Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

Konfliktstoff
(Matthäus 10, 34-39)

Liebe Gemeinde,

Anke Birnbaum ist Paartherapeutin in Hamburg. Was schadet in einem Streit am meisten? Ihre Antwort auf diese Frage lautet: Die eigene Sichtweise als die einzig „richtige“ oder „angemessene“ zu betrachten. Und sie rät Streitenden deshalb: Unterstellen sie ihrem Partner positive Absichten. Dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass auch das Ergebnis gut ausfällt.

Markus Troja aus Oldenburg ist Schlichter in Wirtschaftskonflikten. Seine Antwort auf die Frage, was in einem Streit am meisten schadet, lautet: Angst! Je größer die Angst, dass man sich nicht behaupten kann, desto unerbittlicher sieht man in den eigenen Forderungen die einzig mögliche Lösung. Seine persönliche Leitlinie lautet deshalb: Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte und berechtigte Beweggründe. Jedes Verhalten im Konflikt hat deshalb Gründe, für die man sich interessieren sollte. Und den Streitenden rät er deshalb: Widerstehen sie dem Drang, das persönliche Gespräch zu meiden.

Juan Diaz-Prinz aus Berlin ist international eingesetzter Vermittler in Krisengebieten. Für ihn schadet in einem Streit am meisten, zu glauben, dass es immer nur um sachliche Probleme geht, die sich rational lösen lassen. Und seine Leitlinie lautet deshalb: Wenn wir etwas nachhaltig bewegen wollen, müssen wir Menschen die Chance geben, ihre Feinde als Partner zu erleben.

Und noch ein Paar möchte ich zitieren, Stephanie Hamkens und Raimund Schmeller aus Berlin sind Familienmediatoren. Für sie schaden in einem Streit am meisten verallgemeinernde Formulierungen wie „Du bist immer…“ oder „Wir sind grundverschieden, daran wird sich nichts ändern.“. Ihre persönliche Leitlinie lautet deshalb: Jenseits von Richtig und Falsch gibt es einen Ort. Dort treffen wir uns. Und Streitenden raten sie: Die beste Lösung ihres Konflikts kennen nur Sie. Machen Sie sich gemeinsam auf den Weg. ((Aus GEO-Wissen Nr. 59, S. 8-21))

Liebe Gemeinde dies sind nur einige kurze Zitate aus diesem sehr interessanten Heft der Reihe GEO Wissen, das unter der Überschrift steht „Die Kunst zu streiten“. Auf meine Urlaubsreise in der vorletzten Woche habe ich dieses Heft mit großem Interesse gelesen. Und das hat mir drei Dinge sehr eindrücklich vor Augen geführt:

Erstens: Ein Leben ohne Konflikte gibt es nicht, weder familiär noch beruflich noch gesellschaftlich. Konflikte gehören zum Leben dazu, weil wir alle verschieden sind und alle unsere eigenen Erfahrungen mit dem Leben gemacht haben.

Zweitens: Wer Konflikte unbedingt vermeiden will, zum Beispiel weil er Angst vor der Auseinandersetzung hat, weil er meint, dass streiten nichts bringt oder einfach ‚um des lieben Friedens willen‘, der handelt töricht. Denn mit dieser Vermeidungsstrategie dient er gerade nicht dem Frieden, sondern vergrößert letztlich nur das Konfliktpotential.

Und drittens: Konflikte auszuhalten und auszutragen ist deshalb nichts Verwerfliches. Wichtig ist allerdings, dass wir schädliche Herangehensweisen vermeiden und konstruktive Leitlinien nutzen lerne, so, wie die Vermittler und Mediatoren es beschreiben. Wenn wir das tun, dann können wir an Konflikten wachsen und reifen und sie im besten Fall sogar lösen. Und das kann dann wirklich dem Frieden dienen.

Diese Erkenntnisse vorausgesetzt, komme ich nun auf unseren Predigttext. Denn unüberhörbar ist: Auch hier geht es um Konflikte. Wer sich positioniert, wer sich für Jesus und seinen Weg entscheidet, der wird Konflikten nicht entgehen. Es wird Streit geben, sogar mit den nächsten Verwandten. Denn christlich glauben heißt nicht, ‚everybodys darling‘ zu sein, sondern es heißt, eine klare Haltung zu haben und zu leben. Und eine solche ruft nie nur Zustimmung hervor, sondern immer auch Widerspruch. Daran trennen sich dann auch die Geister. Und deshalb sagt Jesus: Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.

