Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

Erntedankfest 2018
(1. Tim 4, 4-5 / Lk 12, 15-21)

Liebe Gemeinde,

wir pflügen und wir streuen: Dieses schöne Erntedanklied stammt von Matthias Claudius. 1740 wurde er in Reinfeld in Holstein geboren. 1815 ist er in Hamburg gestorben und sein Grab kann man bis heute auf dem Wandsbeker Friedhof besuchen. Claudius, der mit Geburtsnamen eigentlich gut norddeutsch Clausen hieß, war Dichter, Lyriker und Journalist. Und viele seiner Lieder sind bis heute gut bekannt, ich erinnere nur an das schöne Abendlied Der Mond ist aufgegangen.

Das Lied Wir pflügen und wir streuen stammt aus dem Jahre 1783. Ich möchte ihnen heute zum Erntedankfest einen Brief vorlesen, den Claudius ein Jahr zuvor an seinen Freund Andres geschrieben hat und der mir ein guter Impuls zum heutigen Erntedankfest zu sein scheint. Claudius schreibt:

Lieber Andres!

Hab eine neue Erfindung gemacht, und soll dir hier so warm mitgeteilt werden. Du weißt, dass in jeder gut eingerichteten Haushaltung kein Festtag ungefeiert gelassen wird und dass ein Hausvater zulangt, wenn er auf eine gute Art und mit einigem Schein des Rechts, einen neuen (Festtag) an sich bringen kann. So haben wir beide, außer den Geburts- und Namenstagen, schon verschiedene andere Festtage eingeführt, als das Knospenfest, den Maimorgen, den Grünzüngel, wenn die ersten Erbsen und Bohnen gepflückt und zu Tisch gebracht werden sollen, und so weiter.

Nun ist wohl wahr, dass der Sommer und sonderlich das Frühjahr viel schön(er) sind. Gestern aber, wie das mit den Erfindungen ist: man findet sie nicht sondern sie finden uns, gestern (also), als ich im Garten gehe und an nichts denke, schießen mir mit einmal zwei neue Festtage aufs Herz, der Herbstling und der Eiszäpfel, beide gar erfreulich und nützlich zu feiern.

Der Herbstling ist kurz und wird mit Bratäpfeln gefeiert, wenn im Herbst der erste Schnee fällt. Der Eiszäpfel kann durchaus ohne einen Schneemann nicht gefeiert werden, und wenn's dunkel geworden, wird eine Laterne in den hohlen Kopf des Schneemanns getan, dass das Licht durch die Augen und den Mund herausscheint.

Lebe wohl, lieber Andres, und feire fleißig alle Festtage.
Den 3. Oktober 1782  Dein Matthias Claudius

(Aus: Hug, Barbara und Hans: Blätter, die uns durch das Jahr begleiten. Kreuz Stuttgart, 1992, 3. Oktober)

Die Feste fleißig feiern: Wir feiern heute Erntedankfest. Doch da lohnt nun die Frage: Was genau feiern wir da?

Schauen wir auf die Erträge der Felder, dann ist das Ergebnis eher mager. Die Ernteeinbußen durch die Dürre des letzten Sommers belaufen sich in Mecklenburg-Vorpommern bei Feldfürchten auf 27 Prozent. Und das hat manche Landwirte auch hier in MV in existenzielle Not gebracht. Anders dagegen bei den Obstbauern: Die haben eine Rekordernte eigefahren. Und die Winzer erwarten sogar eine besonders reichliche und qualitativ gute Ernte, mit Mehrerträgen von etwa 25%.

Was feiern wir Erntedankfest? – Ginge es um Ernterekorde, dann hätten die Ackerbauern in diesem Jahr nichts zu feiern und wir sollten uns besser an die Winzer halten. Aber das ist offenbar ein Trugschluss, ein Trugschluss, dem schon der reiche Kornbauer aufgesessen war, von dem Jesus in seinem Gleichnis erzählt.

Nein, wenn es ums Danken geht, dann geht es nicht nach der Devise ‚viel hilft viel‘. Und deshalb geht es auch heute mit dem Erntedankfest nicht darum, die Menge zu feiern. Es geht vielmehr darum, in den Erntegaben die guten Gaben Gottes zu erkennen, sie mit Wort und Gebet zu heiligen, so wie unser Predigttext es beschreibt, und ihnen so mit der gebührenden Achtung zu begegnen.

