Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

 

Sei gesegnet

Der Herr sprach zu Mose: Sag zu Aaron und seinen Söhnen: So sollt ihr die Israeliten segnen. Sprecht zu ihnen: Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.  (4.Mose 6, 22-27)

Liebe Gemeinde,

dieser Segen aus der vierten Buch Mose ist ca. 2.500 Jahre alt. Er stammt also aus vorchristlicher Zeit, einer Zeit, als es die christliche Trinitätslehre vom Vater, vom Sohn und vom Heiligen Geist, noch gar nicht gab. Trotzdem passt er gut zum heutigen Trinitatissonntag: weil dieser Segen dreiteilig ist und man ihn deshalb gut auf den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist beziehen kann.

Um den Segen geht es mir deshalb heute auch mit meiner Predigt. Und was mir da wichtig ist, das möchten ich gerne mit Hilfe des kleinen Bildes erläutern, das sie am Eingang bekommen haben. Dieses Bild zeigt eine der alten Fensterscheiben aus der Kirche in Groß Zicker, gestiftet wurde sie 1595. Und ich finde, diese Scheibe ist in mehrfacher Hinsicht ein gutes Bild für den Segen.

Im Original ist die Scheibe so groß (Kopie zeigen). - Was können sie erkennen? (fragen) – Nun unschwer ist sicherlich das Schiff zu erkennen, dass unter vollen Segeln unterwegs ist. Wenn man genau hinsieht, dann sieht man aber auf dem Schiff auch eine komplette Mannschaft. Und genau damit möchte ich beginnen, weil auch der Segen eine Mannschaft braucht.

Natürlich sind wir für den Segen auf Gott angewiesen. Aber wir sind zugleich auch aufeinander angewiesen. Wir brauchen Gott für den Segen. Aber er braucht auch uns für den Segen: er braucht uns als Segnende und als Gesegnete. Und das ist deshalb der erste wichtige Hinweis, den ich dieser alten Fensterscheibe entnehme: Zu segnen ist nicht nur Gottes Sache, sondern es ist zugleich unsere Sache.

Auch der zweite Hinweis dieses Bildes hat etwas mit der Mannschaft zu tun. Die ist nämlich in besonderer Weise über das Schiff verteilt. Der erste steht unten auf dem Hauptdeck, der zweite etwas höher auf dem Achterdeck. Der dritte sitzt auf der Rah, und der vierte hat es bis zur Mastspitze geschafft. Der fünfte aber – fällt wieder runter.

Diese Darstellung lehnt an mittelalterliche Bilder vom Kreislauf des Lebens: Man fängt klein an. Man arbeitet sich langsam hoch. Mancher schafft es bis auf halbe Höhe und mancher kommt sogar ganz oben an. Aber oben bleiben tut niemand. Irgendwann gibt es in jedem Leben wieder einen Abschwung oder sogar Absturz.

Das war vor 400 Jahren so, als diese Scheibe gemalt wurde, und das ist heute nicht anders. Auch bei jedem von uns gibt es Zeiten, in denen es gut läuft und wir auf dem Törn unseres Lebens gut vorankommen. Aber es gibt genauso die Zeiten, in denen es nicht läuft und wir mit den Niederungen des Lebens zu kämpfen haben.

Genau hier kommt nun aber der Segen ins Spiel. Denn wenn wir segnen, dann verschweige die Probleme und Risiken nicht oder reden sie klein. Wir räumen vielmehr ganz nüchtern ein, dass wir eben nicht alles nach eigenem Belieben in der Hand haben und uns der Unsicherheiten und Unwägbarkeiten des Lebens sehr wohl bewusst sind.

Wir müssen nichts beschönigen aber wir müssen auch nichts schlechtreden; wir können die Dinge nüchtern sehen. Und das ist der zweite segensreiche Hinweis, den ich dieser alten Fensterscheibe entnehme: Wer gesegnet ist, der kann die Dinge nüchtern betrachten, ohne Verdrängung, ohne Beschönigung aber auch ohne Panik. Und ich denke, auch das können wir heute gut brauchen.

Der dritte Hinweis dieser Fensterscheibe hat mit dem Ort zu tun, an dem sie hängt. In der Kirche nämlich. Unsere Vorfahren wollten mit diesem Bild offenbar nicht nur sagen: So ist das Leben eben, mal geht’s bergauf, mal geht’s bergab. Sie haben dies alles vielmehr in die Kirche und damit vor Gott getragen.

Und ich denke, darin zeigt sich die besondere Dimension des Segens: Mit dem Segen wagen wir es, einander in Gottes Namen Begleitung und Bewahrung, Heil und Heilung zuzusprechen. Angesichts der Unwägbarkeiten des Lebens und angesichts unserer eigenen Grenzen nehmen wir Gott förmlich in die Pflicht, und sagen: Segne Du! Bewahre Du! Begleite Du! – Ja, das braucht Mut. Aber Gott verlässt sich offenbar fest darauf, dass wir diesen Mut haben.

Dass dieses Fensterbild bei uns in der Kirche hängt, das zeigt nun aber auch, was Segen eigentlich bedeutet: Segen heißt nicht, immer Glück zu haben. Segen heißt vielmehr, dass wir uns auf Gottes Begleitung zu verlassen wagen. Natürlich in den guten Zeiten, aber genauso (wenn nicht sogar noch mehr) in den schwierigen Zeiten des Lebens. Gott bewahrt uns nicht vor den Niederungen des Lebens, aber er will uns in ihnen bewahren.

Gott will, das alle Zeiten unseres Lebens gesegnet sein. Deshalb ist er uns immer nahe. Und deshalb segnen wir: Damit spürbar wird, dass er uns auf alle Wege des Lebens begleitet. Als Gesegnete können wir dann dem Leben nüchtern ins Auge sehen, können uns an den Wegen, die gelingen, freuen und müssen die Schwierigkeiten nicht ausblenden. Und als Segnende können wir unseren Teil dafür tun, das auch andere dies spüren.

Und damit komme ich zu meiner Schlussbitte an euch alle. Und diese lautet: Segnet! Segnet selber! Es hat sich ja so eingebürgert, dass meistens Pastoren segnet. Aber das ist zu wenig. Denn es gibt unendlich viele Menschen, die froh wären, den Segen Gottes zu spüren. Aber ich bin mir sicher, in 99% dieser Fälle ist gerade dort kein Pastor vor Ort.

Deshalb ist dies meine Bitte: Segnet! Tut es selber! Ihr könnt dabei das Zeichen des Kreuzes machen. Wer sich traut, kann sein Gegenüber auch berühren. Schaut sie oder ihn bewusst an. Und dann könnt ihr zum Beispiel diese alten Worte sprechen.

Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Ich wünsche euch, dass jemand da ist, der er segnet, wann immer ihr Gottes Segen braucht. Und ich wünsche euch, dass ihr den Mut habt, andere zu segnen. Damit wir alle auf der Fahrt unseres Lebens spüren: Wir sind begleitet, auch heute. Gott sei Dank!

Amen

 

Trinitatis 2026 - Pastor Olav Metz

Wenn Sie auf die Predigt reagieren möchten, schreiben Sie einfach eine Email an moenchgut@pek.de. - Ich freue mich über Ihre Gedanken zur Predigt.