Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

Das Vaterunser - zuverlässiger Halt in unsicherer Zeit
(Mt 6, 5-15 / 1. Tim 2, 1-6a)

Bei Freunden von mir hängt ein großes Bild im Flur. Auf dem Bild ist ein Leuchtturm zu sehen. Genauer gesagt, der untere Teil des Leuchtturms. Riesige Wellen brechen sich am Fuß des Leuchtturms. Beim Betrachten spüre ich förmlich, wie der Wind um den Turm herumpfeift. Ich stelle mir vor, welche Kräfte daran zerren. Und doch bleibt der Leuchtturm stehen. Er steht dort seit vielen Jahrzehnten, er wird noch viele weitere Jahrzehnte stehen bleiben. So wie Ihre Kirche hier in Middelhagen.

Im vergangenen halben Jahr gab es auch hier Winterstürme, die am Mauerwerk rüttelten, und doch steht es immer noch fest da.

Liebe Gemeinde, das Vater Unser ist ein Gebet, das die Christenheit seit 2000 Jahren durch die Stürme des Lebens begleitet. Jesus gab seinen Jüngern das Gebet, als diese ihn baten: Herr, lehre uns beten. Wir sprechen es jeden Sonntag im Gottesdienst. Das Gebet möchte ein Leuchtturm in deinem Leben sein, der Dir Orientierung gibt – bei Sonnenschein und Regen, bei Windstille und heftigem Sturm.

Ich lese die Verse aus Matthäus 6 noch einmal:

Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten. Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten:

Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

 

  1. Beten braucht keine großen Worte

Jesus macht deutlich: Beten ist keine Bühne. Es geht nicht darum, gesehen oder gehört zu werden. Es braucht keine großen Reden und keine perfekten Formulierungen. Im Gegenteil: Wenn dir die Worte fehlen, bist du Gott oft näher, als du denkst.

Ob Dein Satz dann grammatikalisch korrekt ist oder nicht – Gott ist das egal. Er weiß, welche Sorgen Du im Herzen trägst.

Die Kirchen hier auf Mönchgut sind tagsüber zugänglich, weil liebe Menschen sie morgens auf- und abends wieder zuschließen. Sie finden hier Orte, an denen Sie ein Stoßgebet gen Himmel schicken können. Wenn Ihnen kein guter Satz einfällt – egal. Einzelne Worte reichen. „meine Mutter“ „mein Sohn“ „die Diagnose“.

Gott weiß, was du meinst. Er kennt dein Herz. Ehrlichkeit genügt.

Vielleicht zünden Sie zu den Worten eine Kerze an. Eine brennende Kerze ist ein starkes Symbol für die Gegenwart Gottes. Aber eben nicht mehr als ein Symbol. Deswegen keine Sorge: Das Gebet wirkt auch ohne brennende Kerze: Sowohl hier in der Kirche als auch bei Dir zu Hause.

  1. Wenn Dir die Worte fehlen: das Vater Unser

Vor einiger Zeit sprach mich ein Bestatter an und fragte, ob er das Vater Unser auch auf einer weltlichen Trauerfeier sprechen lassen darf. Natürlich darf er. Das Gebet gehört uns nicht exklusiv.

Ich fragte trotzdem interessiert nach und er berichtete mir, dass immer wieder Menschen darum bitten – wohlgemerkt Menschen, die nicht der Kirche angehören und auch keine christliche Beerdigung wünschen. Diese Menschen spüren, dass dieses Gebet Halt vermittelt, dass es ein Leuchtturm in stürmischen Zeiten ist.

Das Gebet spricht Gott als unseren Vater an. Wer selbst Vater oder Mutter ist, hat ein Gespür, was diese Anrede bedeutet. Gott ist kein ferner Gott. Gott ist unser Vater. Ein guter Vater, ein Vater, der für seine Kinder da ist. An diesen Vater dürfen wir uns im Gebet wenden.

Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute… und so weiter.

