Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

Epiphanias - Sein Stern geht auf
(Johannes 2, 1-11)

Liebe Gemeinde,

diese Hochzeitgeschichte aus dem Johannesevangelium hat – auf den ersten Blick betrachtet – zwei Höhepunkte. Der erste (traurige) Höhepunkt ist die erschreckende Erkenntnis: Der Wein ist alle; was das für ein Hochzeitsfest bedeutet, kann man sich vorstellen. Der zweite (wunderbare) Höhepunkt ist die Hilfe Jesu: Er sorgt für neuen Wein und hilft damit den Brautleuten in ihrer Notsituation.

Auf den ersten Blick betrachtet handelt es sich also um eines der vielen Wunder, die Jesus tut, um Menschen in Not zu helfen. Und doch ist dies nur die äußere Seite dieser Geschichte, eben das, was man auf den ersten Blick erkennen kann. In der Tiefe wird uns hier noch eine ganz andere Geschichte erzählt, eine Geschichte, die mit uns zu tun hat. Und auf diese Geschichte weisen uns drei Merkwürdigkeiten in dieser Erzählung hin.

Die erste Merkwürdigkeit ist, dass diejenigen, die bei einer Hochzeit im Mittelpunkt stehen, gar nicht erwähnt werden. Im Mittelpunkt bei einer Hochzeit steht natürlich immer das Brautpaar. Johannes aber erwähnt sie nicht einmal. Warum?

Eine Antwort findet sich, wenn wir in das Alte Testament schauen. Hier haben Braut und Bräutigam nämlich eine tiefe symbolische Bedeutung. Der Text der ersten Lesung aus dem Propheten Jesaja (Jes. 62, 1-5) hat genau davon erzählt: Die Braut, das ist für die alten Israeliten Jerusalem, die heilige Stadt, die der Mittelpunkt ihres Glaubens ist. Und wenn sie sich für ihren Bräutigam schmückt, so wie es der Bibeltext erzählt, dann schmückt sie sich für Gott. Denn der Bräutigam Jerusalems, das ist Gott selbst.

Braut und Bräutigam sind also ein Bild, ein Bild für die Verbindung zwischen Gott und seinem Volk. Um diese Bedeutung hat Johannes gewusst und um diese Bedeutung haben seine Leser gewusst. Und genau daran knüpft er an, denn nur wenige Verse nach unserer Geschichte sagt Johannes der Täufer über Jesus: Wer die Braut hat, ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber steht dabei und freut sich. Er muss zunehmen, ich aber muss abnehmen. (Joh 3, 29f)

Warum erwähnt Johannes das Brautpaar nicht namentlich? – Weil für ihn und seine Gemeinde völlig klar ist: Der Bräutigam, das ist Jesus. Denn er ist Gottes Sohn. Er ist es, der zu uns kommt. Diese Hochzeit ist das Zeichen für seine Verbindung mit uns. Und wir haben die Geschichte richtig verstanden, wenn wir begreifen: Dieser Jesus kommt zu uns; durch ihn erscheint Gott in unserem Leben und will uns ein Leben lang begleiten, eben wie ein guter Ehemann.

Soviel zu Braut und Bräutigam und dieser ersten Merkwürdigkeit in unsere Geschichte. Die zweite Merkwürdigkeit ist das Gespräch Jesu mit seiner Mutter. Seine Mutter will, dass er hilft. Er aber weist sie ungewohnt scharf zurück: Was willst du von mir? Meine Stunde ist noch nicht gekommen!

Wieso reagiert Jesus so abweisend? – Nun mich erinnern diese Worte an den Spruch aus dem 1. Buch Mose, den wir bei jeder Trauung hören: Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und an seiner Frau hängen und die beiden werden ein Fleisch sein. So sagen wir. Und wir sagen das, weil wir genau wissen: Trauung, also innige Verbindung, bedeutet zugleich auch Trennung. Die Brautleute müssen sich von ihren Familien trennen, wenigsten ein Stück weit, damit Raum wird für die neue Verbindung.

Ich bin sicher, diese schmerzliche Seite einer neuen Beziehung werden manche Älteren unter uns aus eigener Erfahrung kennen. Ach, meine Kinder lassen sich ja überhaupt nicht mehr bei mir sehen. So hört sich diese Trennung dann aus ihrem Mund an. Aber diese Trennung ist unvermeidlich, wenn die neue Verbindung gelingen soll. Und Johannes weist in seiner Geschichte darauf hin, weil dies eben auch für die Verbindung mit Jesus und die Entscheidung für den Glauben gilt.

