Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

"Ein feste Burg ist unser Gott"
(Predigt zum Kantaten-Gottesdienst)

Liebe Gemeinde,

„Ein feste Burg ist unser Gott“. Ich glaube, es gibt kein Lied, das so mit der Reformation und dem Protestantismus verbunden ist, wie dieses. 1629 hat Martin Luther den Text gedichtet und die Melodie komponiert. Und zwischen 1715 und 1731 hat Johann-Sebastian Bach dieses Lied dann zur Grundlage der Kantate gemacht, deren ersten Teil wir gerade gehört haben. Dieses Lied gehört zum Protestantismus einfach dazu, mit all seinem Trotz und mit all seinen gewaltigen Worten. Und so erklingt es auch hier bei uns auf Mönchgut gerade in diesem Jahr des Reformationsjubiläums.

Nun weiß ich aber, dass so mancher – und da schließe ich mich ausdrücklich ein - auch seine Mühe mit diesem Lied hat. Denn kriegerisch geht es zu: Mit Rüstungen und mit Waffengewalt soll der alt-böse Feind besiegt werden. Und da fragt ich mich schon: Ist das mit dem Frieden Gottes vereinbar? Und können wir heute so über unsere katholischen Glaubensgeschwister denken und reden, denn um die geht es in diesem Falle ja?

Oder dies: Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib: Lass fahren dahin. Sie haben kein Gewinn. Auch mit diesen Worten habe ich so meine Schwierigkeiten. Denn meine Frau und meine Familie und mein Leben sind mir schon viel wert. Die kann und will ich nicht so einfach dahingeben. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob Gott das wirklich will.

Und es ist wohl auch dies, dass ich bei diesem Lied Martin Luther vor Augen habe, wie er auf vielen Denkmäler steht: Hoch aufragend, den Blick richtungsweisend nach vorn gerichtet. Und darunter womöglich noch die Sockelinschrift Hier stehe ich, ich kann nicht anders. - Dabei gerät dann leider allzu oft aus dem Blick, das Luther nicht nur der strahlende Glaubensheld war, sondern zugleich ein Zweifler und Grübler und Suchender.

Ich gebe zu: Bei mir hat lange Zeit die Skepsis gegenüber diesem Lied überwogen. Ich fand es unpassend für unsere Zeit und mein Verständnis des christlichen Glaubens. Bis ich auf die Entstehungsgeschichte dieses Liedes gestoßen bin. Die hat meine Sicht dieses Liedes tatsächlich verändert. Und die ist so bewegend, dass ich sie ihnen jetzt einfach weitererzählen möchte.

Im Mittelpunkt dieser Geschichte steht Leonhard Kaiser. Kaiser ist Vikar und später katholischer Priester in der Nähe von Passau in Bayern. Dann aber kommt die Reformation. Kaiser ist von den Gedanken begeistert. Fortan verkündigt er das Evangelium in reformatorischer Weise. Und er heiratet und gründet eine Familie.

Aber das hat schlimme Folgen für ihn: Zuerst verliert er seine Pfarrstelle. Und dann muss er sogar flüchten, weil er vor Gericht gestellt werden soll. Mit Furcht und Zittern geht er weg und muss alles zurücklassen: Die Familie, die Freunde, den kranken Vater. Das fällt ihm furchtbar schwer denn er hat große Sehnsucht. Und oft schreibt er deshalb an die Familie.

Leonhard Kaiser geht nach Wittenberg. Hier studiert er noch einmal. Er lernt auch Luther persönlich kennen, der ihn besonders lieb gewinnt. Und bei ihm studiert er nun nochmals intensiv die Grundgedanken der Reformation:

Dass der Glaube allein ohne Zutun der Werke selig macht. Die Werke sind wichtig, aber sie sind ein Zeichen des Glaubens. Erst der Glaube, dann die Werke.

Oder über den Willen: Der Mensch hat in den äußeren Dingen wohl einen freien Willen, aber in den Dingen, die Gott gebietet, ist er gebunden.

Oder über die Ehe: Auch ein Priester kann heiraten, denn es heißt in der Bibel: Seid fruchtbar  und mehret euch. Und das alle Christen eigentlich Priester sind, auch das wird ihm hier zur Gewissheit.

Obwohl er in Wittenberg gut aufgehoben ist, ist diese Zeit der Trennung eine schwierige Zeit für ihn. Er sehnt sich nach seiner Familie. Aber es kommt noch schlimmer. Als sein Vater im Sterben liegt, hält es ihn nicht mehr in der Fremde. Bei Nacht und Nebel reist er ab und kehrt zurück nach Passau.

Dort aber wird er kurz nach der Beerdigung festgenommen. Er wird auf die Festung Oberhaus bei Passau gebracht. Dort wird er verhört, u.a. von dem Luthergegner Johannes Eck. Und dann wird im der Prozess gemacht.

Im Prozess bekennt sich Kaiser ausdrücklich zur Reformation: Gerecht sind wir allein aus Gnade. Wir sind an Gottes Willen gebunden. Alle Christen sind Priester. Und auch Priester dürfen heiratet. Das ist sein Bekenntnis. Er ist nicht bereit zu widerrufen. Und dann fällt das Urteil: Todesstrafe.

