Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)

Erwählt!
(5. Mose 7, 6-12 / Matthäus 28, 16-20)

Liebe Gemeinde,

als erstes möchte ich sie heute zu einer Hochzeit mitnehmen. Letzte Woche haben sich Caroline und Christoph hier in der Kirche in Groß Zicker das Ja-Wort gegeben. Extra aus der Schweiz sind sie dafür angereist. Und hier heiraten zu dürfen, damit hat sich für die Beiden, so haben sie mir erzählt, ein Traum erfüllt.

Caroline und Christoph haben sich lieb. Deshalb haben sie sich letzte Woche hier in der Kirche versprochen, einander Treu zu sein. Und ich erzähle heute davon, weil es in unserem Predigttext um ein sehr ähnliches Versprechen geht: Gott verspricht dem Volk Israel die Treue. Er erwählt dieses Volk als sein Volk und geht einen ewigen Bund mit ihnen ein. Und ausdrücklich wird erwähnt: Nicht, weil dieses Volk besonders groß und eindrücklich ist, sondern weil er es liebt.

Die Liebe ist der Grund für die Erwählung, bei Caroline und Christoph genauso wie bei Gott und seinem Volk Israel. Und das zu betonen, ist mir sehr wichtig. Denn das zeigt: Natürlich ist diese Liebe und das sich daraus ergebende Treueversprechen eine Bevorzugung eines Partners vor allen anderen. Wenn es aber wirklich Liebe ist, dann ist gerade dies nicht gegen andere gerichtet. Denn Liebe soll nicht ausgrenzen, sondern vielmehr ausstrahlen. Bei Caroline und Christoph auf alle, die mit ihnen auf dem Weg sind. Und bei Gott und seinem Volk Israel auf die ganze Welt, so, wie es schon Abraham verheißen worden ist: Durch Dich sollen alle Völker der Erde Segen erlangen.

Dieser Bund zwischen Gott und seinem Volk Israel endet deshalb nicht mit Jesus Christus, sondern erweitert sich durch ihn erneut zum Angebot Gottes für alle Welt. Besonders Paulus hat sehr nachdrücklich darauf hingewiesen. Das heißt, auch wir als Christen sind letztlich Kinder dieser Liebe und dieser Erwählung. Wir sind durch den christlichen Glauben Kinder des Juden Jesus. Als Nachgeborene wachsen wir sozusagen in den Bund Gottes mit seinem Volk hinein. Weil Gottes Liebe nicht ausgrenzt, sondern ausstrahlt, genauso wie bei Christoph und Caroline in der letzten Woche.

Nach dieser ‚Hochzeitsreise‘ möchte ich sie als zweites mit nach Augsburg nehmen. Dort war ich vor drei Wochen im Urlaub und unter anderem war ich auch in der dortigen Synagoge. Es ist eine der wenigen Synagogen auf deutschem Boden, die die Zeit des dritten Reiches überstanden hat. 100 Jahre ist sie gerade alt geworden. Und deshalb war kurz zuvor sogar der Bundespräsident dort zu Besuch.

Eine kleine Ausstellung im Vorraum der Synagoge dokumentiert sehr eindrücklich das jüdische Leben in Augsburg im Laufe der Jahrhunderte. Und das ist angesichts von Ausgrenzung, Verfolgung und Vertreibung auch immer wieder eine beklemmende Geschichte. Wie aber, so frage ich mich, kommt es, das sich jüdisches Leben immer wieder neu entfaltet hat und das es auch heute wieder eine jüdische Gemeinde in Augsburg gibt?

Wenn ich es richtig sehe, dann steckt die Antwort auf diese Frage, ebenfalls in unserem Predigttext. Der Grund ist, so scheint mir, das felsenfeste Vertrauen der Juden, von Gott geliebt zu werden von ihm erwählt zu sein und deshalb in einem ewigen und unverbrüchlichen Bund mit ihm zu stehen. Ich glaube, es ist dieser Bund, aus dem Juden bis heute ihre Kraft schöpfen. Denn der ist unzerstörbar, egal was passiert. Und das trägt sie, auch durch Katastrophen hindurch.