Die Entscheidung für den Glauben und für das, was wir in Jesu Namen tun und sagen, das kann zuweilen auch zu Konflikten führen. Mir fällt in diesem Zusammenhang zum Beispiel die Kritik der CSU-Politikerin Julia Klöckner ein. Sie hatte sich kurz nach Weihnachten beklagt, das viele Predigten zu politisch seien. Mir fällt auch der Hinweis aus einer unserer Kommunen ein, dass wir uns als Kirche bitte um den Glauben und die Seelsorge kümmern sollen aber nicht um kommunalpolitische Dinge wie zum Beispiel Bauangelegenheiten, zu denen wir als Kirchengemeinde Stellung genommen haben. Und mich erinnert das an die DDR-Zeit, wo die SED die Kirche mit sehr ähnlichen Worten aus der öffentlichen Verantwortung hinausdrängen wollte.

Ich bin froh, dass Kardinal Woelki letzte Woche in seiner Antwort auf die Kritik von Frau Klöckner sehr deutlich gesagt, dass wir als Christen gar nicht anders können, als uns auch in die Dinge der Welt einzumischen. Glauben bracht weltlichen Bezug und da wenn nötig auch die Auseinandersetzung. Und nur wer diese Konflikte wagt, hält ich wirklich an Christus und folgt ihm nach.

Soviel zu diesem Konfliktgespräch zwischen Jesus und seiner Mutter. Die dritte Merkwürdigkeit in unserer Geschichte ist die Sache mit den Krügen. Vielleicht ist ja auch ihnen aufgefallen: Das Wasser für den Wein wird nicht etwa, wie man erwarten dürfte, in die leeren Weinkrüge gefüllt, sondern in Gefäße, von denen ausdrücklich gesagt wird, dass sie für Wasser zur Reinigung (also für Waschwasser) bestimmt sind.

Wie diese Merkwürdigkeit zu verstehen ist, das wird deutlich, wenn wir zwei Kapitel weiter lesen. Da begegnet Jesu nämlich einer Frau am Brunnen. Und zu dieser Frau sagt er: Wer vom Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, der wird nimmermehr dürsten. (Joh 4).

Ja, auch das Wasser ist ein Bild, ein Bild für Jesus. Und dieses Bild deutet Johannes mit der Hochzeitsgeschichte in ganz besonderer Weise. Denn bei der Hochzeit verwandelt Jesus das Wasser ja in Wein. Und damit sagt Johannes: Jesus ist nicht nur der Bräutigam seiner Gemeinde und nicht nur das Wasser des Lebens. Er ist auch der Wein. Denn der ist das Zeichen für sein Blut. Und deshalb wird er in Reinigungsgefäße gefüllt, weil dieses Blut reinigt: Sein Blut macht uns rein von aller Sünde. So nachzulesen im 1.Johannesbrief 1, 7.

Wenn wir das auf uns und unser Leben beziehen, dann bedeutet das: Die Verbindung mit Jesus und das Leben im Glauben bewahren uns nicht vor Fehlern oder falschen Entscheidungen. Auch durch den Glauben werden wir nicht zu perfekten Menschen. Aber wenn ich mit ihm im Bunde bin, dann können wir uns darauf verlassen, dass diese Dinge nicht an uns kleben bleiben und uns so ein Leben lang belasten, sondern dass er sie abwäscht und uns reinigt und wir deshalb immer wieder neu anfangen können.

Die Hochzeit zu Kana: Da hilft Jesus Menschen in einer schwierigen Situation; das ist die äußere Seite dieser Geschichte. Wenn wir aber in das Innere dieser Geschichte eintreten, dann sagt sie: Hier kommt Jesus, dein Bräutigam, der Begleiter für dein Leben. Der Weg mit ihm wird dich nicht vor Abgrenzungen und Konflikten bewahren. Aber er wird dich auf diesem Weg begleiten. Und was dir auf diesem Weg misslingt, muss dir nicht ewig auf der Seele liegen. Denn er befreit dich, immer wieder; er reinigt dich, damit mit du jeden Tag wieder neu anfangen kannst.

Epiphanias heißt, dass uns sein Stern aufgeht, dass wir in Jesus diesen Begleiter fürs Leben entdecken und dass wir ihm folgen. Und ich denke, wenn uns das gelingt, dann haben wir auch heute allen Grund zu feiern und uns des Lebens zu freuen, genauso wie die Leute damals auf der Hochzeit zu Kana.

Amen

 

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14. Januar, Pastor Olav Metz