noch. Es gibt aber auch Leute, die diese Situation zu einer anderen Überlegung führt. Diese Überlegung klingt sehr schön in dem kleinen Gedicht „Kinderzeichnung“ von Rainer Kunze an. Und das geht so:

Du hattest ein Viereck gemalt. Darüber ein Dreieck,
darauf (an die Seite) zwei Striche mit Rauch - fertig war das Haus.
Man glaubt gar nicht, was man alles nicht braucht.
   (Rainer Kunze, Gedichte, 2001, S. 23)

Unser tägliches Brot gib uns heute: Ja, wir brauchen das tägliche Brot und Regen für die Felder und sicher auch ein Dach über dem Kopf. Aber wenn wir darum bitten, dann sollten wir uns klar machen: Das tägliche Brot liegt für die meisten von uns weit unter dem, was wir tatsächlich haben. Für uns als Europäer des 21. Jahrhunderts sollte diese Bitte deshalb eine Anregung sein, mal zu überlegen, was wir von all dem, was wir haben, wirklich brauchen. Und das könnte für manchen von uns auch eine regelrechte Befreiung sein. Denn: Man glaubt gar nicht, was man alles nicht braucht.

Soviel zum täglichen Brot. Der zweite Satz, dem ich kurz nachgehen möchte, steht ebenfalls im Vaterunser und lautet: Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. (Mt 6, 13) – Und da knüpfe ich jetzt bei denen an, die sich wünschen, dass endlich alles wieder normal wird, weil ich glaube: Dieser Wunsch ist eine der größten Versuchung heute. Denn dieser Wunsch weckt Hoffnungen, die sich nicht erfüllen werden: Viele Dinge – von den Preisen bis zu den Sicherheiten, von Corona bis zum Klima - werden anders bleiben oder sich noch weiter verändern. Und dem sollten wir nüchtern ins Auge sehen.

Führe uns in der Versuchung: für mich bedeutet diese Bitte deshalb: Begleite mich, Gott, wenn die Sehnsucht nach dem Leben, wie es mal war, übermächtig wird und ich nur noch die vermeintlich so schöne heile Welt von damals wiederhaben will.

Böse ist nämlich nicht, dass sich was ändert. Das gehört zum Leben einfach dazu; Leben ist ständige Veränderung. Böse wird es vielmehr, wenn ich diesen ständigen Wandel des Lebens nicht annehmen will. Und vom Bösen erlöst werden wir deshalb nicht dadurch, dass alles wieder wird wie früher, sondern dadurch, dass auch wir uns wandeln und immer wieder auf neue Wege wagen.

So werden wir vom Bösen erlöst. Und wie wir selber unseren Teil dazu tun können, das finde ich in dem dritten Satz, der mir heute wichtig ist und den wir in der ersten Lesung gehört haben. Er lautet: Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Bedrängnis, haltet an am Gebet. (Röm 12, 12)

Seid fröhlich in Hoffnung: Ich freue mich zum Beispiel darüber, dass die Veränderungen der letzten Jahre und Monate Menschen - und besonders junge Menschen - nachdenklich gemacht haben. Sie sagen uns sehr deutlich, dass unsere Art zu leben keineswegs so schön und so alternativlos ist, wie wir gemeint haben. Über diese kritischen Stimmen freue ich mich und ich hoffe sehr, das sich durch sie tatsächlich was ändert.

Seid geduldig in Bedrängnis. Für mich heißt das konkret, die Unklarheit und Schwierigkeiten unserer Zeit auszuhalten. Ja, auch ich liebe die Sicherheiten und die Planbarkeit. Aber ich muss lernen, dass das Leben anders ist, das die Zukunft alles andere als klar ist, dass man deshalb manchmal nur ‚auf Sicht‘ fahren kann und dass es trotzdem weitergeht. Das ist eine gute Erfahrung, aber dazu braucht es Geduld, Geduld, die ich mit mir und auch mit anderen haben muss.

Und haltet an am Gebet: Anhalten, den gewohnten Alltag unterbrechen, genau das passiert gerade mit uns. Durch ein Virus. Durch einen Krieg. Und auch durch das Klima. Ich denke, es ist gut, wenn wir diese Unterbrechung nicht als Störung empfinden, die man möglichst schnell beseitigen muss, sondern als Anregung, tatsächlich mal innezuhalten. Damit wir zur Besinnung kommen und uns auf das besinnen, was wirklich wichtig ist.

Und damit bin ich noch einmal beim Vaterunser und dem letzten Satz, der in dieser Predigt anklingen soll. Und dieser lautet: Dein Wille geschehe. (Mt 6, 10)

Was will Gott für mich? Was ist sein Wille für mein Leben? – Die Antwort auf diese Frage muss natürlich jeder für sich selber finden und die Antworten werden unterschiedlich sein. Eines aber will Gott sicher für uns alle. Er will, dass unser Leben gelingt. Und ich bin sicher: Weil Leben immer Veränderung ist, deshalb ist sein Wille, dass wir uns in den Wandel des Lebens wagen, dass wir uns zu wandeln wagen und dass wir gerade dadurch wachsen und reifen.

In diesem Sinne wollen wir nachher gemeinsam bitten Dein Wille geschehe und dann getrost unser Amen sagen. Und dann sollten wir uns mutig auf den Weg machen. Indem wir beten. Und indem wir dann das Nötige tun.

Amen

 

22. Mai 2022 - Pastor Olav Metz