Wer das Vater Unser spricht, baut eine Brücke von sich selbst zu Gott. Vom Geschöpf zum Schöpfer. Zu demjenigen, der uns durch’s Leben trägt. ER gibt uns unser täglich Brot, ER vergibt uns unsere Schuld und ER erlöst uns von dem Bösen.

Denn Sein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Mitten in der Vergänglichkeit unserer Existenz – wir werden alle nicht jünger – kommen wir im Gebet in Kontakt mit dem Ewigen. Probieren Sie es mal aus: Im Gebet überschreiten Sie Raum und Zeit. Gott gibt uns Anteil am Ewigen.

Das klingt vielleicht ungewohnt. Aber es ist wahr. Gott hat es verheißen.

 

  1. Vergebung – ein schwerer, aber befreiender Weg

Fast im gesamten Gebet steht Gottes Handeln im Vordergrund. Außer an einer Stelle: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Hier ist tatsächlich eine Bedingung formuliert, die Jesus im Anschluss nochmal vertieft. Im Bibeltext steht: Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

Das Thema Vergebung ist in der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch vergangener Jahrzehnte in Verruf geraten. Zu Recht und zu Unrecht: Zu Recht, weil wir von keinem Opfer fordern dürfen, dass es seinem Übeltäter vergibt. So etwas kann und darf niemals verlangt werden.

Aber: Wenn ich Menschen ihre Schuld nachtrage – wer trägt dann an dieser Schuld? Wenn ich einem Menschen seine Schuld nachtrage – eine schwere Schuld – dann trage ICH die Last. Das tut mir nicht gut. Dass die Evangelische Kirche das Thema Machtmissbrauch aufarbeitet, finde ich sehr wichtig. Schuld muss beim Namen genannt werden und sie muss Konsequenzen haben.

Aber für mich persönlich formuliert Jesus die Bitte um Schuldvergebung so: Gott, vergib mir meine Schuld, wie auch ich vergebe meinen Schuldigern. Ich darf die Last im Gebet loswerden. Sowohl die eigene Schuld als auch die Last, die andere mir durch ihre Schuld auferlegt haben. Das ist kein leichter Akt. Manchmal bedarf er seelsorgerlicher Begleitung. Aber wenn ich eins in meinen fünf Lebensjahrzehnten lernen durfte: Ich tue mir keinen Gefallen damit, wenn ich Vergebung verweigere.

Groll bindet Energie. Wenn du vergibst, lässt du diese dauerhafte Anspannung Stück für Stück los. Wenn Du vergibst, holst Du Dir die Kontrolle zurück.                       

Solange dich das Verhalten einer anderen Person emotional steuert, hat sie indirekt noch Einfluss auf dich. Nimm ihr diese Macht. Vergebung ist eine Entscheidung, die sagt: ICH bestimme, wie es mir damit geht – nicht mehr die andere Person.

Jesus sagt: Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

 

Liebe Gemeinde, Beten hilft, emotional zurück ins Gleichgewicht zu kommen. Es tut der Seele gut. Ich wünsche Ihnen, dass diese Kirche hier ebenso wie das stille Kämmerlein zu Hause Ihnen hilft, neu beten zu lernen. Ob mit eigenen Worten oder mit denjenigen des Vater Unser. Gleich bei den Fürbitten werden wir es noch einmal gemeinsam sprechen.

Ich denke wieder an das Bild im Flur meiner Freunde. Der Leuchtturm und die Wellen, die um ihn herum tosen. Das Vater Unser ist für mich ein Leuchtturm geworden. Ich bete es tatsächlich täglich und verweile fast immer eine Weile bei jeder Zeile. Manchmal nehme ich mir die Zeit, sie auf mein eigenes Leben zu beziehen. Auf meine persönliche Situation gerade jetzt. Was führt mich heute in Versuchung? An welcher Stelle benötige Erlösung von dem Bösen? Wo habe ich noch nicht vergeben und hänge gedanklich deswegen irgendwo fest?

Wie gesagt: Es geht nicht darum, große Reden zu schwingen. Jesus Christus hat uns ein wunderbares Gebet vorformuliert. Das reicht.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

Middelhagen am 10. Mai 2026 - Propst Tobias Sarx

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