Übersetze ich dies auf uns als christliche Gemeinde, so bedeutet das: Wenn wir uns auch als Kinder dieser Erwählung verstehen, dann wird sich auch unsere Zukunft letztlich nicht an Gemeindegliederzahlen oder Strukturen oder einer mehr oder weniger privilegierte Stellung in unserer Gesellschaft entscheiden. Unsere Zukunft wird sich vielmehr daran entscheiden, ob auch wir der Liebe Gottes und seinem Treueversprechen trauen. Oder kurz gesagt: Entscheidend ist, ob wir unserer Taufe trauen. Denn die ist ja unser christliches Zeichen für diesen Bund.

Wenn wir dieses Vertrauen haben, dann werden widrige Umstände auch uns nichts anhaben können, denn wir werden aus der Kraft dieser Erwählung leben. Wenn wir es aber nicht haben, dann werden uns auch die besten äußeren Umstände nicht retten können und wir werden am Ende nur noch eine Randnotiz in der Geschichte Gottes mit seinem Volk sein.

Soviel zur Augsburger Synagoge und ihrer Gemeinde und dem, was sich für uns als Gemeinde daraus ergibt. Als drittes und letzte möchte ich sie heute nach Altomünster mitnehmen. Auch das liegt in Bayern und ich bin im Urlaub ebenfalls dort gewesen. Dort gab es bis letztes Jahr das einzige Kloster des Ordens der Birgittinnen auf deutschem Boden. Zurück geht dieser Orden auf die heilige Birgitta von Schweden, die 1999 neben Katharina von Sienna und Edith Stein vom Papst zur Schutzpatronin Europas erhoben worden ist und deren Todestag sich heute zum 644. mal jährt; 1373 ist sie gestorben.

In unserem Predigttext wird ja ausdrücklich gesagt, dass Gott sein Volk heiligt. Und auf Birgitta komme ich, weil sie durch ihr Leben gezeigt hat, was es bedeutet geheiligt zu sein.

Zunächst bedeutet es natürlich, der Liebe Gottes und seinem Bund zu vertrauen – wie eben im Zusammenhang mit der Augsburger Synagoge erläutert. Als zweites gehört dann aber auch dazu, die nötigen Konsequenzen daraus zu ziehen. Oder um es mit den Worten unseres Predigttextes zu sagen: Deshalb, also weil Gott dich liebt, sollst du auf seine Weisungen achten und seine Gebote halten.

Birgitta hat dies getan. Nach dem Tod ihres Mannes hat sie ihren Orden gegründet. Mit ihm und durch ihn hat sie ein vielfältiges geistliches Leben entfaltet. Zugleich hat sie sich aber auch in die Dinge dieser Welt eingemischt: Als Hofmeisterin des jungen Königs Magnus Eriksson, als Vermittlerin im Krieg zwischen England und Frankreich, als Unterstützerin und Kritikerin des Papsttums und als Sozialarbeiterin für Pilger, Studenten und Prostituierte in Rom.

Ich denke, Birgittas Leben zeigt deutlich, was unsere Aufgabe ist, wenn wir durch den Liebesbund Gottes geheiligt sind: Unsere Aufgabe ist es, dann selber zu lieben, sozialdiakonisch aber durchaus auch politisch, und bitte immer auch als Unterstützer und Kritiker unserer Kirche.

Der Liebe Gottes und seinem Treuversprechen trauen. Und dann den Bund Gottes mit Leben füllen und seine Liebe lebendig werden lassen, darum ging es Mose vor mehr als 2.500 Jahren. Darum geht es den Juden bis heute. Und ich denke, um nichts anderes geht es auch bei uns. Denn Gottes Bund heiligt auch uns.

Also: Trauen wir diesem Bund und füllen wir ihn mit Leben.

Amen

 

 

23. Juli 2017, Pastor Olav Metz