Mit diesen Worten sagt Jesus nun allerdings nicht, dass wir einander mit Waffengewalt bekämpfen. Denn nicht das Schwert im wortwörtlichen Sinne sollen wir aufnehmen, sondern – so sagt er ausdrücklich - das Kreuz: Es ist das Kreuz der Unsicherheit, wie der Konflikt wohl ausgehen wird. Es ist das Kreuz der Emotionen, die sich in manchen Konflikten ja erheblich hochschaukeln. Es ist das Kreuz der mühsamen Vermittlung, das Kreuz der Kompromisse. Und es ist zuweilen auch das Kreuz des Scheiterns.

Und hier berühren sich Jesu Worte nun direkt mit den Hinweisen der eingangs zitierten Konfliktberater: Wer so viel Angst hat, das er nur sich behaupten, nur seine Meinung durchsetzen will, der wird sein Leben verlieren. Wer aber den anderen als Partner sehen lernt und ihm positive Absichten unterstellt, wer den Mut hat, damit auch etwas von sich aufzugeben, ein Stück seiner Sicht der Dinge ein Stück seines Lebens zu verlieren, der wird sein Leben erhalten. Das ist es, was Konfliktberater raten. Und das ist es auch, was Jesus uns vorlebt und worin wir ihm nachfolgen sollen, eben um unser Leben zu gewinnen.

Soviel zur Theorie. Am Schluss komme ich jetzt zur Praxis und ich denke da zunächst an einen Partnerschaftskonflikt, von dem ich in der letzten Woche erfahren habe. Dieser Konflikt führt die Partner leider dazu, dass sich zu mindestens einer der Partner mehr und mehr aus dem Gespräch verabschiedet. Um die Konflikte nicht noch weiter eskalieren zu lassen, wie er sagt. Eben weil er Angst hat vor der Eskalation und den möglichen Folgen.

Nun wissen wir alle, dass es Momente gibt, in denen ein Gespräch nur scheitern kann. Auch Jesus hat das erlebt. Aber er hat dennoch nicht geschwiegen. Er hat dem Drang widerstanden, das persönliche Gespräch zu meiden. Zugleich hat er aber jenseits von richtig und falsch nach dem Ort gesucht, wo sich Zerstrittene treffen können. Dieser Ort war für ihn das Reich der Himmel, das Reich Gottes. Das war für ihn und das kann auch für uns der Ort der Versöhnung sein. Und deshalb ist es unsere Aufgabe, ihm in den Konflikten unserer Zeit und unseres Lebens auf der Suche nach diesem Ort nachzufolgen.

Dass dies manchmal nur schwer oder sogar gar nicht gelingt, davon erzählt das zweite Konfliktbeispiel, auf das ich in der letzten Woche durch die Zeitung gestoßen bin. Dieser Konflikt betrifft den AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland und seine Familie. Seine Tochter Dorothea Gauland ist nämlich Pastorin, Pastorin in Rüsselsheim. Sie selber hat einen Flüchtling aus Eritrea bei sich aufgenommen. Sie ist entsetzt über die Ansichten ihres Vaters. Aber eine Verständigung ist bisher unmöglich. Er hat ihr nur geraten: Pass gut auf dich auf.

Bei dieser Geschichte sind mir nochmal die Worte des Wirtschaftsschlichters aus Oldenburg eingefallen: Je größer die Angst, dass man sich nicht behaupten kann, desto unerbittlicher sieht man in den eigenen Forderungen die einzig mögliche Lösung. Denn in diesem Fall bleibt mir nur die Hoffnung, dass die Familie Gauland und wie sie auch viele andere Menschen in unserem Land nicht in diesen Ängsten untergehen sondern sie überwinden.

Die Auseinandersetzung aber, die muss gewagt werden, egal, wie diese ausgeht, damit die Angst nicht von vornherein das letzte Wort hat. Das hat Jesus vorgelebt. Und deshalb sagt er: Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Damit wir die Angst überwinden. Damit wir die Sprachlosigkeit überwinden. Und damit wir das Kreuz der Konflikte auf uns nehmen. Und wenn wir das wagen, dann gilt uns auch seine Verheißung. Sie lautet: Auf diesem Weg ist es möglich, Kompromisse zu finden und wirklichen Frieden zu erreichen. Und: Wer sich auf diesen Weg wagt, der wird sein Leben nicht verlieren, sondern gewinnen.

Amen

 

 

 

5. November 2017, Pastor Olav Metz