Das aber ist keine Frage der Masse, sondern eine Frage der inneren Haltung. Denn für die paar Kartoffeln, die ich mühsam geerntet habe, kann ich grundsätzlich nämlich genauso dankbar sein wie für die Fülle der Trauben, die mir in diesem Jahr förmlich in den Mund gewachsen sind. Und ehrlich gesagt: Ich bin es auch, gerade weil es in diesem Jahr viel weniger Kartoffel gibt.

Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut und nichts ist verwerflich, wenn es mit Dank genossen wird; es wird geheiligt durch Gottes Wort und durch das Gebet. (1. Tim  4, 4-5) – Nein, nicht Ernterekorde feiern wir zum Erntedankfest, sondern alle die Dinge, von denen wir leben. Wir heiligen sie, das heißt, wir stellen sie in Gottes Nähe. Wir danken dafür und zeigen damit unsere Achtung und unseren Respekt vor ihnen. Und wir tun dies, damit sie uns nicht zur Selbstverständlichkeit verkommen.

Nun kann man das natürlich mit großer Ernsthaftigkeit tun. Und dagegen ist grundsätzlich auch gar nichts zu sagen ist. Leider geht dabei aber oft verloren, dass Erntedank und Dank überhaupt ja eigentlich eine fröhliche Angelegenheit sind. Und deshalb komme ich jetzt nochmal auf den Brief von Matthias Claudius zurück. Denn der feiert und dankt mit Freude und mit einem Augenzwinkern, wie an den Anlässen und den lustigen Namen seiner Feste ‚Grünzüngel‘, ‚Herbstling‘ oder ‚Eiszäpfel‘ unschwer zu erkennen ist.

Claudius dankt mit einem Augenzwinkern, er dankt mit Humor. Und da habe ich jetzt eine bitte an sie: Wenn sie heute Erntedankfest feiern, dann schauen sie doch bitte mal, ob das nicht auch heute und hier möglich ist. Das farbige Laub zum Beispiel, könnte es nicht ein guter Grund sein, ein ‚Kunterbunt‘ zu feiern? Wenn der Herbstwind ordentlich bläst, wie wäre es da mit einem ‚Sause-Brause-Tag‘? Wenn es nochmal richtig warm wird, drängt sich da nicht ein ‚Alt-Weiber-Sommer-Sonntag‘ geradezu auf? Oder wenn der Blick ins Portemonnaie bzw. aufs Konto sie halbwegs zufrieden stellt, wie wäre es mit einem Ruhetag unter dem Motto: ‚Heute wegen Zufriedenheit geschlossen‘ oder einem Tag des offenen Brieftasche unter der Überschrift ‚Geiz war gestern‘?!

Ich kann mir vorstellen, dass das diesem oder jenem ein bisschen albern erscheint. Aber bedenken sie: Es geht nicht um die Fülle der Dinge, sondern um unsere Haltung zu ihnen. Es geht um unser Herz, also darum, dass wir im Herzen dankbar und fröhlich werden.

Matthias Claudius hat das offenbar gekonnt. Er hat immer wieder Anlässe entdeckt, mit denen er das Leben gefeiert hat. Und er hat dies sogar als Zeichen einer guten Haushaltung verstanden, denn er schreibt an Andres: Du weißt, dass in jeder gut eingerichteten Haushaltung kein Festtag ungefeiert gelassen wird und dass ein Hausvater zulangt, wenn er auf eine gute Art und mit einigem Schein des Rechts, einen neuen (Festtag) an sich bringen kann.

In diesem Sinne bitte ich sie heute, gute Hausväter und -mütter zu sein. Feiern sie das Leben in seiner Fülle und in seinen Grenzen, so, wie es ihnen heute begegnet. Feiern sie es als gute Gabe Gottes. Denn Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut und nichts ist verwerflich, wenn es mit Dank genossen wird; es wird geheiligt durch Gottes Wort und durch das Gebet. Und feiern sie es mit Humor, mit ‚Herbstling‘ oder ‚Sause-Brause-Tagen‘, mit ‚Kunterbunt‘ oder einem ‚Geiz-war-gestern-Fest‘. Denn Humor ist kein Hindernis für Heiligkeit – im Gegenteil. Gott will uns fröhlich sehen.

Amen

 

 

7. Oktober 2018, Pastor Olav Metz