Viele setzen sich für Leonhard Kaiser ein: Martin Luther schreibt z.B. an seinen Kurfürsten und an den Markgrafen Kasimir. Es gibt Eingabe an den Bischof von Passau und an die bayrischen Behörden. Aber das alles nützt nichts. Der Administrator von Passau, Ernst von Bayern.

Am 16. August 1527 wird Leonhard Kaiser wegen Eidbrüchigkeit und Ketzerei hingerichtet. Auf einer Sandbank am Innufer in Schärding wird er verbrannt. Seine Henker - so wird berichtet - gehen dabei sehr grausam und ungeschickt vor, so dass Kaiser in seiner Todesnot noch gesungen hat „Komm heiliger Geist, Herre Gott“. Und seine Familie muss dabei zusehen – und singt mit...

Als Luther von dieser Hinrichtung erfährt ist er tief betroffen. Nicht nur, dass er einen Freund verloren hat. Er weiß auch, dass dieses Urteil im Grunde gegen ihn und die Reformation gerichtet ist.

Und dann setzt er sich hin und schreibt. Er schreibt einen Brief an die Witwe von Pfarrer Leonhard Kaiser. Leonhard, so schreibt er, heißt Löwe. Und das sei wahr, denn wie ein Löwe habe er gekämpft. Und auch Kaiser sei wahr. Denn er habe die Krone des Sieges verdient.

Und dann schreibt er ein Lied. Ein Lied voller Trauer und zugleich voller Trotz. Ein Lied voller Wut und zugleich voller Gottvertrauen. Und so singen wir bis heute:

Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen.
Der alt böse Feind mit Ernst er's jetzt meint;
groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist,
auf Erd ist nicht seinsgleichen.

Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren;
es streit' für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren.
Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesus Christ,
der Herr Zebaoth, und ist kein andrer Gott,
das Feld muss er behalten.

Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt, wie sau'r er sich stellt,
tut er uns doch nicht; das macht, er ist gericht':
ein Wörtlein kann ihn fällen.

Das Wort sie sollen lassen stahn und kein' Dank dazu haben;
er ist bei uns wohl auf dem Plan mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib:
lass fahren dahin, sie haben's kein' Gewinn,
das Reich muss uns doch bleiben.

Liebe Gemeinde, das ist die Geschichte zu diesem Lied. Und wenn ich diese Geschichte höre, dann glaube ich: Wir sollten dieses Lied singen, auch heute. Und dies aus drei Gründen.

1. Wir sollten es singen um Leonhard Kaiser und all die Menschen nicht zu vergessen, die für ihren Glauben mit dem Leben bezahlt haben und bis heute bezahlen. In Schärding steht heute übrigens ein Gedenkstein für Leonhard Kaiser. Auf dem Stein steht eines der Worte Jesu, die wir gerade im Evangelium gehört haben: Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn das Himmelreich ist ihr. Und der Stein trägt auch diese Worte Martin Luthers: Ein feste Burg ist unser Gott.

2. Wir sollten dieses Lied singen, weil es zeigt, was mit Reformation gemeint ist. Denn Reformation ist nicht etwa ein abgeschlossenes historisches Ereignis. Reformation ist vielmehr der Weg der notwendigen Veränderung, den wir als einzelne und als Gemeinde immer wieder zu gehen haben. Es ist der Weg, der immer wieder verunsichert, Angst macht, zweifeln lässt.

Im Glauben und im Leben können wir nur weiterkommen, wenn wir uns auf diesen Weg wagen, wenn wir auch manch lieb gewordenes loslassen, wenn wir alt-bösen Feinden widerstehen und Schmerzen aushalten und in all dem Gott vertrauen. Und genau dazu ermutigt dieses Lied.

3. Wir sollten dieses Lied immer dann singen, wenn uns das Leben Angst macht und uns erzittern lässt. Wir sollten es singen, um mutig zu bleiben und um nicht ängstlich klein beizugeben, im Leben nicht und auch nicht im Angesicht des Todes. Das ist Glauben.

Unser Glaube ist nämlich kein „Problemlöser“, der die Schwierigkeiten des Lebens einfach ‚wegmacht‘. Er ist vielmehr Begleitung auf dem Weg, besonders auf den schwierigen Wegen. Und da ist es zuweilen das Beste, solche Lieder zu singen, gerade in Situationen, wo das Herz und die Sinne nicht mehr mitkommen.

In diesem Sinne wollen wir jetzt den zweiten Teil der Kantate hören: Um die nicht zu vergessen, die ihr Leben für den Glauben geopfert haben. Um selber die nötigen Veränderungen heute zu wagen. Und um mutig zu bleiben, wenn unsere Welt mal wieder voll Teufel ist und uns womöglich verschlingen will. Denn dann fürchten vielleicht auch wir uns nicht so sehr. Und weniger Angst zu haben, das ist auch heute sehr, sehr viel wert.

Amen

 

 

24. September 2017, Pastor Olav Metz